Direkt zum Inhalt

Der heilige Gral echter Zusammenarbeit

DruckversionEinem Freund senden
Ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile? Aristoteles war sich dessen sicher. Ist Egoismus also gar nicht schädlich für das Wohlergehen einer Gesellschaft? Der amerikanische Soziologe Richard Sennet geht in seinem aktuellen Buch dieser Frage auf den Grund. Anhand von vielen Beispielen aus Naturwissenschaft,Wirtschaft und Gesellschaft, aus Kunst, Musik und Architektur erkundet er, warum der Mensch kooperiert.
Donnerstag, 6. Dezember 2012
Richard Senett: Zusammenarbeit.

Am Anfang von Richard Sennetts neuester Analyse Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält steht eine niederschmetternde und doch unspektakuläre Diagnose: Die Fähigkeiten des Menschen, mit anderen zusammenzuarbeiten, seien geschwächt. Schuld sind Sennett zufolge die Ausprägungen der Moderne: Die „moderne Gesellschaft“, die „moderne Politik“, die „moderne Arbeitswelt“ und vor allem: der „moderne Kapitalismus“. Ihnen gemeinsam ist die Erosion sozialer Beziehungen. In kapitalistischen Gesellschaften werde der Austausch unter Menschen auf einen Informationsabgleich reduziert, so die Argumentation des Autors. Quid pro quo. Wir kooperieren mit anderen, um einen Nutzen daraus zu ziehen.

Der Autor, der sein Buch im Herbst in Berlin vorstellte (diesseits berichtete), entwickelt eine Typologie der uneigentlichen Kooperation. Deren Folge sei, dass wir uns narzisstisch, depressiv und demoralisiert zurückzögen. Die Gesellschaft zerfällt in Einzelteile, unfähig, den immer komplexer werdenden Ansprüchen zu genügen. Am Ende dieser Entwicklung stehen der unkooperative Mensch, Tribalismus und eine „Fuck-you-Aggression“.

Doch in der Mitte des Spektrums kooperativer Verhaltensweisen findet der amerikanische Soziologe ein Antiserum: die dialogische Kooperation, Sennetts „heiliger Gral“. Sie ist eine „handwerkliche Kunst, die alle Fähigkeiten, einander zu verstehen und aufeinander zu reagieren, um gemeinsames Handeln zu ermöglichen“, in sich vereinigt. Archäologisch legt er diese Alternative in verschiedenen Bereichen frei: in Werkstätten, in der Diplomatie und in der Organisation lokaler Gemeinschaften. Dabei bedient er sich eines essayistischen Verfahrens, das seinen Gegenstand eher einkreist als definiert.

Wer sich von dem Buch eine stringent ausgearbeitete Theorie der Kooperation erhofft, wird enttäuscht. Allzu lose liegen die Betrachtungen nebeneinander. Doch wer begriffliche Strenge ohnehin gerne meidet, wird sich über dieses Buch freuen.

Eines bleibt nach der Lektüre mit Sicherheit zurück: Ein Unbehagen über unsere kapitalistische Kultur und nach dem Willen des Autors der Wunsch, „gemeinsam etwas zustande zu bringen“.

Richard Sennett: Zusammenarbeit

Richard Sennett: Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaften zusammenhält. Übersetzt aus dem Englischen von Michael Bischoff. Hanser Berlin 2012. 416 Seiten. 24,90 Euro.

Hier können Sie in das Buch hineinlesen und hier geht es zur Homepage des Autors