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Humanismus an der Hochschule – wozu?

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Forschung und Ausbildung für viele weltanschaulich profilierte Tätigkeitsfelder würden von der Unterstützung durch einschlägig qualifizierte Hochschuleinrichtungen stark profitieren, sagt der Philosoph Ralf Schöppner, Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland (HAD).
Montag, 12. Juni 2017

Durch bundesweit rund 1.500 hauptamtliche Mitarbeiter in rund 100 Projekten und mit Hilfe vieler weiterer Ehrenamtlicher ist humanistisch profilierte Sozial-, Kultur- und Bildungsarbeit unter dem Dach des Humanistischen Verbandes heute bereits für viele zehntausende Menschen ein fester und wertvoller Teil ihres Lebens und Alltags. Doch auch dieses weltanschaulich geprägte Engagement in zahlreichen Tätigkeitsfeldern bezieht seine Qualität nicht nur aus optimalen Strukturen für die Qualifikation von Beschäftigten, sondern auch durch die Unterstützung von Einrichtungen, die Humanismus erforschen und in Beziehung zu anderen akademischen Disziplinen bringen. Im Interview sagt HAD-Direktor Ralf Schöppner, entsprechende Hochschuleinrichtungen könnten auch der Ausbildung von Praktikern dienen, die außerhalb des Humanistischen Verbandes tätig sind.

Foto: © A. Platzek

Ralf Schöppner: „Humanistik greift die Ergebnisse der historischen Forschung auf, zielt aber auf die Gegenwart: Auf die Bildung und Ausbildung freier, urteilskompetenter, verantwortungsvoller und empathischer Menschen; auf politische und gesellschaftliche Beiträge zu einer demokratischen und an Menschenrechten orientierten Lebensform.“ Foto: © A. Platzek

Für welche Arbeitsbereiche des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg hat die universitäre Etablierung von Humanismus-Forschung, Humanistik und humanistischen Studien Bedeutung?

Dr. Ralf Schöppner: Für alle selbstverständlich. Das gilt schon allein in Bezug auf Forschung. Das Forschen – und nicht so sehr die Bescheidwisserei – ist von jeher eine humanistische Leidenschaft: Neugierig sein, was der Fall ist und warum etwas so ist, wie es ist; nach dem Sinn der Phänomene fragen und sich einen Reim auf das Ganze machen wollen; herausfinden und ausprobieren wollen, wie man das eigene und gemeinsame Leben gut gestalten und verbessern kann. Insofern ist das humanistische Forschen eine Alltagspraxis in allen humanistischen Berufs- und Tätigkeitsfeldern. Ein universitäres Institut oder eine Fachhochschule wäre eine akademische Profilierungsstufe, die – ähnlich wie die Humanistischen Akademien – das Forschen wissenschaftlich verdichtet, systematisiert und neu anregt.

Allerdings ist die Formulierung „universitäre Etablierung“ in meinen Augen nicht unproblematisch. Unabhängig davon, wie realistisch überhaupt ein Institut für Humanistik an einer staatlichen Universität ist, und auch unabhängig davon, dass Steuermittel für die Ausbildung der eigenen Beschäftigten für die Kirchen von jeher eine formidable Angelegenheit sind, müssen wir uns überlegen, zu welchen Zwecken, unter welchen Bedingungen und in welchem Ausmaß wir eine solche Kooperationsform überhaupt für politisch geboten halten. Ich persönlich denke,
dass Humanismus als Weltanschauung wichtige gesellschaftliche Funktionen erfüllt und daher auch förderwürdig ist. Die Diskussion darf aber keineswegs auf „universitäre Etablierung“ reduziert werden, alternativ kommt sicherlich eine eigene Fachhochschule in Betracht.

Können Sie die heute relevanten Tätigkeitsfelder für eine derart profilierte Forschung und Lehre noch etwas konkreter benennen?

Beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg arbeiten Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Erzieher, Lehrer, Pädagogen, Psychologen und andere Berufsgruppen. Sie arbeiten damit weder bei einem kirchlichen Träger noch bei einem weltanschaulich neutralen Sozialverband, sondern bei einem Weltanschauungsverband, der demnächst vielleicht sogar eine Körperschaft des öffentlichen Rechts wird. All diese Mitarbeiter, in verstärktem Maße die Führungskräfte und Leitungen, haben Anspruch darauf, über die damit verbundenen Besonderheiten umfassend reflektieren und debattieren zu können: Was ist eine Weltanschauung? Was ist Humanismus? Welche gesellschaftliche Rolle hat ein solcher Weltanschauungsverband? Ebenso
haben sie Anspruch darauf, bei der humanistischen Profilierung und Weiterentwicklung ihrer Arbeit unterstützt und für deren öffentliche Darstellung gut vorbereitet zu sein. Schon jetzt geschieht all dies in sämtlichen Abteilungen des Verbandes. Ein Institut für Humanistik wäre ein weiterer weltanschaulicher und wissenschaftlicher Professionalisierungsschub, den z.B. die Kirchen schon vollzogen haben. Und selbstverständlich würde eine Humanistik genauso auch humanistische Praktiker der genannten Berufsgruppen ausbilden können, die danach in den Einrichtungen anderer Träger arbeiten.

diesseits Nr. 118, 1/2017

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