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„Politische Apathie können wir uns nicht leisten“

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Können Humanisten und Atheisten zufrieden auf den Wahlkampf zurückblicken? Was beeutet der Wahlerfolg von Barack Obama für das säkulare Amerika? Worauf kann man sich jetzt freuen und vor welchen Schwierigkeiten steht das Land? Die Analyse nach den US-Wahlen aus humanistischer Perspektive. Unser Autor Matthew Bulger von den US-amerikanischen Humanisten weiß, wovon er spricht.
Samstag, 1. Dezember 2012
Freiheitsstatue

Haben die US-Amerikaner mit Barack Obama mehr Freiheit gewählt? | © archfreak / photocase.com

Atmen Sie tief durch. Die Wahl ist endlich vorbei, und mit ihr die Sorge, der die religiösen Rechten in vielen Fragen unterstützende Mitt Romney könnte Präsident werden.

Diese Wahl war vor allem für nichtreligiöse Amerikaner wichtig. Nicht nur, weil über zwei Kandidaten und Parteien abgestimmt werden musste, die völlig unterschiedliche Auffassungen zur Trennung von Staat und Kirche haben, sondern auch, weil wir Religionsfreien das erste Mal als ein wichtiger Wählerblock wahrgenommen wurden. Wir machen jetzt etwa 20 Prozent der Bevölkerung aus und die Medien stellen nach und nach fest, wie mächtig wir als politische Gruppe sind. Als nichtreligiöse Amerikaner sollten wir uns darauf gefasst machen, in naher Zukunft in der gleichen Weise umworben zu werden, wie die vielen religiösen Wähler.

Dennoch, dieser Wahlkampf war für uns wahrlich kein großer Wurf. Die Kandidaten haben alle Arten von unwissenschaftlichen und rückwärtsgewandten Dingen behauptet, in der Regel aufgrund extremer religiöser Überzeugungen oder um diese zu verteidigen. Die Parteitage waren geprägt von einer eklatanten Förderung des Religiösen. Der lächerlichen Umdeutung der amerikanischen Geschichte zu Gunsten der Religionen durch die Republikaner stand der Kniefall der Demokraten vor der religiösen Wählerschaft gegenüber. Beide Präsidentschaftskandidaten vertraten enttäuschende Positionen zu den verschiedenen Fragen der Trennung von Staat und Kirche. Beide hatten verkündet, dass sie aufgrund ihres Glaubens in ihre Ämter gewählt worden seien. Die Wiederwahl des kalifornische Kongressabgeordneten Pete Stark, der mit der American Humanist Association (AHA) und anderen nichtreligiösen Interessengruppen zusammengearbeitet hatte und als erster bekennender Atheist in den Kongress gewählt wurde, ist gescheitert.

Kyrsten Sinema

Kyrsten Sinema wird voraussichtlich die ersten offen bisexuelle Kongressabgeordnete sein | Foto: Kyrsten Sinema via wikimedia

Gibt es auch gute Nachrichten? Ja, denn es sieht so aus, als würde Kyrsten Sinema, die der säkularen Bewegung nahe steht, ihr Kongressmandat in Arizona gewinnen. Auch unterlagen einige Kandidaten der extrem christlichen Konservativen, etwa Todd Akin und Richard Mourdock (beide Anhänger der Tea Party Bewegung), bei den Wahlen ihren demokratischen Kontrahenten. Hoffentlich ist dies ein Zeichen dafür, dass die amerikanischen Wähler des religiösen Fundamentalismus’ in der Regierung überdrüssig sind und eher sozial tolerante und säkulare politische Agenden unterstützen.

Auch die Wiederwahl von Präsident Barack Obama ist eine gute Nachricht für den Säkularismus. Denn Obama und seine Regierung waren in der Vergangenheit bereit, mit nichtreligiösen Amerikanern in einen Dialog zu treten. Der Präsident hat die Finanzierung der auf sexuelle Enthaltsamkeit zielenden Aufklärungsprogramme reduziert und machte sich für wissenschaftliche Forschung sowie die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen stark. Jede dieser von Barack Obama verteidigten Positionen führte zu Auseinandersetzungen mit den religiösen Hardlinern, die entschlossen wie eh und je ihre unwissenschaftliche und intolerante Weltanschauung durchzusetzen versuchen.

Unsere Politiker haben noch einen langen Weg vor sich, um ihre nichtreligiösen Wähler angemessen zu repräsentieren. Religiöse Günstlingswirtschaft ist immer noch weit verbreitet, es wird aber nicht immer so bleiben. Deshalb ist es wichtig, dass Humanisten ihre Abgeordneten mit ihren Positionen konfrontieren und daran arbeiten, ihre Meinungen beim Gesetzgeber bekannt zu machen. Politische Apathie können wir uns nicht leisten, vor allem nicht, wenn die religiöse Rechte weiterhin so viel Einfluss in unserer Hauptstadt hat.

Wir sind an einem ähnlichen Punkt, wie die LGBT-Bewegung vor der letzten oder vorletzten Wahl. Atheisten, Agnostiker und Humanisten werden zunehmend als potente Wählergruppe wahrgenommen. Wenngleich viele Amerikaner immer noch negative Gefühle uns oder unserem Nichtglauben gegenüber hegen, verblasst der Hass, weil unsere Haltung zunehmend zum Mainstream wird. Die Konfessionsfreien stehen am Anfang einer Entwicklung, die auch die LGBT-Bewegung durchgemacht hat. Sie entwickeln sich von einer marginalisierten zu einer bedeutenden Gruppe unter den Amerikanern. Sie können jetzt Einfluss auf Gesetze und diejenigen, die sie machen, gewinnen.

Es mag noch einen weiteren oder zwei Wahlgänge dauern, bis wir in der Lage sind, entscheidende politische Akzente zu setzen. Aber es gibt keinen Zweifel mehr, dass dieser Tag kommen wird.

Aus dem Amerikanischen von Thomas Hummitzsch