Direkt zum Inhalt

Vom Fressen und Gefressen werden

DruckversionEinem Freund senden
Der Amerikaner Anders Nilsen lässt in „Große Fragen“ eine Horde Buchfinken den Rätseln des Daseins auf die Spur gehen und nimmt den Leser mit seinem ebenso eindringlichen wie anrührenden Comicroman gefangen.
Montag, 10. Dezember 2012
Nilsen: Große Fragen

Es dürfte kaum einen Haushalt geben, in dem nicht mindestens eine der philosophischen Weisheiten aus der Welt von Charly Brown, Snoopy, Lucy van Pelt und den vielen anderen Helden aus Charles M. Schulz’ weltberühmter Comicserie „Die Peanuts“ legendär ist. Schulz ist es in seinen Strips, die sich vereint zu einem umwerfenden Roman über das Lebens fügen, wie keinem anderen gelungen, die großen und die kleinen Fragen des Daseins in ganz alltägliche Szenen zu packen. Mit seinen kindlichen Figuren, denen allen ein Philosoph innewohnt, ist er den Rätseln und Geheimnissen der Existenz auf die Spur gekommen. „Die Peanuts“ haben nicht nur ein Millionenpublikum amüsiert, sondern auch zum Nachdenken gebracht.

Bis jetzt war Schulz unübertroffen. Mit dem Erscheinen von Anders Nilsens famosem Comic Große Fragen hat sich das geändert. Darin erzählt der amerikanische Comicautor auf sage und schreibe 600 Seiten vom (Über-)Leben und Sterben, Lieben und Hassen, Hoffen und Träumen, Wundern und Staunen, Genießen und Entbehren. Und als sei dies nicht genug, macht er dies aus einer noch nie dagewesenen Perspektive: aus der von Buchfinken.

Da ist Algernon, der Partnerin und Nest verloren hat und über einige Umwege an eine Schlange gerät, die ihn aber nicht erwartungsgemäß mit einer Frühstücksportion verwechselt, sondern ihm zurück ins Leben helfen will. Curtis ist der Philosoph unter den Buchfinken, der sich lieber die Krümel vor der Nase wegpicken lässt, als sich die Frage zu verkneifen, ob er eigentlich selbst für das Glück in seinem Leben verantwortlich ist oder auf das Schicksal vertrauen kann. In ihn verliebt ist Betty Sentry, die – um ihn zu beeindrucken – eine Art Totenwache übernimmt, Nester aus Knochen baut und beginnt, Geister zu sehen. Curtis Skeptizismus wird immer wieder von Morris herausgefordert, der ebenso gern philosophiert und nach dem Eigentlichen hinter den Dingen fragt. Sie alle leben in einer Kolonie inmitten des Nichts, in der ein Haus steht, bewohnt von einer alten Frau und ihrem zurückgebliebenen Sohn. Wer hier lebt, ist zurückgeworfen auf das eigene Sein und den Rhythmus der Natur – bis dieser unterbrochen wird.

Ein Flugzeug stürzt ab, fordert Todesopfer und Verletzte unter den Vögeln und macht den „Idioten“ zu einem obdachlosen Waisenkind. Ob es Liebe, Empathie oder Mitleid ist, die den kleinen Bayle dazu bewegt, sich zu ihm hingezogen zu fühlen, erfährt man nicht. Zumindest lässt er den zum Leben Unfähigen nicht aus den Augen und versucht liebevoll – wie es einem Buchfinken möglich ist – ihn vor allem Unbill zu beschützen. Der Pilot des abgestürzten „Riesenvogels“ – oder ist es eher ein „fliegendes Haus“? – erhält alle Aufmerksamkeit des geflügelten Zwingly, was diesen am Ende fast das Leben kostet. Und im Hintergrund lauern die Krähen, denen alles egal ist, solange die nächste Leiche in Aussicht steht.

Anders Nilsen - Screenshot

Screenshot der Homepage des Künstlers

Der Amerikaner Anders Brekhus Nilsen ist in Deutschland bislang nur wenigen bekannt. In seiner Heimat, aber auch in Frankreich und Belgien, ist er bereits zu einigem Ruhm gelangt. Originale seiner minimalistischen Zeichnungen – im vorliegenden Comic in Schwarz-Weiß – werden im Netz für fast eintausend Dollar gehandelt. Sein mit surrealistischen Elementen ausgestatteter Comicroman ist in den USA zunächst in 15 Einzelalben erschienen. Ebenso viele Jahre hat er daran gearbeitet, bis sein Epos abgeschlossen war.

Auf den ersten Blick sieht man diese jahrelange Arbeit den aufs Wesentliche reduzierten Bildern nicht an. Aber eben dieses Reduzieren erfordert das genaue Arbeiten, bei dem Übergänge und Rhythmen, Bildaufteilungen und Bilderfolgen genau abgestimmt sein wollen. Denn ein zu starkes Reduzieren würde sonst zur Loslösung der ohnehin fantastischen Erzählung von der Wirklichkeit führen. Aber genau dies geschieht nicht: „Große Fragen“ ist bei aller Fantasie eine postmoderne Geschichte über den Sinn und Unsinn der Existenz, vom Fressen und Gefressen werden – bereinigt von jeglichen politischen oder ideologischen Hintergrundgeräuschen.

Nilsen beweist darüber hinaus seine überaus große Kunstfertigkeit. In Albuquerque studierte er Malerei und Installation, an der Kunsthochschule in Chicago noch ein weiteres Jahr Malerei, bis ihm aufging, dass er nicht seine Bilder erzählen lassen, sondern selbst mit seinen Bildern erzählen wollte. In seinem Studium aber entwickelte er ein Gefühl dafür, wie man selbst mit kleinsten Mitteln große Wirkung erzielen kann; weshalb es ihm auch gelingt, mit wenigen Strichen Emotionen, Stimmungen und Haltungen auf die einfach gezeichneten Finken zu übertragen. Nilsen erzählt mit wenigen Worten ebenso amüsante wie herzzerreißende Geschichten. Die Kombination aus beidem ist nicht einfach nur faszinierend zu betrachten, sie führt zu der erschütternden Eindringlichkeit, die dieser Erzählung zugrunde liegt.

Man kann diesen Fabel-haften Bildroman unmöglich nacherzählen oder zusammenfassen. Denn in ihm steckt alles – oder nichts. Wer sich nicht einlassen will auf diese ebenso liebevolle wie erschütternde, anrührende wie skrupellose Geschichte über das Leben, der wird in ihr auch nichts entdecken. Wer aber erst einmal sein Herz für Nilsens fliegende Erzähler geöffnet hat, der findet in dieser Geschichte das ganze Leben.

Nilsen: Große Fragen

Anders Brekhus Nilsen: Große Fragen oder Asomatognosie: Wessen Hand ist das eigentlich? Aus dem Amerikanischen von Tim Jung. Atrium Verlag 2012. 603 Seiten. 39,95 Euro.

Homepage und Blog von Anders Brekhus Nilsen.