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Fake News: Nachrichten mit demokratiezersetzender Wirkung

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Das Phänomen „Fake News“ und seine Auswirkungen auf demokratische Entscheidungsprozesse wird spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 und dem Brexit-Referendum breit diskutiert. Der Philosoph und Streitforscher David Lanius hat sich eingehend mit „Fake News“ beschäftigt. Wir haben mit ihm über ihre problematische Rolle in sozialen Medien und ihren Einfluss auf die Politik gesprochen – und darüber, was wir Fake News entgegensetzen können. Das Interview führte Lydia Skrabania.
Montag, 27. Dezember 2021

Der Philosoph und Streitforscher David Lanius. Foto: privat

Herr Lanius, wir müssen zunächst mal klären, was „Fake News“ eigentlich sind. Oft werden mit diesem Begriff ja ganz unterschiedliche Dinge bezeichnet.

Ja, meiner Kollegin Romy Jaster und mir war das vor einigen Jahren auch aufgefallen. Daraufhin haben wir uns diesem Problem angenommen und eine ordentliche Begriffsbestimmung vorgenommen. Wir haben uns viele mögliche Definitionen angeschaut und sind die verschiedenen Fälle durchgegangen, die als Fake News erfasst werden sollten – und auch Fälle, die eben nicht als Fake News erfasst werden sollten, zum Beispiel Satire oder journalistische Fehler oder auch Verschwörungstheorien. Das lässt sich nur klar differenzieren, wenn man eine Definition von „Fake News“ hat. Und die haben wir entwickelt.

Und sie lautet…?

Fake News sind Nachrichten, die zwei Mängel aufweisen: einen Mangel an Wahrheit und einen Mangel an Wahrhaftigkeit. Mangel an Wahrheit bedeutet, dass diese Nachrichten entweder falsch sind – da steht etwas wörtlich Falsches – oder sie sind irreführend – da steht zwar nichts wörtlich Falsches, aber was darüber hinaus kommuniziert wird, ist falsch. Solche Irreführungen findet man bei einer ganzen Reihe von Fake News. Der Grund: Die Autor*innen können sich in diesem Fall besser herausreden, wenn sie der Falschheit überführt werden. Ein Mangel an Wahrheit ist also eine notwendige Bedingung dafür, dass eine Nachricht Fake News ist.

Und die zweite notwendige Bedingung ist der Mangel an Wahrhaftigkeit?

Richtig. Mangel an Wahrhaftigkeit bedeutet, dass die Nachrichten entweder mit einer Täuschungsabsicht oder mit einer Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit in die Welt gesetzt wurden. So gibt es politische Akteure, die die Menschen über bestimmte Sachverhalte täuschen wollen und dazu entsprechende Fake News in die Welt setzen. Was aber – vor allem in den sozialen Medien – noch häufiger ist, ist Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Im Fachjargon nennt man das auch „Bullshit-Einstellung“, das heißt, hier haben wir Akteure, denen es egal ist, ob das, was sie verbreiten, wahr oder falsch ist – Hauptsache sie erreichen ihre Ziele. Ein Beispiel hierfür ist der Fall der mazedonischen Teenager, die im Jahr 2016 während des US-Präsidentschafts-Wahlkampfes damit angefangen haben, Fake News zu verbreiten, und denen es dabei völlig egal war, was diese Nachrichten aussagen oder welche politische Botschaft sie haben – Hauptsache, sie konnten damit Geld verdienen.

In dem Buch, dass sie gemeinsam mit Romy Jaster geschrieben haben, heißt es, Fake News habe es schon immer gegeben. Was heute aber neu ist, seien ihr Ausmaß und ihre Verbreitung, vor allem durch die soziale Medien.

Ja, wenn man sich im Internet bewegt, kommt man an diesem Phänomen kaum noch vorbei. Allerdings gibt es vermutlich auch ein erhöhtes Problembewusstsein dafür. Unsere These in dem Buch ist, dass es heute mehr Fake News gibt, sie sichtbarer sind und durch die Dynamik in den sozialen Medien Probleme entstehen, die vorher so nicht bestanden.

Welche wären das?

Leider befinden wir uns noch in einem relativ frühen Stadium der Forschung, so dass es bislang noch wenig Hypothesen gibt, die empirisch klar bestätigt sind. Was man aber wohl sagen kann: Fake News führen tendenziell zu schlechteren Entscheidungen, weil Menschen falsch informiert sind oder von den relevanten Fragen abgelenkt werden. Außerdem führen sie tendenziell zu einem allgemeinen Vertrauensverlust. Rezipient*innen von Fake News zweifeln eher an den normalen epistemischen Autoritäten – also an den klassischen Medien, an Politiker*innen und an Wissenschaftler*innen. Dabei ist allerdings noch offen, wie groß der Anteil ist, den Fake News an dieser Entwicklung haben und wie stark andere Faktoren dazu beitragen, wie zum Beispiel Filterblasen. Was wir sicher wissen, ist, dass es Akteure gibt, die genau dieses Ziel haben; die eine Art „Infokrieg“ betreiben, um auf diesem Wege die westlichen Demokratien zu destabilisieren und hierzu unter anderem Fake News verbreiten. Wenn Menschen nicht mehr wissen, welchen Kanälen sie vertrauen können – auch wenn sie nicht unbedingt jeder Fake News glauben –, dann erzeugt das eine Irritation, die auch gesamtgesellschaftlich Entscheidungsprozesse schwieriger machen kann.

Müsste man Fake News hier nicht auch noch einmal differenzierter betrachten? Eine ausgedachte Nachricht über die Hochzeit eines Promis in der Klatschpresse ist in ihrer Wirkmacht ja nicht gleichzusetzen mit gezielten Desinformationskampagnen und den Fake News, die wir zum Beispiel im Vorfeld des Brexit-Referendums gesehen haben.

Das ist absolut richtig. Ich glaube allerdings, dass ein Effekt stets darin besteht, dass der Wert Wahrheit in der Öffentlichkeit seinen Stellenwert verliert. Dass es den Menschen, die Fake News konsumieren, zunehmend gleichgültiger wird, was tatsächlich wahr ist – sie wollen einfach unterhalten werden. Das ist auch ein Teilaspekt, der die sozialen Medien allgemein problematisch macht; denn primär geht es den meisten Menschen bei der Nutzung der sozialen Medien darum, unterhalten zu werden oder soziale Beziehungen zu pflegen – es geht fast nie um Erkenntnis und Wahrheit.

Welchen Einfluss haben Fake News auf die Politik?

Das ist schwer allgemein zu beantworten. Ich denke, in Deutschland hält sich die Problematik relativ in Grenzen. Wir sind vergleichsweise gut gewappnet mit unserem sehr eingespielten, halbwegs solide finanzierten Mediensystem, wo in den allermeisten Fällen nach journalistischen Qualitätsstandards gearbeitet wird. Wir haben eine ganze Reihe an hervorragenden Akteuren wie Correctiv oder dem Faktencheck der Tagesschau, die Fake News etwas entgegensetzen können, zumindest im Nachhinein. Das ist allein zwar keine Lösung, aber doch ein wichtiger Baustein. Außerdem haben wir eine Politik, die relativ gut funktioniert, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern. Probleme werden aufgedeckt und, wenn es zu Fehlverhalten kommt, folgen daraus im Regelfall Konsequenzen. Es sind verschiedene Institutionen, die zusammenspielen und dazu beitragen, dass Fake News eben nicht den Effekt haben, den die genannten Akteure sich erhoffen. In vielen anderen Ländern – wie in Ungarn, Russland, Nigeria, Indien und zeitweise auch in den USA unter Trump – ist der Effekt von Fake News auf die Politik vermutlich größer – zumal dort die Politik zum Teil selbst mitmischt und Fake News als Instrument für die eigenen Belange einsetzt. In Russland ist dies vielleicht am deutlichsten zu sehen. Dort ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien allgemein sehr niedrig, weil konstant Falschheiten kolportiert werden – was am Ende den nachhaltigen Effekt hat, dass die demokratische Meinungsbildung der Bürger*innen erschwert wird und dann demokratische Entscheidungsprozesse nicht mehr funktionieren.

Was ist mit dem Phänomen derjenigen in Deutschland, die „Lügenpresse“ schreien? In dieser Gruppe herrscht ja ein starkes Misstrauen gegenüber den seriösen, vor allem öffentlich-rechtlichen Medien. Ist das eine Randerscheinung? Etwas, das in der Realität kleiner ist als es wirkt, einfach weil diese Leute so laut sind?

In Deutschland ist das auf jeden Fall ein Randphänomen. Es ist eine kleine, überschaubare Gruppe, die zumindest in letzter Zeit auch nicht mehr gewachsen zu sein scheint. Es gibt verschiedene Studien, die klar zeigen, dass das Medienvertrauen insgesamt in letzter Zeit wieder gestiegen ist und dass die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ein relativ hohes Vertrauen in die seriösen Medien hat. Auf der anderen Seite gibt es allerdings etwa zehn Prozent, die man als radikale Systemgegner bezeichnen kann, die tatsächlich „Lügenpresse“ rufen, sich über ihre eigenen Parallel-Medienuniversen informieren und auch nicht mehr so leicht ansprechbar sind. Das ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. In anderen Ländern kann man sehen, dass diese Gruppe von Leuten, die den epistemischen Autoritäten der Gesellschaft nicht mehr vertrauen, wachsen kann. Zum Glück gibt es in Deutschland dafür aber momentan keine Anzeichen.

Eine Ihrer Thesen ist, dass die informierte Öffentlichkeit eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie ist. Wie wirkt sich der Zuwachs von Fake News darauf aus?

Nur, wenn die Bevölkerung ungefähr weiß, was die großen gesellschaftlichen Fragen sind, welche Positionen die politischen Parteien dazu einnehmen und was die Wissenschaft zu den empirischen Grundlagen dieser Fragen sagt, kann sie Entscheidungen treffen, die ihre eigenen Interessen abbilden. In Ländern wie Ungarn oder Russland, die nicht (mehr) klarerweise Demokratien sind, in denen jedoch Wahlen stattfinden, sehen wir, dass die Bevölkerung häufig nicht weiß, welche Wahlentscheidungen ihre eigenen Interessen abbilden. Wenn Menschen fehlinformiert sind, setzen sie ihr Häkchen am Ende eher dort, wo sie es nicht setzen würden, wenn sie richtig informiert wären. Das allein würde das demokratische System noch nicht unterminieren, auch wenn es die Legitimität demokratischer Entscheidungen infrage stellt. Aber wenn zusätzlich Akteure auf der politischen Bühne erscheinen, die die Demokratie verachten und Fake News für ihre Ziele einsetzen, dann gibt es ein Problem. Wenn solche Leute gewählt werden, dann wird die Demokratie schrittweise abgeschafft. Das ist etwas, das wir leider derzeit vermehrt beobachten können.

Was kann man Fake News und deren zunehmender Verbreitung entgegensetzen? 

Kurzfristig im Prinzip nur zweierlei: löschen und korrigieren. Faktenschecks hatten wir bereits angesprochen. Vor allem dann, wenn Fake News strafrechtlich relevant sind, sollten sie zudem gelöscht werden. Denn oft haben Fake News Komponenten von Hate Speech. Der Grund: Sie sind besonders erfolgreich, wenn sie emotionalisieren und mobilisieren – und das geht am einfachsten gegen Andere. Diese Kombination mit Hate Speech macht sie neben ihrer demokratiezersetzenden Wirkung noch gefährlicher: dass Bevölkerungsgruppen stigmatisiert und Gewaltaufrufe sowie tatsächliche Gewalt provoziert werden. Löschen und korrigieren hilft dabei leider nur sehr begrenzt; es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Eben, wir können nicht nur den Plattformen hinterherrennen und versuchen, bereits entstandenen Schaden abzumildern. Sie haben im Buch ja auch einige Lösungsansätze beschrieben – was ist noch zu tun?

Romy Jaster und ich sehen zwei grundlegende Ansätze, die zwar nachhaltiger sind – aber leider auch nicht so schnell Früchte tragen. So liegt ein Teil der Lösung in besserer Bildung, und zwar nicht im Sinne von Wissensvermittlung, sondern von einer Schulung kritischen Denkens, auch zur Vermeidung eigener Denkfehler. Das passiert an deutschen Schulen bisher kaum und, wenn, dann nicht systematisch. Der zweite Ansatz fordert es, in der Öffentlichkeit eine Streitkultur zu leben, die diesen Namen auch verdient; dass wir als Bürger*innen sehen, die Politiker*innen und andere Personen des öffentlichen Lebens halten sich an grundsätzliche moralische und epistemische Normen. Es werden Argumente ausgetauscht und bei Fehlern wird tatsächlich nachgebessert. Die klassischen Talkshows sind das perfekte Beispiel, wie es nicht laufen sollte. Hier wird nicht aufeinander eingegangen, hier inszeniert man sich für das Publikum und die anderen Gesprächspartner*innen sind nur Statist*innen für die eigene Performance. Dadurch wird ein Bild von demokratischem Streit vermittelt, der nicht förderlich ist, weil dabei Fakten nicht so wichtig sind und epistemische Normen verletzt werden. Dort sind tatsächlich ähnliche Mechanismen am Werk wie in den sozialen Medien. Bis zu einem gewissen Grad ist das legitim, weil wir natürlich auch ein Recht auf Unterhaltung haben. Aber aus einer demokratischen Perspektive ist das Bild von Streitkultur und Politik, das dadurch in den Köpfen der Menschen entsteht, höchst problematisch. Das könnte man anders machen, indem man mit gutem Beispiel vorangeht. Indem man zeigt, dass man sich von Argumenten des Gegenübers überzeugen lassen kann. Dass einem Fakten wichtig sind. Dass man, wenn man erkannt hat, dass man etwas falsch verstanden hat, das auch eingesteht. All das sind zentrale Werte, die in unserer Demokratie auf jeden Fall ausbaufähig sind und sie widerstandsfähiger gegen Fake News machen würde.

Herr Lanius, danke für das Interview!

David Lanius (*1984) ist Philosoph und Streitforscher. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruhe Institute of Technology (KIT), aktuell vertritt er die Professur für Philosophiedidaktik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. 2017 gründete er gemeinsam mit Romy Jaster das Forum für Streitkultur. Mit Jaster veröffentlichte er außerdem u.a. den Band „Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen“.