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Hoffnung durch Bildung - Humanistische Schulen in Uganda

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Ein schweres koloniales Erbe, lähmende religiöse Einflüsse und die Coronapandemie. Von Till Eichenauer.: In Uganda gibt es mehr Probleme als Lösungen. Eine Handvoll humanistischer Schulen bringt Hoffnung in ein Land, in dem Bildung der Schlüssel für eine bessere Zukunft ist.
Montag, 28. Juni 2021

Foto: Andrew West

Das ostafrikanische Uganda gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die rund 40 Millionen dort lebenden Menschen müssen im Durchschnitt mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen. Gleichzeitig ist das Land sehr jung: Über Dreiviertel der Bevölkerung sind unter 25 Jahren alt. Für eine Zukunftsperspektive dieser jungen Menschen braucht es Bildung.

Einer von diesen jungen Menschen ist Joan Mukisa. Als junges Mädchen lebte sie nach mehreren Schicksalsschlägen mit sechs Geschwistern bei ihrer alleinerziehenden Mutter, die es als Fabrikarbeiterin nicht schaffte, die Schulgebühren für ihre Kinder aufzubringen. Eines Abends hörte die damals Zwölfjährige im Radio von einer Schule mit Stipendienprogramm für begabte Kinder aus armen Familien. Sie reiste quer durchs Land und bestand die Aufnahmeprüfung der Schule mit dem Stipendienprogramm.

Diese Schule war die Mustard Seed School: Eine von fünf humanistischen Schulen des Landes, 100 Kilometer nord-östlich der Hauptstadt Kampala, mitten im ländlichen Uganda. Moses Kamya hat die Schule aufgebaut und berichtet, wie es dazu kam: „Nach dem Studium habe ich als Lehrer an einer evangelikalen Schule gearbeitet. Hier bekam ich aber schnell Probleme wegen meiner humanistischen Ansichten und habe bald meine Stelle verloren. Kurz darauf nahm ich an einer internationalen humanistischen Konferenz teil und beschloss, in meine alte Heimat zurückzukehren und eine Schule zu gründen.“

Zu Beginn mietete der junge Lehrer einen Raum an und beginnt zunächst mit dem Unterricht für nur drei Schüler*innen. „Nach und nach kam ich in Kontakt mit den anderen, neugegründeten humanistischen Schulen in Uganda. Wir schrieben an das New Humanist-Magazin und baten um Unterstützung für unser Projekt. Von hier an machten wir schnell Fortschritte.“

Unterstützung aus Großbritannien

Steve Hurd, ein engagierter Humanist aus Großbritannien, hörte von der neugegründeten Schule. Er begann in seiner Heimat Geld für das Projekt zu sammeln. Im ersten Jahr kamen 400 Pfund zusammen, gedacht für den Kauf von Büchern. Kurz darauf wurde der Uganda Humanist Schools Trust gegründet. Durch ein stetig wachsendes Netzwerk von Unterstützer*innen kann die Organisation den mittlerweile fünf humanistischen Schulen jährlich rund 50.000 Pfund zur Verfügung stellen. Steve Hurd betont, wie wichtig es ist, immer wieder Vertrauen bei den Spender*innen zu schaffen: „Wir besuchen die Schulen zwei Mal im Jahr auf eigene Kosten. Dann versenden wir detaillierte Berichte an alle Spenderinnen und Spender, in denen wir auch die Probleme und Schwierigkeiten detailliert beschreiben.“

Mit Mitteln des Uganda Humanist Schools Trust wurde Land gekauft und erste Schulgebäude errichtet. Heute, 16 Jahre später, besuchen über 600 Schüler*innen die weiterführende Schule. Es gibt Schlafsäle mit Sanitäranlagen, Klassenräume, eine Bibliothek, ein kleines Schullabor und zuletzt wurde ein Computerraum eingerichtet, in dem die Schüler*innen erstmals Zugang zum Internet bekommen.

Für Schulleiter Moses Kamya war es ein langer Weg bis hierhin. „Zu Beginn hatten wir viele Schwierigkeiten. Es gab kein sauberes Wasser, also haben wir die protestantische Kirchengemeinde im Ort um Hilfe gebeten, die einen Brunnen besaß. Der Priester wollte uns aber nur Wasser geben, wenn wir unsere Kinder zwei Mal in der Woche zur Messe in seine Kirche schicken.“ Daraufhin bohrte die Schule mit Unterstützung aus Großbritannien selbst einen Brunnen. „Jetzt haben wir genug Wasser und können sogar die Menschen aus der Nachbarschaft mitversorgen.“

Moses Kamya beklagt, dass in Uganda immer noch die Vorstellung verbreitet ist, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, unmoralisch und schlecht seien. Um dieses Bild zu korrigieren, setzt er auf eine enge Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung: „Wir kaufen unsere Lebensmittel und alles, was wir für den täglichen Bedarf brauchen, bei lokalen Bauern in der Umgebung und stellen Menschen aus den umliegenden Dörfern in der Schule an. Auch die Eltern der Kinder besuchen uns oft. So versuchen wir den Menschen hier vor Ort zu zeigen, dass wir Humanistinnen und Humanisten gute Menschen sind.“

Bildung als Ausweg

Auch für Joan Mukisa wurden die humanistischen Ideale Teil ihres Lebens. Sie begann, sich während ihrer Schulzeit aktiv in der Gemeinschaft einzubringen, engagierte sich in den humanistischen Clubs und leitete schon nach kurzer Zeit die Pfadfindergruppe der Schule. Heute studiert sie Jura in der Hauptstadt des Landes. Was sie antreibt? „Ich studiere, weil ich für die Rechte von Menschen kämpfen will, die nichts haben. Meiner Mutter wurde alles genommen, als mein Vater starb. Ich will Anwältin werden, um gegen diese Ungerechtigkeiten zu kämpfen.“

Für Schulleiter Moses Kamya und seine Mitstreiter ist es auch wichtig, dem religiös geprägten Bildungssystem etwas entgegenzusetzen. Evangelische und katholische Schulen gibt es bereits seit der Kolonialzeit. Große Sorge machen Steve Hurd vom Uganda Humanist Schools Trust jedoch die neueren Schulen, die von amerikanischen Evangelikalen gegründet wurden. „Dort herrscht ein tief illiberaler Geist, geprägt von körperlicher Züchtigung und religiösen Lehrinhalten“, kritisiert er. Selbst die Eltern müssen konvertieren, wenn sie ihre Kinder auf eine dieser Schulen schicken wollen.

Die humanistischen Schulen in Uganda versuchen dem ein Konzept entgegenzustellen, das von Toleranz geprägt ist. In der Mustard Seed School werden alle Kinder, unabhängig von ihrem Glauben aufgenommen, erklärt Moses Kamya. „Wir erklären den Kindern unsere Ideen und unserer Lebensphilosophie. Wir machen Angebote. Ob sie sich überzeugen lassen bleibt ihnen überlassen.“ Für Steve Hurd geht dieses Konzept auf: „Es gibt für mich nichts Schöneres als ein muslimisches und ein christliches Mädchen, die gemeinsam begeistert ein Chemie-Experiment durchführen.“

Coronakrise gefährdet die Erfolge

Für viele Kinder in Uganda ist die Schule mehr als ein Ort zum Lernen. Ein Großteil lebt die meiste Zeit des Jahres dort. Die Schule bietet ein gewisses Maß an Sicherheit und Versorgung der Kinder. Doch die Coronakrise hat das Schulsystem des Landes schwer getroffen – auch die Mustard Seed School. Die lokalen Märkte wurden weitgehend geschlossen, was zum Zusammenbruch der Geldwirtschaft führte. Viele Menschen sind seitdem auf Selbstversorgung in der Landwirtschaft angewiesen, um zu überleben. Daher haben viele Eltern nicht mehr die Mittel, um die Schulgebühren aufzubringen.

„Auch für uns ist die dies eine existenzielle Krise“, sagt Moses Kamya. „Im Frühjahr 2020 mussten wir die Schule schließen und die Kinder nach Hause schicken. Dies bedeutet auch, dass wir das dringend notwendige Schulgeld zurzeit nicht mehr bekommen. Gleichzeitig wollten wir aber unseren Lehrkräften weiter wenigsten ihr halbes Gehalt zahlen.“ Seit Beginn des Jahres konnten die älteren Schüler*innen wieder zurück an die Schule kommen. Doch wann Impfungen für die Menschen in Uganda verfügbar sein werden, ist völlig unklar – und damit ist auch nicht absehbar, wann ein normaler Schulbetrieb in Uganda wieder beginnen kann.

Kritisches Denken für eine bessere Zukunft

Dennoch will man sich an der Mustard Seed School nicht unterkriegen lassen, betont Moses Kamya. „Gerade jetzt in der Pandemie versuchen wir unsere humanistischen Ideale hochzuhalten. In Uganda gibt es viele Stimmen, die behaupten, Corona wäre eine Strafe Gottes oder Zauberei. Wir erklären unseren Schülerinnen und Schülern das Virus wissenschaftlich und vermitteln vernünftige Strategien, um es zu bekämpfen.“

Und der Erfolg der Schule zeigt sich auch in den Ergebnissen der Abschlussklassen. So belegte die Mustard Seed School im letzten Jahr den 374. Rang von über 4.000 Schulen landesweit. Für viele Schüler*innen konnte die offene und moderne Ausbildung neue Lebenswege eröffnen. Einige Absolvent*innen, die überwiegend aus armen, bäuerlichen Verhältnissen kommen, haben nach ihrer Schulausbildung einen der wenigen Universitätsplätze des Landes erhalten.

Für Schulleiter Moses Kamya ist dies eine Chance für die jungen Menschen selbst, aber auch für das Land: „Unser humanistischer Ansatz in der Bildung hilft, aus den Schülerinnen und Schüler frei denkende, kreative Menschen zu machen, die nicht von Religion oder Aberglaube klein gehalten werden. Uganda hat große Probleme. Viele Babys sterben, weil Mütter auf Wunderheiler vertrauen und sie nicht ins Krankenhaus bringen. Und immer noch praktizieren selbsternannte Magier Menschopfer. Wir versuchen durch die Vermittlung von Vernunft und Wissenschaft gegen diese Grausamkeiten anzukämpfen. Nur durch eine Erziehung zum kritischen Denken kann sich unser Land und unsere Gesellschaft weiterentwickeln.“

Die humanistischen Schulen in Uganda benötigen gerade jetzt in der Coronakrise Unterstützung. Wer spenden oder die Projekte in einer gemeinsam organisierten Reise besuchen möchte, findet alle Informationen unter: www.ugandahumanistschoolstrust.org