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Editorial

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Dienstag, 28. Februar 2012
diesseits Nr. 98 / 1 - 2012

diesseits Nr. 98 / 1 - 2012

Liebe Lesende,

für viele Atheisten hat das Wort Spiritualität den Igitt-Faktor. Irgendwo zwischen schamanischem Tanz, Chakrenstimulation und Karmapflege kommt ihnen diese geschwurbelte Geistigkeit zu liegen, und sie soll dann bitte auch bleiben, wo wie ist: nämlich bei den anderen.

Aber ist Spiritualität wirklich immer nur esoterischer Humbug? Kann es nicht auch eine atheistische, eine naturalistische Spiritualität geben, die nicht auf etwas vermeintlich "Höheres", sondern auf nichts anderes verweist als das Menschsein? Der Philosoph Joachim Kahl plädiert dafür, und viele, die sich z.B. in der humanistischen Arbeit mit Sterbenden engagieren, sehen das auch so. Doch ein solches Thema darf umstritten sein. Natürlich lassen wir auch kritische Stimmen ausführlich zu Wort kommen.

Bilden Sie sich also selbst eine Meinung. Vielleicht bringt das Nachdenken darüber ja beim einen oder anderen von Ihnen eine Saite zum Klingen. Ich gebe zu: Mir geht es so. Als ich vor vielen Jahren noch regelmäßig mit dem Fernrohr zu den Sternen sah, habe ich dort nicht nur physikalische Phänomene gesehen, sondern immer auch das Wunder des Kosmos erahnt. Nichts Menschliches ist mir fremd, sagte Montaigne. Auch nicht, sich ab und zu das Erhabene zu gönnen - eine gewisse misstrauische Reserve muss dabei nicht schaden.

Es grüßt Sie,

Michael Bauer