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Zwangsmissionierung in der Bundeswehr

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Wer glaubt, die Militärseelsorge wäre ebenso multikonfessionell aufgestellt, wie die Bundeswehr selbst, der irrt gewaltig. Geschätzte 60.000 Soldaten sind dem Versuch einer permanenten Missionierung ausgesetzt.
Samstag, 1. September 2012
Bundeswehr Seelsorge

Multikulti in der Bundeswehr? Nicht in der Seelsorge | Foto: VladGavriloff via fotolia.de

Der gesellschaftliche Wandel geht auch an der Bundeswehr nicht vorbei. Die kulturelle Vielfalt in unserer Gesellschaft muss Änderungen in der militärischen Praxis nach sich ziehen, etwa bei der Verpflegung, der Urlaubsregelung und der militärischen Seelsorge. Wie es um die multikulturelle Bundeswehr steht, wollten Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen von der Bundesregierung wissen. Sie stellten daher im April eine Kleine Anfrage (Drucksache 17/9300).

Die Religionszugehörigkeit bei der Bundeswehr wird nicht systematisch erfasst. Allein die Kirchenzugehörigkeit wird über die Lohnsteuer ermittelt. Die konfessionelle Zusammensetzung der Bundeswehr zu erschließen, ist daher schwierig. Der Antwort der Bundesregierung auf die Grünen-Anfrage (Drucksache 17/9482) kann man entnehmen, dass von den knapp 200.000 aktiven Soldaten etwa 63.000 evangelisch und 49.000 katholisch sind. Dies entspricht 56 Prozent aller Soldaten. Die übrigen Soldaten gehören dem Islam, dem Judentum und anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften an oder sind konfessionsfrei. Genaue Verteilung: unbekannt! Schätzungen aus dem Jahr 2010 sprechen von etwa 1.000 muslimischen und 200 jüdischen Soldaten. Erhöht man diese Zahl großzügig auf 3.000, bleiben noch 85.000 Soldaten. Zieht man entsprechend der konfessionellen Verteilung der Bundesbürger erneut zwei bis drei Prozent für die sog. anderen Religionen ab, bleiben 80.000 bzw. 40 Prozent konfessionsfreie Soldaten. Dies liegt deutlich über dem statistischen Wert der Konfessionsfreien in Deutschland. Um Erbsenzählerei zu vermeiden, sei die Zahl konfessionsfreier Soldaten großzügig auf 60.000 bzw. 30 Prozent aller Uniformierten reduziert.

Die Evangelische Kirche handelte 1957 im sog. Militärseelsorgevertrag mit der Bundesrepublik aus, für je 1.500 Soldaten einen Seelsorger entsenden zu dürfen. „Diese Regelung wird analog auch auf andere Religionen angewandt“, erklärt nun die Regierung. Auf Basis der o.a. Zahlen müssten dann neben 42 evangelischen und 33 katholischen auch mindestens ein muslimischer sowie 40 konfessionsfreie Seelsorger von der Bundeswehr gestellt werden. Vor dem Hintergrund der deutschen Historie böte es sich auch an, von dieser Regelung abzuweichen und einen Militärrabbiner zu stellen.

Die Wirklichkeit ist davon weit entfernt. 92 evangelische und 74 katholische Geistliche sind in der Bundeswehr aktiv, jeweils mehr als doppelt so viele wie vorgesehen. Selbst wenn alle 200.000 Bundeswehr-Soldaten evangelisch oder katholisch wären, wären das rein rechnerisch 40 Seelsorger zu viel.

Während das Verhältnis der konfessionellen Soldaten zu den Seelsorgern sehr großzügig zugunsten der Kirchen ausgelegt wird, nimmt man es in allen anderen Fällen ganz genau. „Eine signifikante Berücksichtigung von Vertretern nichtchristlicher Religionen scheiterte bislang zudem an der Tatsache, dass die Richtzahl von 1.500 Religionsangehörigen nicht erreicht wurde“. Aus diesem Grund versorgen die Militärgeistlichen „auf überkonfessioneller Basis“ alle anderen Soldaten gleich mit. Die Zufriedenheit der Betroffenen und ggf. andere Bedarfe werden nicht erhoben. Es gilt das Motto: Wer nicht christlich will, der hat schon.

Die christlichen Seelsorger dienen der Bundeswehr übrigens auch als „besonders qualifizierte Lehrkräfte“ für den lebenskundlichen Ethikunterricht, den alle Soldaten verpflichtend besuchen müssen. Das Kulturverständnis der Unterrichtsmaterialien reicht „zwei Jahrtausende“ zurück, heißt es u.a. in der Antwort der Bundesregierung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Hat man sich um Geistliche anderer Religionen oder bekenntnislose Ausbilder bemüht? Nein! „Da zurzeit der Unterricht durch Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger bzw. Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten abgedeckt wird, hat sich ein Bedarf bislang nicht ergeben.“ Bis dato wurde jeder potenzielle Bedarf an andersgläubigen Geistlichen oder konfessionsfreien Ausbildern bereits im Vorfeld von der enormen Überversorgung mit christlichen Seelsorgern erstickt. Grünen-Integrationspolitiker Memet Kilic kommentierte bissig, dass der „politisch korrekte pluralistische und freiheitliche Jargon“ der Regierung nicht verbergen könne, dass sie die Bereitstellung von Militärseelsorgern anderer Weltanschauungen ablehne.

Wer bislang geglaubt hat, der Staat würde sein verfassungsgemäßes Neutralitätsgebot in der Bundeswehr realisieren, ist nun eines Besseren belehrt worden. Soldaten der Bundeswehr sind offensichtlich dem permanenten Versuch der Zwangskonfessionalisierung ausgesetzt.

Die Grünen-Fraktion arbeitet aktuell an einem Folgeantrag, der voraussichtlich im Oktober eingereicht wird.