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Fallstricke des Rechts

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Ursula Krechel lässt in „Landgericht“ einen ins Exil geflohenen jüdischen Juristen zurückkehren in das Land der Täter. Noch nie wurde der beschämende Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte derart akribisch und sprachgewandt seziert, wie in Krechels völlig zu Recht ausgezeichneten Roman.
Dienstag, 4. Dezember 2012
Landgericht

Auch wenn Dr. Richard Kornitzer, die Hauptfigur in Ursula Krechels mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman Landgericht, das „Zu-Boden-drücken“ der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten am eigenen Leib erfahren musste, kann er diese Wirklichkeit nicht begreifen. Wie war das möglich? Es gab doch Gesetze und Instanzen, die das hätten verhindern müssen. Recht – Unrecht, das waren doch objektive Größen, um die man nicht umhin kam.

Noch auf dem Schiff ins kubanische Exil – die beiden Kinder nach England gebracht, die eigene Frau in Deutschland zurücklassend – übt Kornitzer fassungslos die juristischen Vokabeln: „Recht – el derecho, Unrecht – la antijuridico“. Als würde das Wiederholen dieser Konstanten die Welt wieder in die Angeln heben, aus denen sie geraten war. Als ginge es darum, etwas vor dem Vergessen zu bewahren, was Gerechtigkeit möglich macht.

Gegen das Vergessen kämpft der Gerichtsdirektor sein ganzes Leben an. Krechel beschreibt in ihrem großen Roman dieses Anlaufen gegen Demütigungen und Tiefschläge, die der von den Nationalsozialisten Verfolgte hinnehmen muss. In tiefenpsychologischen Erkundungen erzählt sie von der Entmenschlichung der jüdischen Bürger durch die Nationalsozialisten.

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Von der kalten „Auslese“ der in Not Geratenen in den ausländischen Botschaften. Von Kornitzers Enttäuschung, nach dem Krieg kein neues Deutschland mit „wirklichen Gesetzen“ errichten zu können. Von der Erniedrigung, eingegliedert zu werden in einen juristischen Beamtenapparat, den er selbst als „Mitläuferfabrik“ wahrnimmt.

Krechel erzählt von der Schande der deutschen „Wiedergutmachungspolitik“, die lange Zeit nichts wieder gut machte, sondern nur dazu diente, dass sich ein Staat hinter juristischen Formeln verbarrikadieren und die Opfer ein zweites Mal verhöhnen konnte.

In zitternder Erregung verfolgt der Leser das Schicksal dieses Mannes, der, keineswegs ohne eigene Belastungen und Zumutungen mit sich herumzutragen, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln um seine Würde kämpft. Krechels Verdienst ist es, dass sie diesen versehrten Charakter keineswegs in eine Hülle des Bedauerns steckt, sondern einen durchaus streitbaren Menschen beschreibt, dessen Leben von Brüchen und Wendungen geprägt ist.

Im Sinne kühler Rechtsprechung erzählt Krechel dies in einem nüchternen Ton, der, weil er keinerlei emotionalen Spielraum mehr lässt, dem Leser den Boden unter den Füßen wegzieht. Und Kornitzer? „Er ist Teil des Gesetzes, das andere bedenkenlos beiseite schieben, und so fühlt er sich beiseite geschoben, übergangen, gefangen in seiner Vorstellung vom Gesetz, von Grund auf verletzt.“

Ursula Krechel: Landgericht. Verlag Jung und Jung. 495 Seiten. 29,90 Euro.