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Wie lange dauert solange?

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„Die Trennung von Staat und Kirche ist zu vollenden“ – Diese Forderung ist gemeinsames Ziel der sogenannten säkularen Szene. Es gibt jedoch unterschiedliche Vorstellungen, wie die Trennung konkret aussehen sollte: Ist ein strikter Laizismus nach französischem Vorbild gemeint, der Religion als reine Privatsache ansieht, oder sollten, wie etwa in Belgien, die Kooperation mit und die Finanzierung durch den Staat möglich sein?
Freitag, 15. September 2017
Foto: © goodzone95 / Fotolia.com

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Mit der Gründung des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD) gaben vor allem die freidenkerischen Mitgliedsorganisationen ihre Abbaustrategie auf, die darauf abzielte, Religionsgemeinschaften ins Private zu verdrängen. Der neue Verband setzte stattdessen auf den Aufbau eigener humanistischer Sozial- und Bildungsangebote, auch unter Einbeziehung staatlicher Finanzierung. Dieser Strategiewechsel wurde jedoch nicht sofort
in Gänze vollzogen. Um die freidenkerische Tradition integrieren zu können, wurden die eigenen Angebote unter Vorbehalt gestellt und an die Dauer der Tätigkeit der Kirchen gebunden. Dieser Vorbehalt wurde in Stellungnahmen und Positionspapieren meist indirekt und nur selten direkt erwähnt.

2006 wurde im Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO) die einprägsame „Solange-Formel“ entwickelt. Sie besagt, dass Privilegien für Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sowie Sozial- und Bildungsangebote, die staatlich finanziert werden, nur solange in Anspruch genommen bzw. angeboten werden, wie die Kirchen sie in Anspruch nehmen oder anbieten. Eine vorübergehende Gleichbehandlungsforderung also, die letztlich aus der Ohnmacht resultierte, da das eigentliche Ziel, die radikale Trennung in absehbarer Zeit nicht erreichbar ist. Innerhalb der säkularen Szene wirkte die Formel als Kompromiss, ja Befriedungsformel und stärkte den Zusammenhalt, indem sie eine gewisse Heterogenität in Bezug auf die Positionierung zum Staats-Kirchen-Verhältnis erlaubt. Zugleich verdeckt der „Formelkompromiss“ Differenzen über die konkrete  Ausgestaltung der Trennung.

Der Humanistische Verband hat inzwischen den Aufbau seines umfangreichen Sozial- und Bildungsangebots erfolgreich fortgesetzt. Er kooperiert in vielen Bereichen erfolgreich mit dem Staat, zum Teil neben den großen Kirchen wie im Humanistischen Lebenskunde-Unterricht. In Berlin-Brandenburg wird der Verband zu über 80 Prozent aus den öffentlichen Haushalten finanziert. Im Zuge dessen hat die Formel in den letzten zehn Jahren für den HVD immer weiter an Bedeutung verloren.

diesseits Nr. 119, 2/2017

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