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Perspektiven einer säkularhumanistischen Kultur

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Die konfessionell-weltanschauliche Landschaft Deutschlands befindet sich im Umbruch. Zeit darüber nachzudenken, was das für die humanistischen Praxisfelder bedeutet.
Samstag, 1. September 2012

Konfessionslosigkeit und säkulare Lebensentwürfe gehörten schon immer zur gesellschaftlichen Realität in Deutschland. Doch seit die Erosion der großen christlichen Kirchen ein Massenphänomen ist, scheint diese Realität deutlicher denn je in das öffentliche Bewusstsein zu gelangen. Nicht zuletzt führte der Zwei-Drittel-Anteil der Konfessionsfreien in Berlin zu jener legendären Niederlage des Volksbegehrens Pro Reli im Jahr 2009. Zudem: Eine von den Kirchen erhoffte „Re-Missionierung des Ostens“ ist keineswegs eingetreten. Hinzu kommt ein zunehmender Anteil an Muslimen mit einem deutlichen Schwerpunkt in westdeutschen Ballungsgebieten. Und es gibt – endlich – wieder eine gelebte jüdische Kultur im Land der Täter. Dies wird ergänzt durch zahlreiche Bestrebungen, die Gleichbehandlung von Muslimen und Juden, vor allem im Hinblick auf den Religionsunterricht in den Schulen bzw. die Lehrerausbildung, zu realisieren, wie erst jüngst in Hamburg beschlossen. Kurzum – die konfessionell-weltanschauliche Landschaft Deutschlands befindet sich in erheblichem Umbruch.

Papstprotest

Der Weg von der politischen Forderung zur Praxis ist manchmal weit. Dr. Bruno Osuch plädiert dennoch dafür, ihn zu gehen | Foto: Thomas Hummitzsch

Freilich ist nicht jeder, der aus der Kirche austritt, automatisch ein „Gottloser“. Vielfach gibt es auch die Erscheinung einer individuellen „Patchwork-Religiosität“. Ein auffälliges Indiz für eine zunehmende religiös-kulturelle Selbstbestimmung ist etwa die enorme Zunahme nichtkirchlicher bzw. „alternativer“ Hochzeiten und Bestattungen. Zur Erfassung jenes Anteils der Bevölkerung, der sich als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet und zugleich zu säkular-humanistischen Werten hingezogen fühlt, liegen empirische Befunde vor. So stimmt laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage des Jahres 2009 ein erheblicher Teil der Deutschen einer humanistischen Lebensauffassung zu, die gekennzeichnet ist durch „ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben frei von Religion und dem Glauben an Gott..., das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugungen beruht“ - und zwar 21 Prozent „voll und ganz“ und 35 Prozent „überwiegend“. Aktuelle Werte dürften diese Ergebnisse sicherlich übertreffen.

Demgegenüber steht jedoch eine nur in Ansätzen existierende organisierte Religionslosigkeit. Zwar ist die Palette an Organisationen innerhalb der säkularen Szene recht bunt. Aber bekannt sind solche Organisationen wie der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) oder die Giordano Bruno Stiftung (gbs) nur kleinen Teilen der Bevölkerung. Gleichwohl wird die Debatte, etwa um die Frage der enormen kirchlichen Privilegien oder den Status des Religionsunterrichtes, in weiten Teilen der Gesellschaft z.T. heftig geführt. Als Beispiel sei die Anfrage mehrerer Grünen-Abgeordneter im Bundestag vom Mai dieses Jahres zur „multikulturellen Identität der Bundeswehr“ genannt, in der u.a. auf die eklatante Überversorgung durch christliche Militärseelsorger im Verhältnis zur abnehmenden Zahl konfessioneller Soldaten abgehoben wird. Vor allem in den Parteien links von der CDU gibt es vielfache Initiativen, das Verhältnis Kirche-Staat neu zu definieren – von den säkularen Positionen bei den Piraten bis zur Gruppe der Laizisten in der SPD, die eine konsequente Trennung von Kirche und Staat nach französischem Vorbild diskutiert.

Radikale Kirchenkritik oder Gleichbehandlung?

Dabei wird gerade an der Diskussion innerhalb der SPD deutlich, worin das strategische Dilemma von Religionsfernen besteht: Die laizistische Forderung nach radikaler Abschaffung aller staatlichen Zuwendungen für Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften – etwa für den Religionsunterricht – würde jede öffentlich geförderte Form säkular-humanistischer Alternativen konterkarieren. Ein Beispiel ist der auch von der SPD unterstützte Humanistische Lebenskundeunterricht in den Schulen Berlins und Brandenburgs mit seinen über 50.000 Schülern, der die gleichen öffentlichen Zuwendungen erhält wie der christliche, jüdische oder muslimische Religionsunterricht in der Hauptstadt. Dieser Unterricht versteht sich als weltanschauliche Ergänzung der in Berlin allgemeinverbindlichen und weltanschaulich neutralen Ethik. Während im Fach Ethik der Vergleich der verschiedenen Positionen sowie die Schulung der Dialogfähigkeit im Vordergrund stehen, will der Lebenskundeunterricht Kinder und Jugendliche in einer dezidiert weltlich-humanistischen Lebenspraxis stärken.

Neugierig

Immer mehr Menschen wachsen frei von Religion und dem Glauben an Gott auf. Der humanistische Lebenskundeunterricht will die Neugier der Kinder auf die Welt anregen und sie stärken, ihren eigenen Weg zu finden.

Man ist sich zwischen den verschiedenen weltlichen Strömungen zwar einig in der Kritik an den enormen Privilegien der Kirchen, etwa in Form von staatlich alimentierten Bischofsgehältern samt Büro, Dienstwagen und Chauffeur. Wobei der Anachronismus vor allem darin besteht, dass es sich hierbei um sogenannte „Entschädigungszahlungen“ handelt, die im Rahmen der Verstaatlichung von Kirchengütern des Jahres 1803 vereinbart wurden und seitdem bis heute ohne Unterbrechung gezahlt werden! Fast alle Gruppen vereint ein kritisch-rationales Selbstverständnis mit den Werten der Selbstbestimmung und der sozialen und globalen Verantwortung. Dementsprechend gibt es auch Mehrfachmitgliedschaften bis in die Führungsspitzen von gbs, SPD-Laizisten und HVD.

Gleichwohl pocht ein Teil der säkularen Strömungen auf „Gleichbehandlung“, ohne freilich derartige anachronistische Privilegien zu beanspruchen. Vielmehr geht es ihnen vor allem um die Entwicklung von Alternativen einer humanistischen Praxis – ob in Form einer weltlichen Fest- und Feierkultur, als ethisch-humanistische Beratung in Krisen und am Lebensende oder in Form des Lebenskundeunterrichtes; und zwar unter gleichen Bedingungen öffentlich gefördert, wie dies bei anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften der Fall ist. Hierbei können sie sich auf das Grundgesetz berufen, denn im Bereich „Recht der Religionsgesellschaften“ heißt es in Artikel 137 Absatz 7 der Weimarer Reichsverfassung, auf den Art. 140 im Grundgesetz verweist:

Den Religionsgesellschaften werden die Vereinigungen gleichgestellt, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen.

Die zweifellos wichtigste säkulare „Weltanschauungsorganisation“, die in dieser Tradition der Gleichbehandlung und der religiös-weltanschaulichen Pluralität steht und die bereits eine relevante humanistische Praxis vorweisen kann, ist der HVD. Die Landesverbände Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sowie die Württemberger Humanisten besitzen seit vielen Jahrzehnten den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR), Berlin-Brandenburg strebt seit Jahren die Anerkennung als KdöR an. Es sind vorwiegend diese HVD-Landesverbände, die durch eine Vielzahl von Dienstleistungen für Konfessionsfreie zumindest eine regionale gesellschaftliche Bedeutung haben. Die traditionellen Tätigkeitsfelder werden heute ergänzt etwa durch die Humanistische Patientenverfügung, Kitas und Krippen, Hospizdienste, Sozialstationen, Beratungsstellen u.v.m. Bereichert werden die Angebote durch Hilfswerke, Akademien, Stiftungskooperationen und die Netzwerke der Europäischen Humanistischen Föderation (EHF) und der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU). Nicht zu unterschätzen ist schließlich die Vernetzung des HVD im politischen Spektrum und mit anderen Verbänden.

Staatliche Ethik oder Humanistische Lebenskunde?

Der Streit um den richtigen Weg innerhalb der säkularen Szene wird im Übrigen auch außerhalb Deutschlands heftig geführt. So gibt es in den Beneluxstaaten und in Norwegen ebenfalls starke Humanistische Verbände mit ausgeprägten – und öffentlich geförderten – sozialkulturellen Netzwerken; bis hin zu einer „humanistischen Militärberatung“ in Anlehnung an die „Militärseelsorge“ der Kirchen in den Niederlanden. In Frankreich hingegen lehnen die dort recht starken freidenkerischen Laizisten jegliche Arbeit in staatlichen Einrichtungen kategorisch ab. Und in Spanien haben die Säkularen wiederum mit Vehemenz für die Einführung eines lebenskundlichen – aber staatlichen – Unterrichts an den öffentlichen Schulen gestritten, dessen sexualkundliche Inhalte sogar den Vatikan auf die Barrikaden brachte, weil dieser darin einen Angriff auf unsere „kulturellen Wurzeln“ sah.

Für den HVD ist die Sache in Teilen noch komplizierter. Einerseits pocht er auf konsequente Gleichbehandlung und geht z.B. zur Durchsetzung seiner Rechte auf einen eigenen Lebenskundeunterricht vor Gericht. Entsprechende Verfahren sind derzeit in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen anhängig. Dabei gilt ein Urteil des Landesverfassungsgerichtes in Brandenburg als Vorbild, weil das Urteil der Verfassungsrichter in seiner Begründung für die gleichberechtigte Einführung der Humanistischen Lebenskunde neben dem Religionsunterricht der Kirchen weit über Brandenburg hinauswies. Die Richter verbanden den oben genannten Artikel zur Gleichbehandlung von Weltanschauungsgemeinschaften mit dem Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes, der besagt, dass Religionsunterricht „in den öffentlichen Schulen […] ordentliches Lehrfach“ sei und „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt“ werde. Entsprechend habe eine anerkannte Weltanschauungsgemeinschaft wie der HVD in jedem Bundesland das Recht, einen eigenen „bekenntnisgebundenen“ Unterricht anzubieten. Alles andere verstoße gegen das staatliche Neutralitätsgebot. Auf einen entsprechenden juristischen Vorstoß des bayerischen HVD reagierte jüngst die dortige Kultusbehörde auf Grund der Faktenlage erstaunlich klar: Humanistische Lebenskunde ist in Bayern ein ordentliches Lehrfach und tritt an die Stelle des Religionsunterrichts. Das gilt für die HVD-eigene Grundschule in Fürth und analog auch für die öffentlichen Schulen.

Grundschule Fürth ohne Aufbau

Der humanistische Lebenskundeunterricht macht an der humanistischen Grundschule in Fürth – hier der Neubau, der im kommenden Jahr eröffnen soll – schon Schule. Der Unterricht könnte laut Auskunft der Bildungsbehörde auch in ganz Bayern stattfinden. HAGEN ® Architekten GmbH

Ganz im Unterschied dazu haben sich die Humanisten in Niedersachsen und die dortige Landesregierung auf den Kompromiss geeinigt, den juristischen Streit vorerst auf Eis zu legen. Hintergrund ist u.a. ein Uraltbeschluss des HVD-Vorgängerverbandes, der seinerzeit auf einen eigenen Unterricht zugunsten des damals neuen staatlichen Faches Werte und Normen verzichtete, wobei dieser aber nur über Beratungsgremien von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften beeinflusst werden kann, also staatlich neutral bleibt. In diesem Konflikt in Niedersachsen wird das Dilemma einer vornehmlich laizistischen Strategie deutlich – unter Verzicht auf eigene humanistische Alternativen setzt man einseitig auf den Staat, während an den Grundschulen einzig die Kirchen weiterhin ihren Religionsunterricht fortsetzen können. Das Fach Werte und Normen wird erst in der Sekundarstufe gelehrt. Die Debatte bei den niedersächsischen Humanisten ist inzwischen wieder voll in Gang.

In Berlin-Brandenburg hingegen setzt man auch in Sachen Lehrerausbildung ganz auf das Prinzip Gleichbehandlung. So existiert bereits seit 1999 ein HVD-eigenes Ausbildungsinstitut für ein staatlich anerkanntes Ergänzungsstudium, das als An-Institut der Technischen Universität angeschlossen ist. Für die über zwanzig Kitas wurde 2012 eine eigene Humanistische Fachschule für Sozialpädagogik in Anwesenheit der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres eröffnet. In der Hauptstadt geht man bei den strategischen Überlegungen längst weiter. Argumentativ unterstützt etwa vom Spandauer SPD-Bundestagsabgeordneten Swen Schultz, für den die Gleichbehandlung der Muslime genauso selbstverständlich ist wie die der Humanisten, arbeitet der HVD an einem universitären Netzwerk zur Humanismus-Forschung.

Welche Chancen eine solche Strategie der humanistischen Praxis und der Gleichbehandlung birgt, wurde in einer Analyse der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) aus dem Jahr 2011 deutlich:

Die großen Chancen des HVD liegen im Ausbau seines Dienstleistungsangebots. Gerade […] die Betonung einer humanistischen Ausrichtung […] dürfte für viele Konfessionslose attraktiv sein.

Das Beispiel des HVD zeige die „Potenziale eines der Gegenwart verpflichteten, dialogbereiten humanistisch eingestellten Atheismus auf.“ Der Verfasser resümiert, „dass die Idee einer spezifisch religiös motivierten Leitkultur angesichts einer pluralistischen Gesellschaft zunehmend an Plausibilität“ verliere und insofern „auch die derzeitige Debatte um eine christlich-jüdische Leitkultur […] langfristig den Intentionen des HVD nützen“ würde. Vor diesem Hintergrund ist der HVD gut beraten, statt einer vornehmlich laizistischen Strategie weiterhin voll und ganz seine Strategie von praktischem Humanismus und Gleichbehandlung in einer offenen und pluralen Gesellschaft zu verfolgen.