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Raus mit der Sprache

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Samstag, 1. September 2012

Wie klärt man Jugendliche in einer Zeit auf, in der sie mit sexuellen Botschaften nur so zugeschüttet werden? Diese Frage haben sich die Sexologin Ann-Marlene Henning und die Journalistin Tina Bremer-Olszewski gestellt. Entstanden ist Make Love, ein zeitgemäßes und modernes Aufklärungsbuch, das Jugendliche ansprechen will, „die anfangen Sex zu haben“. Entsprechend schüchtert dieses Buch nicht ein oder warnt mit moralinsaurer Drohgebärde vor den Gefahren und Sünden der (gleich-)geschlechtlichen Liebe, sondern will Jugendliche ermuntern, sich rechtzeitig bewusst mit sich und dem eigenen Körper sowie dem Gegenüber auseinanderzusetzen.

Ann-Marlene Henning & Tina Bremer-Olszewski: Make Love.

Ann-Marlene Henning & Tina Bremer-Olszewski: Make Love. Ein Aufklärungsbuch. Verlag Rogner & Bernhard 2012.

Vom ersten Kuss über die behutsame Erkundung des eigenen und fremden Körpers und dem ersten Mal bis hin zu den Raffinessen der körperlichen Liebe, von den körperlichen und hormonellen Voraussetzungen der Geschlechter über den Liebesakt bis hin zu möglichen Konflikten und Schwierigkeiten und deren Lösung – Make Love liefert alles, was Jugendliche brauchen und manches darüber hinaus. Die durchdachten Illustrationen und anspruchsvoll-schönen Fotografien tragen gewinnend dazu bei. Ganz nebenbei gelingt es den Autorinnen, mit Klischees und falschen Annahmen, die Jugendliche heute bewegen, aufzuräumen.

Der katholischen Kirche ist das zu viel des Guten. Ihr schmeckt nicht, dass in Make Love Masturbation empfohlen, gleichgeschlechtliche Liebe als normale Ausdrucksform von Sexualität und Liebe beschrieben, das eigene Ausprobieren sowie der Gebrauch von Kondomen nahe gelegt und über die Möglichkeiten der Abtreibung wertfrei informiert wird. Die eigene Verlagsgruppe Weltbild – die übrigens keine Skrupel hat, den puritanischen SM-Porno-Ramsch Shades of Grey unter die Leute zu bringen – nahm den Titel aus dem Sortiment, „weil Kinder und Jugendliche negativ beeinträchtigt werden könnten“. Man muss dem Verlag Recht geben. Solange das Ermutigen von Jungen und Mädchen, ihre Sexualität lustvoll zu entdecken und auszuprobieren, als negativer Einfluss verstanden wird, stimmt das. Auch der Kinder- und Jugendbuchexpertin Roswitha Budeus-Budde ist zuzustimmen, die über Make Love sagte, dass das Buch nichts für „anständige Katholiken“ sei. Bleibt zu ergänzen, dass das Aufklärungsbuch auch nichts für „anständige“ Protestanten, Muslime, Vegetarier, Weltverschwörer, Homöopathen und überhaupt all jene ist, die Anstand mit puritanischer Prüderie, biblischer Reinheitslehre oder sexueller Verklemmtheit verwechseln.

Kaum ein Roman von Weltrang ist nicht auf dem Index der katholischen Kirche gelandet. Von Homer, Plutarch, Cicero über Hippokrates, Paracelsus, Euklid und Platon bis zu Descartes, Kant, Rousseau, Voltaire, Diderot Heine, Balzac, de Beauvoir und Sartre - die Werke dieser und unzähliger anderer Autoren fanden sich alle auf dem Index der verbotenen Bücher des Vatikan wieder – wunderbar nachzulesen übrigens in Werner Fulds Buch der verbotenen Bücher. Und hätte es nicht solch beträchtliche finanzielle Konsequenzen für den Verlag, könnte man die Indizierung des Aufklärungsbuches durch den zweitgrößten deutschen Buchhändler durchaus als Ritterschlag betrachten.

Für Kinder und die Frühaufklärung ist Make Love tatsächlich nicht geeignet, aber das Buch ist das Beste, was die Aufklärungsliteratur für Jugendliche derzeit zu bieten hat. Unaufgeregt, empathisch, offen. Ein Aufklärungsbuch, das man sich früher selbst gewünscht hätte.

Ann-Marlene Henning & Tina Bremer-Olszewski: Make Love. Ein Aufklärungsbuch. Mit Fotografien von Heji Shin. Verlag Rogner & Bernhard 2012. 256 Seiten. 22,95 Euro.