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Die langen Schatten Pinochets

DruckversionEinem Freund senden
Chile noch immer im Umbruch
Montag, 12. Juni 2017
Foto: © Simenon / Flickr / CC BY-SA

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Rückblick, 23. November 1975: In Chile herrscht eine der brutalsten Militärdiktaturen Lateinamerikas. Es gibt geheime Folterlager, zehntausende politische Flüchtlinge alleine in beiden Teilen Deutschlands und eine weltweite Solidaritätswelle. Es ist Mitternacht und ich bringe meine damals hochschwangere Frau ins Kasseler Stadtkrankenhaus zur Entbindung. Die Fruchtblase war schon geplatzt. Die Ärzte aber meinten, es würde noch Stunden dauern und ich verließ nochmal die Klinik. Im Kofferraum meines „Käfers“ lag ein ganzer Stapel von Plakaten zur Solidarität mit Chile. Ich rief einen Genossen an und wir nutzten die ungeplante freie Zeit zum „wilden Kleben“. Nach einer guten Stunde aber erwischte uns eine Polizeistreife und nahm uns mit auf eine Wache. Nach Aufnahme der Personalien und ewigem Warten konnte ich den Kommissar überzeugen, mich gehen zu lassen, um die Geburt unseres ersten Kindes nicht zu verpassen. Und tatsächlich kam ich noch rechtzeitig in der Entbindungsstation an.

Wenn ich diese Geschichte heute in Santiago einigen meiner chilenischen Kolleginnen und Kollegen erzähle, schaue ich in freudige und in traurige Gesichter. Viele leiden noch immer in ihren Familien unter den Folgen der Diktatur. So klagt eine Kollegin seit Jahren um eine Entschädigung in Form einer Waisenrente. Denn ihr Vater, unter Allende Hafenarbeiter, Gewerkschafter und Kommunist, wurde nach dem Putsch ins Gefängnis geworfen. Nach der Haft verstarb er sehr schnell, weil man ihm hinter Gittern die nötigen Medikamente gegen seine Zuckerkrankheit verweigert hatte. Das aber reichte der Kommission für die Entschädigung von Folteropfern nicht aus. Offen gesprochen wird darüber jedoch kaum.

diesseits Nr. 118, 1/2017

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