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Täter und Komplizen. Theologen im Nationalsozialismus

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Montag, 12. Juni 2017
Foto: © dpa - Fotoreport

Adolf Hitler (l) begrüßt während des Reichsparteitags der NSDAP 1934 in Nürnberg Reichsbischof Ludwig Müller. Foto: © dpa - Fotoreport

Es hat lange gedauert, aber in den letzten Jahren haben fast alle Institutionen in der Bundesrepublik damit begonnen, ihre NS-Geschichte aufzuarbeiten. Von Seiten der beiden christlichen Konfessionen steht eine solche umfassende Aufarbeitung noch aus.

Nach dem Ende der NS-Herrschaft strickten die Kirchen erfolgreich an der Legende, dass sie in der Zeit des Nationalsozialismus moralisch intakt geblieben waren. Christlicher Widerstand stand im Fokus der Öffentlichkeit und auch der Historiker. Dass viele Widerständler aus ihrem christlich geprägten Gewissen heraus handelten, überdeckte lange Zeit die Tatsache, dass die Kirchen als Organisationen zumindest moralisch versagt sowie viele Theologen sich aktiv auf den Nationalsozialismus eingelassen hatten.

Diese andere Seite aufzuzeigen und die Aufarbeitung der kirchlichen NS-Geschichte anzustoßen, hat sich schon seit Jahren Manfred Gailus, Professor für Neuere Geschichte an der TU Berlin, zum Ziel gesetzt.

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Der von ihm herausgegebene Sammelband „Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen“ enthält die Beiträge einer gleichnamigen, von der Stiftung Topographie des Terrors veranstalteten Vortragsreihe. In zehn Beiträgen und einem „Nachwort aus theologischer Sicht“ stellen acht Autorinnen und Autoren Täter und Komplizen aus dem kirchlichen Bereich vor.

Neben einer Einführung stammen zwei Beiträge aus der Feder des Herausgebers. Einer beschäftigt sich mit dem Aufstieg der „Glaubensbewegung Deutsche Christen“, die versuchte, NS-Ideologie und Christentum zu verbinden. Mit dieser Haltung dominierte sie nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten große Teile der evangelischen Kirchen. Zudem widmet sich Gailus der Rolle der Kirchen beim „Tag von Potsdam“. Bei dieser Inszenierung des NS-Regimes anlässlich der Eröffnung des neugewählten Reichstags am 21. März 1933 spielten beide Konfessionen mit.

Die Terrorwelle, die die Nationalsozialisten – vor allem nach dem Brand des Reichstags – entfesselt hatten, hielt sie nicht davon ab. Im Gegenteil, der, wie viele evangelische Geistliche deutsch-national eingestellte, preußische Generalsuperintendent Otto Dibelius zeigte in seiner Predigt vor den evangelischen Reichstagsabgeordneten Verständnis für die NS-Gewaltexzesse.

Die große Mehrheit der protestantischen Kirchenführer begrüßte den „nationalen Aufbruch“ und hoffte auf einen Bedeutungsgewinn nach der Zerschlagung der als „gottlos“ empfundenen Weimarer Republik mit ihren religiösen Freiheiten. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass SA-Trupps bereits am 17. März 1933 die Zentrale des Deutschen Freidenkerverbands besetzt hatten und dieser wenig später unter staatliche Kontrolle gestellt wurde.

Auch die zunächst kritisch eingestellte katholische Kirche schloss mit einiger Verzögerung ihren Frieden mit der NS-Herrschaft. Am 8. Juni 1933 legten die katholischen Bischöfe in einem Hirtenbrief ein weitgehendes Bekenntnis zum neuen Staat ab. Ein Beitrag des Bandes widmet sich katholischen Priestern, die sich der NS-Bewegung verschrieben. Dabei wird allerdings deutlich, dass es sich hier nur um eine kleine Minderheit handelte.

Die Kooperation evangelischer Theologen mit dem NS-Regime war indes weit umfänglicher, wie aus den entsprechenden Beiträgen des Buches deutlich wird. Der renommierte Tübinger Professor für Neues Testament Gerhard Kittel, NSDAP-Mitglied seit dem 1. Mai 1933, gehörte zu den Begründern einer von Theologen und Religionswissenschaftlern getragenen universitären „Judenforschung“, die der antijüdischen Politik des Regimes eine pseudowissenschaftliche Legitimation lieferte.

Sein Schüler Karl Georg Kuhn, NSDAP-Mitglied seit März 1932, wurde einer der aktivsten „Judenforscher“, der diverse antisemitische Schriften verfasste. Zur Belohnung erhielt er eine außerordentliche Professur für das Studium der Judenfrage in Tübingen.

in weiterer Schüler von Kittel, Walter Grundmann, erhielt 1936 ohne Habilitation eine Professur für Neues Testament und völkische Theologie in Jena. 1939 wurde er zum akademischen Direktor des neu gegründeten „Instituts zur Erforschung jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ in Eisenach ernannt. Das aus Kirchengeldern finanzierte Institut sah seine Aufgabe darin, die jüdischen Wurzeln des Christentums zu verleugnen, um ein arisiertes, nordisches Christentum als Staatsreligion des „Dritten Reiches“ zu kreieren.

Zu den prominenten NS-Unterstützern gehörte auch der Berliner Kirchenhistoriker Erich Seeberg. Er galt als einer der aktivsten Nationalsozialisten unter den evangelischen Universitätstheologen.

Der Berliner Pfarrer Karl Themel war bereits seit April 1932 Mitglied der NSDAP und der SA. Letzteres machte er sich zu Nutze, als er im März 1933 in der von der SA besetzten Berliner Freidenkerzentrale die „Reichszentrale zur Bekämpfung des Gottlosentums“ einrichtete, die massiv für den Wiedereintritt in die Kirche warb. 1934 baute er in enger Absprache mit der „Reichsstelle für Sippenforschung“ die Kirchenbuchstelle Alt-Berlin auf. Seine Forschungen förderten die jüdische Abstammung von über 2600 evangelischen Christen zu Tage und halfen so den NS-Behörden, diese Gruppe in den Holocaust einzubeziehen.

Interessant ist auch der Blick auf die Nachkriegskarrieren der Beteiligten. Otto Dibelius geriet aufgrund der Versuche, auch die evangelischen Kirchen gleichzuschalten, mit dem NS-Regime seit dem Sommer 1933 in Konflikt und wurde Mitglied der Bekennenden Kirche. Nach 1945 galt er deshalb als Widerstandskämpfer, obwohl er, wie die meisten Mitglieder der Bekennenden Kirche, das NS-Regime nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern nur dessen Kirchenpolitik kritisiert hatte. Dibelius wurde Bischof von Berlin-Brandenburg.

Gerhard Kittel wurde zunächst von der französischen Besatzungsmacht verhaftet, des Amtes enthoben und interniert. 1946 kam er wieder frei und arbeitete als Pfarrer. Er behauptete, mit seiner wissenschaftlichen Arbeit hätte er Widerstand gegen den in Kreisen der NS-Bewegung weit verbreiteten Vulgärantisemitismus geleistet und sich damit in Gefahr gebracht. 1948, kurz bevor sein Spruchkammerverfahren zur Entnazifizierung durchgeführt werden sollte, verstarb er.

Karl Georg Kuhn konnte nach einer kurzen Unterbrechung seine Hochschulkarriere fortsetzen. Nach zwei Spruchkammerverfahren wurde er 1948 als entlastet eingestuft und war ab 1949 Professor für Neues Testament, zunächst in Göttingen, später in Heidelberg.

Auch Walter Grundmann, der in der DDR lebte, erlangte als Theologe wieder Ansehen. Zwar blieb ihm dort wegen seiner NS-Belastung eine Hochschulkarriere verwehrt, die evangelische Kirche nahm ihn jedoch wieder in ihren Schoß auf. Er lehrte am von der evangelischen Kirche betriebenen theologischen Seminar Leipzig. Seine ab 1959 erschienenen Evangelien-Kommentare waren bis in die 1980er Jahre gefragte Standardliteratur. Er zeigte sich auch gegenüber dem neuen Regime sehr loyal und arbeitete als Informant für das Ministerium für Staatssicherheit.

Karl Themel blieb Pfarrer. Ein kirchliches Spruchkammerverfahren führte nur zu einer Versetzung. Seine Aktivitäten als NS-Sippenforscher kehrte die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg unter der Leitung von Otto Dibelius unter den Teppich. Nach seiner Pensionierung als Pfarrer 1954 nahm er seine Tätigkeit im Archiv und Kirchenbuchwesen wieder auf und erhielt dafür diverse Ehrungen seitens seiner Kirche.

Der Sammelband „Täter und Komplizen“ zeigt auf, wieviel an Aufarbeitung der NS-Vergangenheit auf kirchlicher Seite noch zu leisten ist. Das Nachwort von Christoph Markschies, Theologe und Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, und die Förderung dieses Buches durch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz machen Hoffnung, dass sich die Kirche diesem Anliegen nicht länger verschließen will.

Image of Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933-1945

: Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933-1945. Wallstein 2015, Taschenbuch, 260 Seiten