Direkt zum Inhalt

Bretter, auf denen wir die Politik deuten

DruckversionEinem Freund senden
Die politische Debatte scheint bühnenreif. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie die deutsche Theaterlandschaft erobert. Die diesseits-Redaktion hat sich für Sie umgesehen, wo und in welcher Form die politische Debatte auf der Bühne stattfindet.
Sonntag, 9. Dezember 2012

Wenn an dieser Stelle die Frage der Eroberung der deutschen Bühnen durch die politische Debatte erkundet werden soll, muss zunächst eine Frage vorab geklärt sein: Kann Theater überhaupt unpolitisch sein? Kann man Antigone oder Hamlet, Faust oder die Dreigroschenoper überhaupt politikfrei auf die Bühne bringen? Kann man Sophokles oder Lessing, Ipsen oder Reza ohne politischen Bezug inszenieren. Die Antwort muss lauten: Schwerlich. Es geht hier aber nicht um die Frage, ob Theater als solches politisch sein kann oder in welchem Ausmaß es politisch ist, sondern um die viel einfachere Erörterung der gesellschaftlich-politischen Debatte auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“.

Mit provokanten Bildern lockt das Deutsche Theater die Berliner zur politischen Debatte.

Mit provokanten Bildern lockt das Deutsche Theater die Berliner zur politischen Debatte | Ausschnitt aus dem Titelbild des dt-Magazin Nummer 1 Spielzeit 2012/2013

Beginnen wir unsere Rundreise in Berlin, der Stadt, mit der vielfältigsten Theaterlandschaft Deutschlands. Die renommierteste Adresse ist das Deutsche Theater in der Schumannstraße 13a. Unter der Intendanz von Ulrich Khuon hat man gleich die gesamte aktuelle Spielzeit unter das Motto der Demokratie gestellt. Vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzkrise gelte es zu ergründen, ob es „einen neu zu findenden oder zu erfindenden europäischen Mythos gibt“ und „ob die repräsentative Demokratie die Idealform ist“, erklärt Khuon. Dies geschieht nicht nur mittels der aktuellen Inszenierungen – von der griechischen Saga der Labdakiden, die aus den Werken von Sophokles, Euripides und Aischylos emporsteigt, bis hin zu dem kongenial in Szene gesetzten Roman „Demokratie“ von Michael Frayn – in Matinee- und Abendveranstaltungen, bei denen das Schauspiel der Diskussion aktueller gesellschaftspolitischer Fragen Platz macht. So erklärte kürzlich der Politologe Herfried Münkler im DT, wie sich die Demokratie gegen Wirtschaft und Gesellschaft selbst behaupten [!] kann und in der Reihe „Gregor Gysi trifft…“ – einem seit Jahren gut besuchten Klassiker am dritten Sonntag im Monat – führt der Linkspolitiker immer wieder interessante Debatten über die Fragen der Zeit.

Die Berliner Schaubühne lädt einmal im Monat in den „Streitraum“ ein. Die Zeit-Journalistin und Autorin Carolin Emcke führt als Moderatorin und Denkanstoßgeberin durch die Diskussionsrunde, die an die Vorlage des Late-Night-Talk angelehnt ist, nur etwas formaler und ernster daherkommt. Der Auswahl der eingeladenen Gäste scheint hier ein journalistisch-aufklärerisches Qualitätsmerkmal zugrunde zu liegen und nicht, wie bei Jauch, Lanz und Konsorten, die Kriterien der Kamera- und Boulevardtauglichkeit. Äußerst angenehm, intellektuell anregend und höchst spannend. Themen wie „Säkularismus oder Post-Religion – welche Rolle spielt der Glaube noch in der gegenwärtigen Demokratie?“ oder „Digitale Demokratie – ist das noch postdemokratisch oder schon nicht mehr?“ stehen in den nächsten Monaten auf dem Plan. Ein besonders hervorzuhebender Service der Schaubühne liegt in der Videoarchivierung der bereits durchgeführten Debatten, so dass man sich die Diskussionen von Themen wie „Die ‚Überflüssigen‘ – oder wie Menschen in die Unsichtbarkeit gedrängt werden“, „Die Kinder Abrahams und der neue Kampf um alte Tabus – Religion und Sexualität“ oder „Meine Krise, deine Krise oder: Wer hat Angst vor dem sozialen Abstieg“ auch noch im Nachhinein anschauen kann. Neben den „Streitraum“ tritt an der Schaubühne in jeder Spielzeit noch die Reihe „Streit ums Politische“, die in diesem Jahr unter dem Motto „It's capitalism, stupid!“ gemeinsam mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung stattgefunden hat. Dabei ging es um die Fokussierung der „neuralgischen Punkten eines ökonomischen Denkens, das sich von der Ideologie einer unsichtbaren Hand löst“, um die Möglichkeiten einer Ökonomie zu diskutieren, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellt.

Szene aus

Szene aus "Capitalista, Baby!" am Deutschen Theater | Foto: Arno Declair

Am Dresdener Schauspielhaus findet während der Spielzeit eine Ringvorlesung statt. Aktuell steht diese unter dem Motto „Open Up! Politisch kommunizieren zwischen Talkshow, Tweet und Theater“. Dabei geht es um die Zeitungskrise und investigative Blogs, um Lobbyismus und dessen manipulative Kraft sowie um die unterschiedlichen Nachrichtenströme im digitalen Zeitalter („Unterschiedliche Kanäle – unterschiedliche Weltanschauungen?“). Am Deutschen Nationaltheater in Weimar werden in einzelnen Veranstaltungen „Phänomene des Alltags“ erkundet. Dazu gehört zum Beispiel die Frage nach dem Elend der Freelancer in der Kreativwirtschaft, die jeden Auftrag annehmen und doch kaum über die Runden kommen. Dazu kommen die so genannten Stadtreden, in Dresden die Dresdener Reden im Februar, in Weimar die Weimarer reden im März, die von renommierten Personen aus Kultur, Politik, Publizistik oder Wirtschaft gehalten werden.

Das Residenz-Theater in München wartet mit einzelnen Begegnungen und Interviews auf der Bühne auf. Keine feste Reihe, das Politische wird hier noch – wie übrigens auch an Hamburgs Thalia-Theater – in den Inszenierungen behandelt. In der diesjährigen Spielzeitpause hing über dem Eingang des Münchener Theaters ein großes Transparent: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht.“ Politische Abstinenz sieht anders aus.

Titelblatt des dt Magazins

Titelbild des dt-Magazin Nummer 2 Spielzeit 2012/2013

Im Schauspiel Frankfurt diskutieren Daniel Cohn-Bendit oder Michel Friedman regelmäßig mit Polit- und Kulturprominenz. Michel Friedman etwa debattiert in den nächsten Monaten über Lügen (mit Simone Dietz), Wahnsinn (mit Wolf Singer), Verantwortung (mit Paul Nolte), Moral (mit Axel Honneth), Hoffnung (mit Friedrich Schorlemmer), Freiheit (mit Jutta Limbach) und Sterben (mit Nikolaus Schneider). Darüber hinaus veranstaltet das Haus in dieser Spielzeit die Gesprächsreihe „Nach dem Fortschritt“, die sich regem Interesse erfreute. Wissenschaftler, Künstler und Politiker diskutierten im 6-Wochen-Rhythmus Fragen wie…

Welchen Fortschritt wollen wir? Wer legt die Kriterien dafür fest, was es zu verbessern gilt und wie der angestrebte Idealzustand aussehen soll? Und vor allem: Wer entscheidet, wer welchen Preis für welchen Fortschritt bezahlt? Rohstoffknappheit, Klimawandel, Burnouts, Schuldenkrise und wachsende Ungleichheit sind nur einige Schattenseiten der ungebrochenen Forderung nach fortwährendem Wachstum und permanenter Leistungssteigerung. Ist der Fortschritt am Ende? Was heißt das für die Organisation des Zusammenlebens einer Gesellschaft und ihre Zukunftsentwürfe?

Eine besondere Aktion präsentiert zweifelsohne das Schauspiel Hannover mit dem botanischen Langzeittheater „Die Welt ohne uns“. Mit vierzehn Akten in fünf Jahren, inszeniert unter freiem Himmel in Hannover, wird hier eine Reise in die Vergangenheit und die Zukunft des Menschen unternommen.

Längst wissen wir Menschen, dass wir ein evolutionäres Zufallsprodukt sind. Trotzdem handeln wir noch immer so, als wären wir der Mittelpunkt des Universums. Die Welt ohne uns wagt einen Bruch mit diesem Selbstverständnis: Das botanische Langzeittheater reist in die fiktive Zukunft einer Erde, von der die Menschen verschwunden sind. … Was bleibt von unseren Kunstwerken und Müllbergen in einem, in tausend, in einer Million Jahren?

Wenn das keine großen politischen Fragen sind. Allein die Debatte, der Austausch mit den Zuschauern, kommt etwas zu kurz. In diesen Zusammenhang passt auch das seit drei Jahren bundesweit laufende Projekt „Über Lebenskunst“, in dem neue Initiativen und Projekte nach dem „guten Leben“ in der globalen ökologischen Krise suchen. Aktive aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Bildung, Politik und Gesellschaft entwickelten Ideen und Ansätze für ein nachhaltiges Leben – immer öfter auch auf deutschen Theaterbühnen.

In Düsseldorf veranstaltet das städtische Schauspiel die Reihe „Enthusiasm“, in der es darum geht, Momente, in denen die Welt veränderbar schien, zu erinnern und zu diskutieren. „Momente der Möglichkeiten, sei es in der Formulierung einer Konzeption des Zusammenlebens, sei es in der Neukodierung von Zeichen zur Beschreibung der Welt.“ Den Machern geht es dabei nicht um das retrospektive Beschauen, sondern um das Aktivieren von Energie, um das Aufgreifen von Bewegung, um das Organisieren von Enthusiasmus und Enthusiasten. Das Düsseldorfer Schauspiel organisiert hier das, was Stephane Hessel in seiner letzten Streitschrift „An die Empörten dieser Erde“ gefordert hat:

Bleibt nicht dabei, empört zu sein, sondern zeigt Verantwortung. Verändert diese Welt, habt Mitgefühl, seid Bürger einer wahrhaften Weltgesellschaft.

Zuhören, Nachdenken, Mitdiskutieren, Aktivwerden – all dies wird inzwischen nicht mehr nur in den Parteien organisiert, sondern auch zunehmend in den Theatersälen deutscher Schauspielhäuser. Ein durchaus gutes Zeichen für eine keineswegs politikverdrossene Gesellschaft.

Wenn auch Sie auf politische Debatten, Diskussions- und Veranstaltungsreihen in Theatersälen in Ihrer Umgebung hinweisen möchten, dann können Sie das im Kommentarbereich tun.