Direkt zum Inhalt

Draußen tobt der Sturm: Zum Pontifikat von Benedikt XVI.

DruckversionEinem Freund senden
Vatikankenner Marco Politi legt inmitten der weltweiten Krise der römisch-katholischen Kirche eine Bilanz des benediktinischen Pontifikats vor – eine Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen. Dass Papst Benedikt XVI. die wesentliche Verantwortung dafür trägt, kann sich Politis jedoch nicht vorstellen.
Dienstag, 12. Februar 2013
Benedikt XVI. – Krise eines Pontifikats

Katholiken aller Richtungen gehen in Deutschland auf klare Distanz zum Papst. So könnte man die Einzelergebnisse einer Mitte Januar 2013 veröffentlichten, in Zusammenarbeit mit verschiedensten katholischen Organisationen und Verbänden erstellten Milieustudie über "religiöse und kirchliche Orientierungen" zusammenfassen.

In Marco Politis fast zeitgleich in deutscher Sprache erschienenem Buch „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ ist diese Studie selbstredend noch nicht gewürdigt. Und doch bestätigt sie eine der Thesen der voluminösen Darstellung: Deutschland erweist sich zunehmend als „Brennspiegel für Benedikts ungelöste Probleme“.

Der bekannte italienische Vatikanist referiert auf gut 500 Seiten großen Ereignisse dieses Pontifikats. Ruhig und sachlich, bisweilen sogar fast vorsichtig, mit einer großen Liebe zum Detail nimmt er den Leser noch einmal mit in eine Geschichte voller Pleiten, Pech und Pannen.

Ohne Gnade wird der Leser erneut konfrontiert mit den Skandalen um die Islam-Rede in Regensburg, die fatalen, unsensiblen Äußerungen im Konzentrationslager Auschwitz, die Versäumnisse und Ausreden im Missbrauchskandal, die inkonsequente und gefährliche Verteufelung von Kondomen auf seiner Afrika-Reise sowie das Buhlen um die Zuneigung des Antisemiten Williamson und seiner fundamentalistischen Piusbruderschaft. Auch die Vatileaks-Affäre und der damit verbundene, neu aufflammende Vatikan-Bank-Skandal werden ausführlich dargestellt.

Das Bild, das dadurch entsteht, ist für italienische Verhältnisse ungewöhnlich schockierend. Sehr bald kann sich aber auch der Leser des Eindrucks nicht erwehren, dass Politi selbst vor seiner eigenen Bilanz erschrickt und es durch die Grundthese auszugleichen sucht, die das ganze Buch wie ein roter Faden durchzieht: Benedikt sei umgeben von schlechten Beratern und würde medial unzureichend vermittelt; er sei ungeeignet für Führungsaufgaben, ihm fehle schlicht die politische Fortune. Auf der anderen Seite sei er aber ein „faszinierender Prediger und Intellektueller“, fromm und bescheiden, im kleinen Kreis auch humorvoll. „Tiefgründig“ sei sein Denken. Er habe nie Karriere machen wollen und sich nie um das Amt des Papstes gerissen.

Viele Benedikt-Kenner sehen dies ganz anders. So zeigt etwa Alan Poseners Streitschrift „Der gefährliche Papst“, dass Benedikts Denken in vielen Fällen über rhetorisch geschickt verklingeltes Wiederbeleben von Stereotypen nicht hinauskommt. Eine Oberflächlichkeit, die von der postulierten Schwarz-Weiß-Diastase zwischen der bösen Moderne und seiner Kirche als Hort der nicht hinterfragbaren Heiligkeit herrührt. Immer wieder gewinnt man den Eindruck, dass Politi irgendwie um diese Problematik weiß, sie sich selbst aber nicht eingestehen oder seiner (zunächst) italienischen Leserschaft nicht zumuten kann. Allenfalls in Bildern. Etwa dort, wo die Rede davon ist, dass der „Papst sich in seinem Palast verschanzt, während draußen ein Sturm tobt …“

Benedikts selbsterklärter Rücktritt, der jetzt von Politikern aller Couleur als Heldentat gefeiert wird, hat auch noch eine andere Seite: Er verschafft sich durch den Rücktritt einen unglaublichen strategischen Vorteil. Er kann jetzt an entscheidender Stelle bei den Vorbereitungen der Wahl seines Nachfolgers mit die Fäden ziehen. Er will im Vatikan wohnen bleiben, und selbst wenn er dort nur für seinen Nachfolger betet, wird seine pure Präsenz zur Belastung für den „Neuen“. Und schließlich hat er noch einen weiteren Vorteil: er kann jetzt schon vollumfänglich all die lobenden Nachrufe genießen, die den Särgen seiner Vorgänger nachgerufen wurden. Auf lange Sicht gesehen, werden vielleicht alle die Pannen und Peinlichkeiten dieses Pontifikates zugunsten des Rücktritts in den Hintergrund treten.

Marco Politi: Benedikt. Krise eines Pontifikats. Aus dem Italienischen von Petra Kaiser, Walter Kögler, Antje Peter und Rita Seuß. Rotbuch-Verlag 2013. 544 Seiten. 19,99 Euro.