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„Ich krächze, kreische und grunze“

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Mit Ralf König wird einer der bekanntesten und erfolgreichsten Comic-Zeichner beim HumanistenTag 2017 in Nürnberg auftreten. Im Interview sagt der vielfach ausgezeichnete Autor, der auch die Vorlage für den Kino-Kassenschlager „Der bewegte Mann“ lieferte, er sei ein Stück weit erschöpft von all den Beleidigten.
Montag, 12. Juni 2017
Foto: © dpa / picture alliance

Ralf König. Foto: © dpa / picture alliance

Sie widmen sich in Ihrer Arbeit mittlerweile nicht mehr nur dem Thema Homosexualität, sondern haben auch Religionskritik für sich entdeckt. Gab es hierfür einen bestimmten Anlass oder ist es die logische Weiterführung einer Kritik an Homophobie, die besonders in orthodoxen Glaubensgemeinschaften noch fest im Sattel sitzt?

Ralf König: Ich bin in einem katholischen Dorf in Westfalen aufgewachsen und wurde natürlich geprägt von Religionsunterricht und Gottesdienst, aber ich stand dem Bimbam schon als Kind sehr skeptisch gegenüber. Meine Eltern waren zum Glück nicht sehr gläubig, meine Mutter unterstellte den Kirchgängern sogar, die täten das nur, um sonntags ihre neuen Kleider zu zeigen. Meine Aufklärung holte ich mir später mit den naturwissenschaftlichen Büchern von Hoimar von Ditfurth, über die Evolution und das Weltall. Also hab ich mich für Religion kaum interessiert, und was den Sex betrifft, war der Katholizismus lange nur lächerliches Feindbild.

Wann änderte sich das?

Als das Thema „Gott“ spätestens nach dem 11. September 2001 wiederkehrte. Ich hatte erst für Rowohlt „Dschinn Dschinn“ gezeichnet, da geht es in zwei Bänden um einen
schlecht gelaunten Taliban, der mit einer Art Wunderlampe aus dem Bagdad aus „1001 Nacht“ in die Jetztzeit gelangt, in die WG von einem Schwulen und einer Frau. Dabei hatte ich „Islamkritik“ noch gar nicht im Focus, ich fand die Idee nur komisch. Danach bekam ich das Angebot, für die FAZ für ein paar Wochen den täglichen Comicstrip zu zeichnen. Das war dann „Prototyp“ über Adam und Eva und „Archetyp“ über Noah. Und das rief empörte Reaktionen von Gläubigen hervor, bis hin zu wütenden Abo-Kündigungen! Da war ich schon sehr verblüfft, dass
diese alttestamentarischen Geschichten heutzutage in unseren Breitengraden wieder so ernst genommen werden.

Zu diesem Comicstrip erklärte der christliche Medienverbund KEP, dass Sie Christen in ihrem Glauben beleidigen würden und der Spaß hier aufhöre. Was halten Sie von diesem Argument? Gibt es für Sie Grenzen der Kritik?

Ich weiß nicht, allgemein schwer zu sagen. Mir selbst ist wichtig, dass ich nicht nur platt religiöse Gefühle verletze, was ja sehr schnell der Fall ist und dann auch nicht mein Problem. Ich will genau wissen, wovon ich schreibe. Bevor ich das Buch über Paulus gezeichnet habe, hab ich die Apostelgeschichte und die Paulusbriefe in der Bibel hoch und runter gelesen, in mehreren Übersetzungen, ich wollte verstehen, worum es diesem übel gelaunten Kerl ging. Blasphemie in dem Sinne interessiert mich nicht, da ist zumindest meine Grenze. Diese Argumentation mit beleidigten Gefühlen kennen wir ja aus dem sogenannten Karikaturenstreit.

Wie können wir eine Diskussionskultur aufrechterhalten, in der das Ringen um Wahrheit zentral bleibt?

Ehrlich, keine Ahnung. Ich bin derzeit ein Stück weit erschöpft von all den Beleidigten, ob muslimisch, christlich oder sonstwie. Im Moment scheinen mir die Kirchen zumindest hierzulande nicht mehr primär das Problem zu sein, so aufgeklärt sind die meisten Deutschen. Die katholische Sexualfeindlichkeit, dazu die Kindesmissbrauchsskandale, das hat sich rumgesprochen, da zieht
der Popanz mit Prunkgewändern und Weihrauch nicht mehr. Mir scheint, wir leben auf einer verhältnismäßig liberalen Insel – noch. Das Ringen um Wahrheit, hier der Islam, dort Trump und Pence, der Zustand Europas, Rechtspopulismus, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, sich Diskussionskultur zu wünschen. Nach der Episode mit dem christlichen Medienverbund habe ich mich ans Neue Testament gemacht, mit „Antityp“ über Paulus, und später die Heiligenlegende um die heilige Ursula und den „Elftausend Jungfrauen“. Aber nach fünf Jahren hat‘s mir auch gereicht mit Gott. Da ich nie gläubig war, hatte ich keine Lust, mich länger damit zu befassen. Wenn mir noch eine zwingende Idee kommt, ok aber so wichtig ist es mir auch wieder nicht. Es gibt noch andere Themen auf Erden.

Zum Beispiel?

Ich bin gerade fertig mit einem Buch über das Älterwerden. Klimakterium virile und so, Midlifecrisis, Verminderung des Hodenvolumens! „Herbst in der Hose“ erscheint im Juni bei Rowohlt. Ich hasse Älterwerden und es war sehr schwierig, aus der Tragödie eine Komödie zu machen, aber das Thema musste mal sein. Gehört dazu und ist ja auch ein Tabu! Uns rettet weder Gott noch Viagra!

Im Juni werden Sie auch für eine Comiclesung auf den Deutschen Humanistentag kommen. Sprechblasen vorlesen klingt jetzt erstmal wenig spannend…

Ist aber spaßig, weil man ja die Bilder dazu sieht und ich als Autor weiß, wie die Stimmen zu klingen haben. Ich krächze, kreische und grunze. Und wenn Gott spricht, donnert‘s. Vorausgesetzt, das Mikrofon ist nicht allzu schwächlich. „Humanistisch“ ist ja eine Vokabel, mit der man sich gerne schmückt. Was das genau sein soll, bleibt jedoch oft unklar.

Was ist Ihr Verständnis von Humanismus?

Im Hier und Jetzt leben, den Planeten schonen, aus der verheerenden Geschichte lernen, die Welt naturwissenschaftlich begreifen und nicht zu viel an ihr herumdoktern, zur Empathie fähig sein. Das klingt gut, ist aber offenbar von unserer Natur sehr weit weg. Es ist ein Jammer, es könnte so schön und spannend sein, aber wir sind zu dumm, zu grausam und zu gierig. Und wir sind zu viele und werden immer mehr. Es wird krachen und die Apokalypse wird wahr werden, aber nicht weil irgendein Gott das will, sondern weil wir eben nicht vernunftbegabt sind und sehenden Auges vor die Wand rennen. Jede Ameise ist vernünftiger.

Das klingt ja schon fast antihumanistisch! Beweisen Sie nicht durch Ihre kritische Reflexion auf das Verhalten der Menschen, dass wir eben doch vernunftbegabt sind?

Gut, nun können wir philosophieren, was eigentlich „Vernunft“ ist. Wir erkennen ja, dass wir vor die Wand rasen, aber sind nicht in der Lage, auf die Notbremse zu treten. Auch der vermeintlich „Vernünftige“ ist doch Rädchen in der Maschinerie, auch Humanisten heizen ihre Wohnung und verbrauchen Energie, die irgendwoher kommt, wo es der Natur weh tut. Wir verursachen Müll, werfen Chemietaps in die Geschirrspülmaschine, essen zumeist immer noch Fleisch und Fisch und setzen uns ins Auto oder Flugzeug. Ich finde es schwierig, zu sagen, „die da“ machen was falsch.

Als Zeichner machen Sie mittlerweile etwas anders. In Ihrem Comic-Roman „Hempels Sofa“ haben sie erstmals eine heterosexuelle Frau zur Hauptperson gemacht. Wollen Sie nicht für ewig als „der Schwulenzeichner“ gelten?

Naja, der Stempel war Anfang der 80er cool und hat mir viel Aufmerksamkeit beschert, heute würd‘ ich das gern weniger eng sehen. Viele kaufen meine Bücher deshalb nicht, weil sie meinen, das ist was für Schwule, das geht sie nichts an. Die Arroganz der Mehrheit. Ich lese ja auch T.C. Boyle und verstehe, was er meint, auch wenn‘s da um Heteros geht! Ich war in meiner Weltsicht nie „nur schwul“, im Gegenteil, ich finde das Ding zwischen Mann und Frau sogar spannender, weil mehr Unterschiede und Konflikte. Ich hab heterosexuelle Freunde und Freundinnen und will zu allem meinen Senf dazugeben. Mein letztes Buch bei Rowohlt heißt „Pornstory“, da geht es um heterosexuelle Pornografie und die Problematik damit für Männer, Frauen und Kinder. Dazu fiele mir gar nichts Schwules ein. Die Unterschiede machen‘s doch erst spannend.

Die Fragen stellte Felix Balandat.

Mehr davon? Vom 15. bis 18. Juni 2017 lockt ein großes humanistisches Festival nach Nürnberg: Der HumanistenTag 2017 wird ein idealer Ort zum Diskutieren, Tanzen, Staunen und Netzwerken für Menschen, die gerne selber denken und gut feiern können. Unter den Referenten und Künstlern sind der humanistische Philosoph Julian Nida-Rümelin, der u.a. durch seine ZEIT-Kolumne bekannt gewordene Bundesrichter Thomas Fischer, „Science-Rapper“ Baba Brinkman und die Jazz-Sängerin Lisa Bassenge. Alle Informationen zum Programm und Tickets finden Sie auf www.ht17.de