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Leben bis zuletzt: Was wir für ein gutes Sterben tun können

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Sterbenskranken Menschen die verbleibenden Tage, Wochen und Monate und manchmal auch Jahre mit bestmöglicher Lebensqualität zu füllen und den Angehörigen eine anhaltende Erinnerung an das gute Ende eines geliebten Menschen zu bereiten, sieht der Palliativmediziner Sven Gottschling als eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.
Montag, 12. Juni 2017
Cover

Sven Gottschling ist Chefarzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Uniklinikums des Saarlandes in Homburg, wo mit seiner Hilfe am 7. Oktober 2016 die deutschlandweit erste altersübergreifende Palliativstation eröffnet wurde, die auch Kinder mit lebensbegrenzender Erkrankung aufnimmt. Er ist bekannt, als einer der wenigen Ärzte in Deutschland, der auch Kindern zu therapeutischen Zwecken Cannabis verschreibt.

An der Diskussion rund um die Sterbehilfe stört Gottschling, „dass wir über Menschen diskutieren, die man durch eine Spritze von unendlichem Leid erlösen will, das sie vermutlich gar nicht hätten, wenn wir nur die Möglichkeiten der Palliativversorgung richtig nutzen und sie vor allem flächendeckend anbieten würden. Die Palliativmedizin nicht auszubauen, aber dafür über aktive Sterbehilfe nachzudenken, ist geradezu zynisch“, sagt er.

Das ist nachvollziehbar, weil doch viele Suizidenten nicht ihr Leben, sondern ihr Leiden beenden möchten. Als Palliativmediziner zeigt er auf und belegt dies an vielen Beispielen, dass er Leiden nehmen kann, ohne das Leben zu verkürzen. So passt auch der Titel Leben bis zuletzt sehr gut zu diesem Buch. Er stellt fest, dass ein leidvolles Sterben in über 90 Prozent der Fälle nicht nötig sei, lässt aber die verbleibenden fast 10 Prozent ohne befriedigende Antwort.

Deutschland sei nach seiner Ansicht, was die Palliativversorgung angeht, ein Entwicklungsland, und er befürchtet, dass dies noch schlimmer werden würde, wenn Tötung auf Verlangen erlaubt wäre. Da lassen die Erfahrungen aus Ländern, wo Sterbehilfe praktiziert wird, jedoch etwas Anderes erwarten. Dabei übersieht er auch, dass Tötung auf Verlangen in Deutschland noch nie ernsthaft zur Diskussion stand, und unterschlägt zudem die Konsequenzen, des lange vor Veröffentlichung seines Buches beschlossenen § 217 StGB, der die professionelle Beihilfe zum Suizid
mit drei Jahren Gefängnis bedroht.

Auch interpretiert er die Garantenstellung bei einem begleiteten Suizid nicht richtig, denn hier handelt es sich um eine freiwillige Übernahme von Beistandspflichten, die dann natürlich den Erfolg des verständlichen und angekündigten Suizids zu garantieren haben und nicht dessen Verhinderung. Denn dann hätte der Arzt sich schon  früher dagegen wenden müssen und nicht erst, wenn der Suizident ihm ohnmächtig ausgeliefert ist. Leider nennt er Menschen, die sich für einen Freitod entscheiden, in dem Buch diffamierend Selbstmörder. In der Diskussion dieser Thematik versteigt er sich zu der geschmacklosen Forderung, die Tötung auf Verlangen solle nicht von Ärzten, sondern von Metzgern mit Bolzenschussapparanten durchgeführt werden (S. 222)!

Zum Glück ist der Rest des Buches auf einem höheren Niveau. Der Verlag sagt richtig, es sei ein „Buch über die Angst vor dem Sterben, das mit jeder Seite Mut macht – für mehr Lebensqualität am Lebensende.“ In dem Sinne ist es ein praktisches Buch, das sich dabei vorwiegend an Laien wendet.

Es räumt mit Mythen auf, zum Beispiel dem, dass Sterben leidvoll und schmerzhaft ist, oder dass Morphin das Sterben beschleunige. Morphin sei das einzige Schmerzmittel, das keine Seiteneffekte habe und zu den segensreichsten Medikamenten in der Versorgung schwerstkranker und/oder sterbender Patienten gehört, schreibt Gottschling. Auch bei Atemnot sei es das Mittel der Wahl, obwohl dafür nicht zugelassen. Die Zulassungserweiterung können aber nur Pharmaunternehmen beantragen, was jedoch nicht in deren ökonomischem Interesse liegt.

Das Buch enthält viele Fallbeschreibungen, die zeigen, was falsch laufen kann, wenn Palliativversorgung nicht frühzeitig angeboten wird, und wie diese die Lebensqualität noch wesentlich erhöhen und sogar die für die Betroffenen nutzbare Lebenszeit verlängern kann. „Das Problem ist, dass man mit Palliativversorgung leider kein Geld verdienen kann. Für die Pharmaindustrie und die Krankenhäuser ist hier nichts zu holen, also wird auch nicht investiert“, so der Autor.

Dieses Buch ist sehr verständlich geschrieben und versetzt Patienten und Angehörige in die Lage, mehr von Ärzten zu erwarten und zu verlangen. In dem Sinne ist es auch ein aufklärerisches Buch. Wir lernen, dass wir ein Recht auf adäquate (auch aufsuchende) Palliativversorgung haben, was die Nachfrage danach erhöhen und hoffentlich in der Folge eine Verbesserung der noch immer unzureichenden Versorgungsstrukturen in Deutschland bewirken sollte. Insbesondere kann diese Art Palliativversorgung mehr Menschen helfen, in einer ihnen vertrauten Umgebung friedlich zu sterben.

Sven Gottschling beantwortet umfassend die auf dem Buchtitel gestellte Frage: Was wir für ein gutes Sterben tun können, nämlich „genau hinzusehen, um eine humane Sterbebegleitung und damit ein Leben bis zuletzt zu ermöglichen“.

Image of Leben bis zuletzt: Was wir für ein gutes Sterben tun können

Lars Amend, Sven Gottschling: Leben bis zuletzt: Was wir für ein gutes Sterben tun können. FISCHER Taschenbuch 2016, Broschiert, 272 Seiten