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Wie ticken die „Gottlosen“?

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Menschen ohne Zugehörigkeit zu einer Kirche oder anderen Religionsgemeinschaft bilden weitgehend einen blinden Fleck der empirischen Sozialforschung, sagt die Psychologin Tatjana Schnell. Die Professorin an der Universität Innsbruck widmet sich darum nun eingehender den lebensweltlichen Identitäten und existenziellen Orientierungen von Konfessionsfreien.
Mittwoch, 16. November 2016
Foto: Wendy A. Hern

Bewusstsein für die weltanschauliche Vielfalt ist notwendig für die Gestaltung von Demokratie, sagt Tatjana Schnell, federführende Leiterin der internationalen Studie. Foto: Wendy A. Hern

„Empirische Sinnforschung“ ist einer der Forschungsschwerpunkte von Tatjana Schnell. In diesem Rahmen beschäftigt sich die Psychologin und assoziierte Professorin an der Universität Innsbruck wissenschaftlich mit der Frage, wie Menschen ihrem Leben einen Sinn geben und wie sie sich darin unterscheiden. Sie sagt, Wissen und Bewusstsein von der Vielfalt weltanschaulicher Auffassungen, Praktiken und Werteorientierung sind notwendig für eine Demokratie. Schnell ist darum derzeit als federführende Leiterin einer neuen international vergleichenden Untersuchung mit dem Titel „Konfessionsfreie Identitäten“ tätig, die erstmals eingehender die lebensweltlichen Identitäten von Menschen ohne Konfessionszugehörigkeit ausleuchten will.

Im Rahmen der Studie findet derzeit eine Online-Befragung statt, die sich an Konfessionsfreie in Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie in den Niederlanden und Dänemark richtet. Neben Schnell sind Wissenschaftlerinnen bzw. Wissenschaftler von den Universitäten Leiden und Kopenhagen sowie der Universität für Humanistik im niederländischen Utrecht an der Studie beteiligt.

Zu der laufenden Untersuchung hat Anna Beniermann, Biologin und Promovendin an der Universität Gießen mit eigenem Forschungsschwerpunkt auf Einstellungen gegenüber der Evolutionstheorie, die Studienleiterin genauer befragt.

Die Studie „Konfessionsfreie Identitäten“ ist explizit den Menschen gewidmet, die sich keiner traditionellen Religions- bzw. Konfessionsgemeinschaft zugehörig sehen. Aus welchem Grund ist diese gesellschaftliche Gruppe besonders interessant?

Tatjana Schnell: Ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft versteht sich als religions- oder konfessionsfrei. Trotzdem wurde diese Gruppe in der Forschung bisher größtenteils ignoriert. Wenn überhaupt weltanschauliche Fragen in psychologische Studien einbezogen wurden, dann handelte es sich in den meisten Fällen um „Religion“ oder „Spiritualität“. Menschen wurden dahingehend charakterisiert, ob und wie stark religiöse Überzeugungen, Erfahrungen, Handlungen bei ihnen vorhanden sind. Das Nichtvorhandensein wurde jedoch nicht als forschungswürdiges Merkmal angesehen. Dabei können nicht-religiöse und nicht-spirituelle Haltungen mit ganz unterschiedlichen Positionen verknüpft sein. Und die sind nicht nur durch eine Ablehnung von Religion gekennzeichnet. Vielmehr finden sich darunter auch wohlüberlegte Alternativen und Gegenentwürfe, über deren Verbreitung und persönliche Ausgestaltung wir noch sehr wenig wissen.

Wie kann es sein, dass Einstellungen von Menschen, die nicht religiös sind, bisher so wenig erforscht wurden?

Sie kamen einfach nicht als untersuchenswerte Gruppe in den Blick. Die Sozialforschung identifiziert meist bestimmte Merkmale, Positionen, Einstellungen und untersucht diese: Wie ausgeprägt sind sie, mit welchen Erfahrungen hängen sie zusammen? Das Nichtvorhandensein des Merkmals ist dabei nicht per se interessant. Das wurde es aber zunehmend, als nicht-religiöse Menschen ihre Stimme erhoben und gezeigt haben: Wir sind nicht einfach nur nicht-religiös, sondern wir haben eigenständige, alternative Weltanschauungen.

Was ist denn aus der empirischen Forschung bisher über Einstellungen, Überzeugungen und Persönlichkeitsmerkmale von nicht-religiösen Menschen bekannt?

Nicht viel. Es gibt Hinweise darauf, dass Atheistinnen und Atheisten eher analytisch als intuitiv denken. Ihr Gefühlsleben scheint weniger intensiv zu sein. Mehrfach repliziert wurde der Befund, dass Atheismus offenbar einen gewissen Schutz vor Depression bieten kann: Die geringste Depressionsrate hatten tiefgläubige Christinnen und Christen, gefolgt von Menschen mit atheistischen Auffassungen. Moderat gläubige christliche Personen litten am häufigsten unter Depressionen.

Einige Studien berichteten ein niedrigeres Wohlbefinden bei nicht-religiösen Menschen. In einer von unseren Studien zeigte sich dies auch bei überzeugten Atheistinnen und Atheisten im Hinblick auf das Sinnerleben. Bei näherer Analyse ließen sich unter ihnen jedoch Gruppen ausmachen, die sich bezüglich ihrer Lebensbedeutungen unterschieden. Zwei der Gruppen berichteten wenig Lebenssinn, die dritte aber unterschied sich nicht vom Bevölkerungsdurchschnitt. Und unter einer Sinnkrise litt nur eine sehr kleine Gruppe.

In unserer letzten Studie konnten wir Atheismus und Agnostizismus miteinander vergleichen. Atheismus stand in starkem Gegensatz zu religiöser Zugehörigkeit, religiösen Überzeugungen und Spiritualität. Bei Agnostizismus war dieser negative Zusammenhang deutlich schwächer ausgeprägt. Interessanterweise fanden sich bei manchen atheistisch denkenden Teilnehmenden auch außersinnliche Erfahrungen wie Telepathie oder ein siebter Sinn; bei Agnostikerinnen und Agnostikern war dies noch häufiger.

Den oft berichteten Geschlechtseffekt, dass Atheismus eher eine Sache von Männern ist, konnten wir nur in einer Studierendenstichprobe replizieren, nicht jedoch in der allgemeinen Bevölkerung. Hier zeigte sich auch kein Zusammenhang mit dem Bildungslevel.

Wie kam es zu der Idee für die nun laufende Studie?

Die Idee ist aus einer Kritik entstanden, die Arik Platzek, leitender Redakteur des Magazins „diesseits“ und Co-Autor des Berichts „Gläserne Wände“, im Rahmen des Cred-O-Mat-Projekts an mich richtete.

In diesem Projekt können Teilnehmende mit Hilfe eines Online-Fragebogens eine Übersicht über ihre persönlichen existentiellen Orientierungen erhalten. Zusätzlich werden die üblichen demografischen Daten erhoben: Geschlecht, Alter, Ausbildung, Religionszugehörigkeit etc. Bei letzter gibt es nur die Möglichkeit, eine Religion, die Option „andere“ oder die Option „keine“ zu wählen. Arik Platzek fragte: „Aus welchem Grund gibt es bei der Frage nach der Zugehörigkeit zu einer religiösen Weltanschauungsgemeinschaft (Religion) keine Möglichkeit, die Zugehörigkeit zu einer Weltanschauungsgemeinschaft ohne religiöses Bekenntnis zu erklären?“ Und ich dachte: Er hat Recht.

Ich hatte zu dieser Zeit bereits viel zu säkularen Sinnquellen geforscht. In einer Studie mit überzeugten Atheistinnen und Atheisten hatte sich gezeigt, dass es auch in dieser Gruppe sehr unterschiedliche existentielle Orientierungen gab. Von daher war diese Kritik ein erster Impuls, die große Gruppe der „Konfessionsfreien“ endlich einmal umfassender, aber dennoch in die Tiefe gehend zu untersuchen. Die konkrete Planung begannen meine Kollegin Hans Alma von der University of Humanist Studies in Utrecht und ich bereits vor zwei Jahren. Da die Koordination einer transnationalen Studie sowie die Auswahl geeigneter Skalen viel Zeit braucht und weitere Kolleginnen bzw. Kollegen hinzukamen – Elpine de Boer und Peter La Cour –, konnte die Studie erst vor kurzem starten.

Ihre Vergleichsstudie wird in mehreren europäischen Ländern durchgeführt. Warum ist gerade eine neue internationale Untersuchung zu lebensweltlichen Identitäten wichtig?

In den für die Studie einbezogenen Ländern – Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande und Dänemark – herrschen recht unterschiedliche Bedingungen, was die Anerkennung und Mitsprachemöglichkeiten von Konfessionsfreien angeht. Wir gehen davon aus, dass sich diese sozialen Bedingungen in den persönlichen Lebenswelten der konfessionsfreien Menschen widerspiegeln. Hierzu gibt es noch keine empirischen Daten.

Warum sind diese fünf Länder für die erste Studie ausgewählt worden? Denken Sie darüber nach, die Untersuchung auch auf weitere Länder wie beispielsweise Großbritannien, Frankreich, den skandinavischen Raum oder Nordamerika auszudehnen? Dort machen konfessionsfreie Menschen ja ebenfalls einen erheblichen Anteil an der Bevölkerung aus.

Wir haben Kolleginnen und Kollegen aus den Niederlanden und Dänemark mit ins Boot geholt, weil diese Länder recht weit fortgeschritten sind im Hinblick auf die gesellschaftliche Anerkennung von Konfessionsfreien. Daher lassen sich interessante Vergleiche ziehen, was die Erfahrungen, das Wohlbefinden, die organisationalen Aktivitäten der Konfessionsfreien in den verschiedenen Ländern angeht. Natürlich wäre eine Ausweitung auf andere Länder informativ. Wir sind mit Forschenden u.a. in Großbritannien, Norwegen, Russland und den USA in Kontakt und werden sicherlich weitere Kooperationen anstreben.

Gibt es über bisherige Umfragen hinausgehende Erkenntnisse, die Sie sich von der Studie besonders erhoffen? Welche Erkenntnisse über konfessionsfreie Menschen hätten Sie gerne in einem halben Jahr, die Sie jetzt noch nicht haben?

Ich gehe von vielen neuen Einblicken aus. Wir sind zum Beispiel gespannt darauf, ob – und wie – sich verschiedene nicht-religiöse Organisationen hinsichtlich der Persönlichkeiten und Überzeugungen ihrer Mitglieder unterscheiden. Und wie sich die Mitglieder von den Konfessionsfreien unterscheiden, die nicht mit einer Organisation assoziiert sind.

Wir möchten auch wissen, wer Vorurteile und Nachteile aufgrund seiner/ihrer Weltanschauung erlebt und wie dies mit Wohlbefinden und Gesundheit zusammenhängt. Ebenso werden wir mehr darüber erfahren, wie verbreitet atheistische Formen von Spiritualität und Religion sind, wie sie z.B. von André Comte-Sponville, Ronald Dworkin und Alain de Botton beschrieben wurden.

Atheismus und Spiritualität „Atheisten haben nicht weniger Geist als andere. Warum also sollten sie sich weniger für das spirituelle Leben interessieren?“, fragt der Philosoph André Comte-Sponville in seinem Werk „Woran glaubt ein Atheist?“. Der französische Philosoph beschreibt Möglichkeiten einer Spiritualität ohne Götter und ohne Kirche. Der Rückgang der Religionen in westlichen Gesellschaften lasse nicht das individuelle Bedürfnis nach Spiritualität verschwinden. Comte-Sponville steht für atheistische Haltungen, mit denen gestaunt werden kann. So kann atheistische Spiritualität zum Beispiel bedeuten, die Beziehung der eigenen endlichen Existenz zum Unendlichen zu gestalten.

In Ihrer Studie kommt unter anderem die von mir entwickelte ATEVO-Skala zu Einstellungen zur Evolution zum Einsatz. Inwiefern könnten Haltungen zur Evolutionstheorie in der Untersuchung eine relevante Rolle spielen?

Ich nehme an, dass die Evolutionstheorie stärker im Weltbild der atheistisch eingestellten Personen als in dem der agnostisch orientierten Menschen verankert ist, dies aber höchstens ein gradueller Unterschied sein wird, da Kreationismus und Intelligent Design wohl bei den meisten Konfessionsfreien keine brauchbaren Optionen sind.

Die Online-Befragung hat keinen exklusiven Teilnehmer-Kreis und wird bspw. auch über die sozialen Netzwerke geteilt. Was bedeutet das für die Repräsentativität der Studie, wie aussagekräftig werden die Ergebnisse sein?

Für eine repräsentative Stichprobe würden wir eine ausgewogene Bevölkerungsstichprobe – aus allen Bundesländern, Altersgruppen, Bildungsschichten usw. – von ca. 7.000 Teilnehmenden benötigen. Das ist mit den vorhandenen Mitteln nicht möglich. Zur Teilnahme eingeladen sind alle, die sich als konfessionsfrei verstehen – ob im formell-bürokratischen Sinn oder hinsichtlich ihrer persönlichen Überzeugung. Nur so werden wir auch Menschen erreichen, die nicht organisatorisch gebunden sind. Dies ist notwendig, um im weiteren Sinne von konfessionsfreien Identitäten sprechen zu können.

Für welche Gruppen die Aussagen generalisierbar sein werden, das werden wir erst einschätzen können, wenn wir wissen, wie viele Personen der entsprechenden Gruppen teilgenommen haben.

Die Befragung läuft bis Ende des Jahres. Was ist anschließend geplant?

Die Datenauswertung soll in den ersten Monaten des Jahres stattfinden. Bevor wir Ergebnisse veröffentlichen, wollen wir sie mit einigen Konfessionsfreien und Vertreterinnen bzw. Vertretern nicht-religiöser Organisationen diskutieren, um verschiedene Perspektiven in die Interpretation einzubeziehen. Auch die interkulturelle Auswertung wird zusätzliche Arbeitstreffen verlangen. Die Ergebnisse werden in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht, aber auch den Medien sowie interessierten Studienteilnehmenden und Organisationen zur Verfügung gestellt.

Forschung fördern An der nun laufenden Online-Befragung zur Studie können sich Interessierte bis zum 31. Dezember 2016 beteiligen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben nach Beantwortung des Fragekatalogs die Möglichkeit, sich eine Zusammenfassung der Studienergebnisse zusenden zu lassen. Hier befindet sich die Online-Befragung Konfessionsfreie Identitäten

Aus welchem Grund sollten Konfessionsfreie sich an der Befragung für die Studie beteiligen?

Einerseits würden sie dazu beitragen, unseren gesellschaftlichen Wissensstand voranzubringen. Außerdem glaube ich, dass mehr Wissen über die – auch innerkulturelle – Vielfalt von Weltanschauungen unserer Gesellschaft guttut. Wir machen uns nicht oft Gedanken über die grundlegende Struktur unseres Weltbilds. Noch seltener sprechen wir darüber. Das heißt, dass viele Interaktionen auf Vorannahmen und Vorurteilen beruhen. Das gilt für jegliche Position: Was glauben, was denken denn Atheisten, Freidenkerinnen, Christen, Muslimas wirklich? Wie viel Unterschiedlichkeit gibt es innerhalb der Positionen, wieviel Gemeinsamkeit zwischen ihnen? Bewusstheit darüber ist notwendig für die Gestaltung von Demokratie.