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Gegen die Religion

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Vorwort zur deutschen Ausgabe von H.P. Lovecrafts „Against Religion“, die im Dezember 2016 erscheint.
Donnerstag, 15. Dezember 2016
Cover: JMB Verlag

Cover: JMB Verlag

„Ich habe über die Grenzen der Unendlichkeit hinaus geblickt und Dämonen von den Sternen herabgezogen ... Ich habe mir die Schatten nutzbar gemacht, die von einer Welt zur anderen schreiten, um Tod und Wahnsinn zu säen.“ Diese Worte von Lovecraft (aus dem Munde der Figur Tillinghast in Vom Jenseits) hätten über ihn selbst geschrieben werden können.

Er war wild entschlossen, einen ganz vertraulich anmutenden kosmischen Horror zu erzeugen. Er griff in die dunklen Räume – in unsere Metaphysik, in unsere Wissenschaft und in unsere eigene Psyche – und füllte diese dunklen Räume mit Antworten, die den Leser zum Schaudern oder Schreien bringen sollten.

Lovecraft war sich aber natürlich bewusst, dass Angst nicht lediglich der Unterhaltung dient. Angst ist ein tiefer, ursprünglicher Teil des Menschseins. „Das älteste und stärkste Gefühl der Menschheit ist Angst und die älteste und stärkste Art der Angst ist die Angst vor dem Unbekannten“, schrieb er (in seinem Essay Supernatural Horror in Literature). Für Lovecraft war das Unbekannte die primäre Triebkraft unserer tiefsten Gefühle. Während die göttliche Religion Angst mit Hoffnung zu mildern und unsere Furcht in Anbetung aufzulösen sucht, will Lovecraft diese ursprüngliche Angst ergreifen, sie nähren, säubern, zu etwas Greifbarem machen ... oder in vielen Fällen nicht so Greifbarem.

Der modus operandi des Autoren Lovecraft ist daher zutiefst verknüpft mit dem des Atheisten Lovecraft. Der Atheist Lovecraft sieht im Unbekannten den Grund für menschliche Angst und aus den Briefen und Essays in dieser Ausgabe zeigt sich deutlich, dass er die – durchaus plausible – Sicht vieler nichtreligiöser Menschen auf die Religion teilt: dass existenzielle Angst den ausgetretenen Pfad, der direkt zu religiösem Glauben führt, erhält. Fragend in die metaphysischen dunklen Räume zu schielen, nur um diese mit der Antwort „Gott“ auszufüllen, ist irrational; es ist eine Abkürzung, es ist Dünkel, der dem Ego schmeicheln, Trost spenden und Furcht für nichtig erklären soll. Lovecraft will als Autor und als Atheist unsere Furcht vor dem Dunklen, dem Unbekannten, dem Abgrund im Herzen der Natur wieder zum Leben erwecken und verjüngen. Diese Verbindung von Atheismus und Horror mag vielen Lesern heutzutage seltsam anmuten, insbesondere in der westlichen Welt, in der die Säkularisierung mit Modernität, Freiheit, Vernunft, Demokratie und Fortschritt assoziiert wird. Von außen betrachtet ist es der Theist, der Gottlosigkeit mit dem Schrecklichen und Schaurigen assoziieren könnte, sei es, um Ungläubige zu geißeln oder um den eigenen Glauben zu stützen. Und doch erschafft sich dieses selbsternannte Atheistisch-Agnostische stur eine eigene Götterwelt voll von teuflischen Monstern.

Warum? Nun, er könnte etwas verdeutlichen. Es war etwas wie Kants noumenale Wirklichkeit, die unzugänglichen unbekannten Gegenden des Universums unterhalb oder jenseits unserer menschlichen Wahrnehmung, das Lovecraft als etwas erkannt hat, das in der Dunkelheit liegt: „Wir sehen die Dinge nur so, wie wir konstruiert sind, sie zu sehen, und wir bekommen keine Vorstellung von ihrer absoluten Natur“ (sagt wieder die Figur Tillinghast). Und wenn die „absolute Natur“ der Realität für uns im Dunkeln liegt und theoretisch unzugänglich ist (ausgenommen mit den außergewöhnlichen Geräten in den Geschichten), was sagt uns das über die Antworten, die wir in die Dunkelheit werfen? Es scheint zu bedeuten, dass sämtliche Antworten, die wir in das Dunkle projizieren, vergebens sind. Sicherlich bedeutet es, dass unsere metaphysischen Spekulationen ebenso monströs wie göttlich sein können.

Unter diesem Blickwinkel gehören die Lovecraft’schen Geschichten zu den großartigen literarischen Zeugnissen der Bescheidenheit, die dem nichtreligiösen Standpunkt innewohnt. Lovecraft straft jene Idee Lügen, dass ein Atheist zwangsläufig derjenige ist, der arrogant und mit falscher Gewissheit behauptet, alle Antworten zu kennen. Vielmehr ist es doch so: Wenn ein intellektueller Verfechter atheistischer Sichtweisen brüsk und abweisend gegenüber dem positiven Anspruch des Theismus ist, ist es gewöhnlich nicht, weil er (bzw. sie) denkt, die Nichtexistenz aller Götter eindeutig beweisen zu können, sondern weil er gegenüber jedem Versuch skeptisch ist, diese dunklen Räume mit Antworten zu füllen; Antworten, die geringstenfalls unfertig sind und die vielleicht für immer jenseits menschlicher Erkenntnis liegen.

diesseits Nr. 117, 4/2016

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