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„Frauen in Notlagen brauchen kein Mitleid, sondern Mitgefühl“

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Dr. Keerthi Bollineni ist die Präsidentin von Vasavya Mahila Mandali (VMM), einer säkularen Not-for-Profit-Organisation, die sich für den Aufbau einer nachhaltigeren Zivilgesellschaft in Indien einsetzt. Im Interview spricht die Aktivistin über Frauenrechte in Indien, die häusliche Gewalt, die sie selbst erlebt hat und darüber, wie eine nachhaltige gesellschaftliche Transformation in Indien gelingen kann.
Mittwoch, 8. Januar 2020
Dr. Keerthi Bollineni

Dr. Keerthi Bollineni ist eine Enkelin von Gora, der das Atheistische Zentrum in Indien gründete. (Foto: VMM)

Vasavya Mahila Mandali (VMM) wurde 1969 als säkulare Not-for-Profit-Organisation im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh gegründet, wo sie Frauen, Kinder und Familien in schwierigen Situationen fördert und sie zur Selbsthilfe befähigt. Die Vision der Organisation ist der Aufbau einer nachhaltigeren Zivilgesellschaft in Indien.

Für eine Konferenz zum Thema der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen reiste Keerthi Bollineni im Sommer 2019 zunächst nach Bonn und später auch nach Berlin, um dort in Austausch mit säkulären und Frauenrechtsorganisationen zu treten. In diesem Rahmen besuchte sie auch den Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg. Die diesseits-Redaktion nutzte die Chance, um mit Keerthi Bollineni über Frauenrechte in Indien, die Ziele ihrer Organisation und ihren persönlichen Hintergrund zu sprechen.

Dr. Keerthi, Ihre Organisation Vasavya Mahila Mandali feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum. In welchen Bereichen ist VMM aktiv?

Wir haben Programme für Frauen in insgesamt fünf Bereichen: Gesundheit und Ernährung, Qualifizierung und Existenzgrundlagen, Bildung, Menschenrechte und Umweltschutz. Wir beraten Frauen in Notlagen oder in Situationen der Veränderung, zum Beispiel bei einer Scheidung oder Verwitwung. Letztlich bieten wir Zuflucht und Unterstützung für alle Frauen, in jedem Alter und jeder Lebenslage – und auch für auch deren Kinder.

Das Wichtigste ist, dass die Frauen wissen, dass sie ein Sicherheitsnetz haben, dass sie nicht auf sich allein gestellt sind. Sie brauchen kein Mitleid, sondern Mitgefühl. Wir behandeln sie mit Respekt, stärken ihr Selbstbewusstsein und ermächtigen sie, für sich selbst zu sorgen.

Wie sehen diese Programme zur Stärkung von Frauen aus?

In einem der Programme geht es vor allem darum, miteinander zu sprechen. Wichtig ist es, Frauen darin zu bestärken, selbst ihre Stimme zu erheben. Viele Frauen werden mit Gewalt konfrontiert, in ihrer Ehe, in ihrer Familie. Unser Leitspruch ist: „No silence for violence“ („Kein Schweigen gegenüber Gewalt“). Es geht darum, den Frauen das Selbstbewusstsein dafür zu geben, ihr Schweigen zu brechen. Andernfalls werden sie noch viel größere Qualen erleben.

Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich wurde im Alter von 28 Witwe, mit 36 habe ich wieder geheiratet – und in den folgenden Jahren sehr viel Gewalt erfahren. Erst nach sieben Jahren habe ich mein Schweigen darüber gebrochen. Aber warum hatte ich – als Pädagogin und Aktivistin – geschwiegen, hatte so lange Geduld und Toleranz für das Verhalten meines Ehemannes?

Was war denn der Grund dafür?

Es gibt in Indien kein unterstützendes System für Frauen, die solcher Gewalt ausgesetzt sind. Die Familie oder die Nachbarschaft sind keine Unterstützung, sondern sie raten den Betroffenen oft, dass diese sich fügen sollen: „Du wirst dich schon daran anpassen.“

Wir versuchen ein System zu etablieren, das Frauen genau diese Unterstützung bietet.

Sie gehen sehr offen damit um, dass Sie selbst häusliche Gewalt erlebt haben.

Ich bin eine starke Person, trotzdem hat es viel Kraft gekostet, mich als Frau zu outen, die in ihrer Ehe Gewalt erfahren hat. Letztlich haben mich die vielen Frauen, die mir – stets in heimlicher Art und mit gesenkter Stimme – von ihren Problemen berichteten, dazu gebracht, offen zu sprechen. Diese Frauen glauben oft, dass sie allein mit ihrem Problem dastehen und dass jemand wie ich nicht wissen und verstehen kann, wie es ihnen geht. Wenn ich ihnen jedoch von meiner eigenen Scham, der erlebten Gewalt und dem Missbrauch erzähle, hilft ihnen das auf eine Art, Zuversicht zu schöpfen, dass sie ebenfalls wieder auf die Beine kommen können. Unsere Initiative „Mahila Mitra“ unterstützt sie dabei.

VMM Mahila Mitra Initiative

Der Leitspruch der Initiative Mahila Mitra ist "No silence for violence" (Foto: VMM)

Was bedeutet der Name „Mahila Mitra“ und worum geht es bei der Initiative?

Mahila bedeutet Frau, Mitra bedeutet Freund. „Mahila Mitra“ ist eine Initiative, die ein Bewusstsein dafür schafft, dass Missbrauch und Gewalt nicht normal sind – und nicht normal sein dürfen. Wir arbeiten seit Januar 2017 mit der Polizei der Stadt Vijayawada, Frauen und Männern aus der Gemeinde sowie Bildungseinrichtungen zusammen, um gegen geschlechterbasierte Gewalt vorzugehen.

Wie genau sieht diese Zusammenarbeit aus?

Zum Beispiel wird die Polizei von uns in Gender-Sensibilität geschult. Das ist sehr wichtig, denn wenn die Mitarbeitenden der Polizei nicht geschlechtersensibel arbeiten, dann werden sich Frauen in Not nicht an sie wenden. Wir haben das große Glück, dass der Polizeipräsident, der eng mit uns zusammenarbeitet, überzeugt ist, dass die Aufgabe der Polizei nicht nur darin besteht, Verbrechen aufzuklären, sondern auch Prävention zu betreiben. Das ist essenziell, denn in Indien gibt es ein enormes Problem bezüglich sexueller Gewalt und Belästigung gegenüber Frauen, vor allem junge Männer werden zu Tätern. Wenn nun die Polizei junge Männer, oft Jugendliche, auf den Straßen aufgreift, die Frauen belästigen, dann werden diese zu unserer Organisation gebracht. Unser Gedanke dahinter ist, sie nicht zu bestrafen, sondern sie vielmehr zu reformieren, zu transformieren.

Und wie kann so eine Transformation gelingen?

Wir sprechen mit den jungen Männern, in Einzelberatungen und in der Gruppe, vermitteln ihnen Werte, fragen danach, was zu ihrem Verhalten geführt hat. Wir sprechen aber auch mit ihnen über ihre eigenen Ziele im Leben und wie sie diese erreichen können. Wir sind sehr erfolgreich damit: Seit dem Start der Initiative gab es etwa 4.000 solcher Beratungen – und keine Wiederholungstäter.

Aber wir denken noch weiter. Wir wollen diese jungen Menschen selbst zu „Veränderern“ machen – zu Multiplikatoren für den gesellschaftlichen Wandel. Wichtig ist, dass wir auch Männer überzeugen, dass Gewalt gegenüber Frauen falsch ist. Es ist nicht allein an den Frauen, hierfür zu kämpfen. Wir müssen die Jungen und Männer dabei einschließen. Deswegen ist auch ein relevanter Prozentsatz innerhalb der Initiative männlich. Frauenrechte sind Menschenrechte, das ist ganz essenziell.

Die indische Gesellschaft scheint jedoch vor allem vor allem in Bezug auf Frauenrechte stark in der Vergangenheit verhaftet.

Ja, bis vor 20 oder 30 Jahren war es so, dass Frauen Männern in wirtschaftlicher Hinsicht oder in Bezug auf Bildung stets nachstanden. Männer waren sozusagen „von jeher“ überlegen. Nun jedoch bewegen sich Frauen immer weiter nach oben, sie kommen auf Augenhöhe mit den Männern. Diese sind allerdings nicht in der Lage, das zu akzeptieren. In der Denkweise der Männer – und auch in der einiger Frauen – herrscht noch immer das Patriarchat. Es gelingt uns gesellschaftlich nicht, ein Bewusstsein und eine Politik zu entwickeln, die diesen Veränderungen gerecht werden und einen Wandel herbeiführen hinsichtlich der festgefahrenen Einstellungen und Denkweisen des Patriarchats. Und das führt zum Konflikt.

Was braucht es, um diesen Konflikt zu lösen?

Wir müssen Möglichkeiten schaffen, um Frauen zu ermächtigen – wirtschaftlich, sozial und politisch. Aber, und das ist sehr wichtig: Wenn wir von der Ermächtigung von Frauen sprechen, müssen wir immer auch die Jungen und Männer mit einbeziehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview wurde ursprünglich auf Englisch geführt und anschließend ins Deutsche übersetzt.

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