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Ein Jahr unter der Lupe

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Das Jahr 1913, welche Bedeutung hat es im kollektiven Bewusstsein der Welt? Es ist das Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Florian Illies beweist mit seiner famosen Collage "1913. Der Sommer des Jahrhunderts", dass dieses Jahr mehr ist.
Samstag, 1. Dezember 2012
Cover: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts.

Zum einhundertjährigen Jubiläum zeigt uns der Kunsthistoriker und Feuilletonist Florian Illies das Jahr 1913 als Höhepunkt des Jahrhunderts – wohl auch, weil über den folgenden Jahren der Schatten der deutschen Geschichte liegt.

Das Jahr 1913 aber steht ganz im Lichte des Moments und pulsiert. Auguste Rodin, Henri Matisse, Pablo Picasso und Marc Chagall präsentieren in Paris eine Gemäldesensation nach der anderen. In Wien sorgen Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Egon Schiele für Furore unter den Galeristen, während ein gewisser Dr. Sigmund Freud die Sexualität von ihren Fesseln befreit. So liebt es sich für Rainer Maria Rilke und Lou Andreas Salomé ganz ungeniert.

Dabei ist Freud selbst in Not. Er wird 1913 mit seinem Schüler Carl Gustav Jung die Klingen kreuzen. Herzklopfen und Ohnmachtsanfälle ruft die gewaltige Explosion des deutschen Expressionismus hervor. Sie lenkt vom Verbleib der gestohlenen Mona Lisa und der im Depot der Berliner Museen versteckten Nofretete ab.

Illies einzigartige Montage fügt sich zu einem grandiosen Porträt eines Jahres, in dem sich die Ereignisse in Kunst, Wissenschaft, Literatur, Politik und Gesellschaft überschlagen. Kein Wunder, dass ein Phänomen namens „Neurasthenie“ 1913 zur Modekrankheit avanciert: „Raste nie und haste nie, sonst haste die Neurasthenie.“ Marcel Prousts erster Satz in seinem bahnbrechenden Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" – wirkt wie aus der Zeit gefallen. Gottfried Benn, Robert Musil, Franz Kafka, James Joyce , Arthur Schnitzler, Thomas Mann und Heinrich Mann, sie alle gehören zur „übermüdeten Avantgarde, denen die Last ihrer großen, das Jahrhundert bewegende Romane den Schlaf raubt."

Florian Illies ist kein Proust, will es auch nicht sein. Und dennoch raubt er uns Lesern den Schlaf. Zumindest für eine Nacht, in der wir dieses Buch, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen wollen, bevor nicht die letzte Seite erreicht und alles in Vergessenheit Geratene gegenwärtiger ist denn je. Ein meisterhaftes Kunst-Werk.

Florian Illies: 1913

Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. S. Fischer Verlag. 320 Seiten. 19,99 Euro.