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Systemische Pädagogik

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Inwieweit kann Systemische Pädagogik als humanistische Praxis verstanden und profiliert werden?
Freitag, 11. November 2016

Diesen und mehr Fragen geht nun der von Petra Caysa und Brigitte Wieczorek-Schauerte, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Ausbildungsinstitut für Humanistische Lebenskunde in Berlin, herausgegebene Sammelband „Konstruktionen der Freiheit“ nach.

Für wen ist dieses Buch? Wer sollte es lesen?

Brigitte Wieczorek-Schauerte: Zunächst ist es konzipiert, wie der Untertitel schon sagt, für Pädagog_innen, also für alle, die beruflich etwas mit Bildung und Erziehung zu tun haben. Wenn es aber um Bildung und Erziehung geht, dann sind für mich natürlich auch Vertreter_innen der Bezugswissenschaften wie die Psycholog_innen und Soziolog_innen eingeschlossen. Und wenn es dann noch die mit dem Thema Humanismus oder Humanistik beschäftigten Philosoph_innen interessieren würde, würde ich mich über eine Diskussion mit ihnen freuen.  

Petra Caysa: Alle, die es interessiert. Wen Klappentext, Thema und/oder Titel ansprechen, der kann sich sicher selbst zum Rein- und Weiterlesen motivieren. Zielgruppenimagination scheint mir nicht so problemlos zu sein, wie ein von Verkauf, Aufmerksamkeitsökonomie und Marketing gesättigter Diskursbetrieb dies nahelegt. Ich kann sprechen oder schreiben, was ich will, schlussendlich entscheiden diejenigen, die gelesen oder gehört haben darüber, was sie mit dem auf diese Weise Erfahrenen anfangen. Bliebe die Frage, wie man sie zum Lesen bringt. Ich setze auf Neigung, Leidenschaft und Interesse am und für den Gegenstand, das Thema.

Cover

Was genau ist denn „Systemische Pädagogik“ und „Systemisches Arbeiten“?

Petra Caysa: Das weiß Brigitte, Frau Dr. Wieczorek-Schauerte, ganz sicher besser als ich. Meine Frage ist eher: Was könnte systemisches Arbeiten sein, welches Versprechen führt es mit sich und erfüllt es vielleicht sogar? Neben den philosophischen Begründungsoptionen, die bei verschiedenen Akteuren in unterschiedlicher Art und Weise auftauchen, hat mich interessiert, in welcher Weise systemisches Arbeiten meinen Wunsch nach souveräner Lebensführung beflügeln oder erfüllen kann. Bemerkenswert schienen mir aus dieser Perspektive folgende Grundannahmen: eine unterstellte Gleichheit der Akteure, die Annahme von der konstitutiven Kraft innerer Bilder für die Herstellung von Wahrnehmungswirklichkeiten und der Verzicht auf einen objektiven Wahrheitsanspruch. Was also passiert, wenn in eine, vielleicht kleine, Welt der Akteure, in der diese einander nicht als Gleiche begegnen, in der die Wirkmächtigkeit ihrer inneren Bilder herzlich wenig interessieren und in der sie mit allerlei unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen konfrontiert werden, zwecks Lösung eines oder mehrerer Probleme systemisch interveniert wird? Genau dies wollte ich genauer wissen.

Brigitte Wieczorek-Schauerte: Ich beziehe mich da zuerst auf den Namen, den diese Art der Pädagogik oder Beratung bekommen hat: Wir denken und arbeiten in der Pädagogik- oder der Beratungs-Praxis mit Systemen. Das kann bedeuten, dass wir es ohnehin sehr konkret mit Lerngruppen oder Familien oder Arbeitsteams zu tun haben, oder, falls es sich um die Arbeit mit einer einzelnen Person handelt, beziehen wir den gesamten sozialen Kontext mit ein, in den diese Personen eingebettet ist. Und das nehmen wir sehr genau: Zu der Lerngruppe zählt die Lehrerin genauso dazu wie die Leitung in einem Arbeitsbereich oder natürlich der Berater oder die Beraterin in einer systemischen Beratung. Jedes Mitglied eines Systems beeinflusst die anderen, wie etwa alle Figuren bei einem Mobile in Bewegung geraten, wenn ich an einer Figur ziehe.

Wer ein System beschreibt, der ist sozusagen allein durch diesen Akt ein Teil des Systems, denn es gibt keinen objektiven Beobachter von außen. Dadurch gibt es auch kein objektives Richtig oder Falsch, sondern nur ein mehr oder weniger gelungenes Kommunizieren oder Handeln. Das bedeutet, dass wir uns jederzeit bewusst sein müssen, dass Zuschreibungen wie etwa Verhaltensstörungen bei Kindern immer etwas Willkürliches haben, ebenso wie Moralvorstellungen. Wo immer sich Individuen oder Gruppen für bestimmte Normen entscheiden – sie haben diese allein oder gemeinsam auf der Basis ihrer Erfahrungen konstruiert. Dieses Bewusstsein macht unsere Beurteilungen anderer Menschen bescheidener und führt zu dem Schluss, dass unsere Konstruktionen veränderbar sind und sein müssen, wenn sie sich als nicht alltagstauglich erweisen. Das Systemische Arbeiten in der Pädagogik und Beratung bedeutet das Bemühen, die hinter den unterschiedlichen Lebensäußerungen steckenden „guten Gründe“ zu verstehen und sogar scheinbar unbequemes, störendes Verhalten als persönliche Ressource zu werten: Alle Menschen sind bemüht und haben die Ressourcen, Lösungen für die ihnen gestellten Herausforderungen im Leben zu finden. Systemische Pädagogog_innen beobachten genau und suchen Lernwege auf der Basis dieser Ressourcen und systemische Berater_innen sind bemüht, einen Austausch über die „guten Gründe“ der im System Handelnden und Kommunizierenden anzuregen.  Wer noch mehr wissen will, der sollte dann das Buch lesen.   

Der Sammelband will laut Klappentext erkunden, „inwieweit Systemische Pädagogik als humanistische Praxis verstanden und profiliert werden kann“. Unter welchen Bedingungen ist Systemische Pädagogik eine humanistische Praxis?

Petra Caysa: Für mich sind zwei Kriterien ausschlaggebend, die humanistische Praktiken auszeichnen: Souveränität und Emanzipation. Systemisches Arbeiten wäre demnach erstens als humanistische Praxis zu charakterisieren, wenn es dafür sorgt oder einen Beitrag liefert, dass die Angesprochenen oder Beteiligten die Kräfte und deren Wirkungen, die sie in diesem Arbeitsprozess einsetzen, selbst kontrollieren können und zugleich die Erfahrung mitnehmen, dass der Einsatz eigener Kräfte an Attraktivität gewinnt, wenn er grundsätzlich im Modus souveräner Selbstkontrolle stattfindet. Zweitens, dass systemisches Arbeiten für alle einen Vorteil bringt, also kein exklusives Privileg darstellt.

Brigitte Wieczorek-Schauerte: Für mich persönlich ist eine humanistische Praxis schwer vorstellbar ohne den hinter dem systemischen Ansatz stehenden sozialen Konstruktivismus. Wenn wir zum Beispiel die Freiheit als ein wichtiges humanistisches Prinzip unseren Mitmenschen zugestehen und das auch ehrlich meinen, dann müssen wir mit einer großen Vielfalt leben können, dann müssen wir uns immer wieder bemühen, Fremdes und Unbekanntes zu verstehen und zu akzeptieren, soweit es mit anderen humanistischen Prinzipien vereinbar ist. Das bedeutet, den eigenen Standpunkt nicht als absolut zu setzen – er ist ja unsere Konstruktion neben vielen anderen. Und kein Gesetz, das über dem von Menschen gemachten steht, kann helfen, hier Eindeutigkeit und Klarheit zu schaffen oder sogar als Mittel für die Durchsetzung von Normvorstellungen missbraucht werden – das genau bedeutet für mich unsere weltliche Orientierung. Wenn Humanist_innen für die Erziehung und Bildung die Selbstbestimmung als Zielsetzung gewählt haben, dann müssen Kinder und Jugendliche befähigt werden, Lebensentwürfe zu entwickeln, die ihnen einen Spielraum von Selbstbestimmung gewährleisten, ohne anderen diesen Spielraum abzuerkennen.  

Frau Caysa, in Ihrem einleitenden Beitrag – „Freiheiten regieren. Eine philosophische Sondierung“ – ist, wenn ich es richtig verstehe, kritisch die Rede von der Gefahr, dass Pädagogik und Psychologie sich bloß als „Reparaturauftrag“ verstehen, die gesellschaftliche Missverhältnisse also eher fortschreiben als bekämpfen. Wie lässt sich dem entkommen?  

Petra Caysa: Unter den gesellschaftlichen Bedingungen, in denen wir dies gerade besprechen, ist Entkommen nicht möglich, aber Entscheidungen zu treffen, erforderlich. Pädagogisches und psychologisches Arbeiten ist als Menschenführungstätigkeit zu verstehen, die mit zwei entscheidenden Optionen hantieren kann: Verhaltenssteuerung als Anpassung an bestehende Verhältnisse und Verhaltenssteuerung als Befähigung, als In-die-Lage-Versetzen, den bestehenden Verhältnissen Bedrängnisse, Unterdrückung und Unmenschliches auszutreiben, d.h. sie in diesem Sinne zu ändern. Ich bin weder Idealistin noch Puristin. Anpassung scheint unausweichlich, der Miete, der Kinder, der Enkel, des Liebsten, des eigenen Lebens wegen... Die Frage stellt sich für das Handeln jeweils sehr konkret: Um welchen Preis, unter welchen Bedingungen, mit welchen Leuten, mit welchem Einsatz nehme ich mit pädagogischen oder psychologischen oder eben anderen Mitteln und Kräften Einfluss auf die jeweils anderen, mit denen ich es zu tun habe? In diesem Punkt kann man sich nicht nicht entscheiden.

Brigitte Wieczorek-Schauerte: Ich denke, dass gerade der systemische Ansatz den besten Schutz davor bietet, da er es ja ablehnt, Menschen nach ihren individuellen Defiziten einzuordnen – was ja die Voraussetzung eines Reparaturauftrags an die Pädagogik oder Psychologie für alle Funktionsuntüchtigen wäre. Wenn wir uns den Menschen bei diesem Ansatz in seinem gesamten sozialen System anschauen, seine Funktionen also immer als Summe seiner sozialen Erfahrungen werten und unbequemes Verhalten sogar als persönliche Ressource gegen gesellschaftliche Missstände sehen, dann bestärken wir in der systemischen Pädagogik und Beratung Menschen eher darin, sich angemessen und wirkungsvoll gegen diese Missstände zu wehren. 

Frau Wieczorek-Schauerte, in Ihrem Aufsatz „Vom Defizit zur Ressource. Der Gewinn von Freiheit und Selbstbestimmung in der Systemischen Pädagogik“ spielt der Konstruktivismus eine entscheidende Rolle. Sind denn auch humanistische Überzeugungen, Menschenwürde und Menschenrechte nur Konstrukte? Liegen darin die Freiheitsgewinne, dass man konstruieren kann, was man will?  

Brigitte Wieczorek-Schauerte: Ja sicher, auch humanistische Überzeugungen, die Menschenwürde und die Menschenrechte sind Konstrukte – was sollen sie sonst sein? Da haben sich Menschen zusammen gesetzt und etwas Wunderbares konstruiert: humanistische Postulate, die die Grundlage der oben beschriebenen humanistischen Lebensauffassung bilden, ein friedliches Zusammenleben aller Menschen in Würde und Selbstbestimmung erleichtern, und daraus wiederum Menschenrechte formuliert, deren Einhaltung global überwacht und wenn möglich eingeklagt werden können. Diese Prinzipien oder Postulate sind es wert, verteidigt zu werden. Sie sind nicht einfach beliebig zu verwerfen oder veränderbar –auch wenn es Konstrukte sind. Die Vorstellung, dass es sich um Konstrukte handelt, führt nicht automatisch zu ihrer Bedeutungslosigkeit. Diese Vorstellung scheint mir eher aus einer Zeit oder Kultur zu kommen, in der das Wort Gottes eben über allem stand oder noch steht. Aber das ist mit humanistischen Überzeugungen nicht vereinbar. 

In diesem Band der Schriftenreihe finden sich konkrete Praxisberichte. Das ist anders als in den vorherigen Bänden. Welche Konzepte und Ideen sind damit verbunden?

Petra Caysa: Wenn man davon überzeugt ist, dass systemisches Arbeiten in Pädagogik und in Beratung Vorzüge zur Geltung bringt, ist es auf- und folgerichtig, die einem zugängliche Praxis darauf hin zu prüfen, ob diese Vorteile auch eingetreten sind. Die im Band beschriebenen Praxisfelder könnten Anlass zu Optimismus geben.

Brigitte Wieczorek-Schauerte: Da das Bändchen konkret auf die Praxis hinweist, hielten wir es für richtig, auch Praxisberichte aufzunehmen. Sie sollten die eher theoretische Diskussion am Anfang bereichern und auch den mit dem systemischen Ansatz nicht vertrauten Lesern einen kleinen Einblick in die konkrete Arbeit geben. Vielleicht machen sie auch Pädagog_innen neugierig auf unsere Fortbildungsangebote in der Akademie. „Systemiker“ sind ja sehr kreativ und unsere Methoden machen durchaus Spaß, auch wenn die Gegenstände der Auseinandersetzung in der Pädagogik und Beratung manchmal sehr ernst sind.

Sind Forschungsfragen offen geblieben oder haben sich neue ergeben?

Brigitte Wieczorek-Schauerte: Zum Glück bleiben noch viele Forschungsfragen offen. Da haben wir noch was zu tun. Bisher hat sich m.E. noch niemand in einem Forschungsprojekt mit der Frage auseinandergesetzt, ob der Systemische Ansatz ein humanistischer ist. Das stellen wir ja mit dem Bändchen einfach so in den Raum und geben auch einige Hinweise. Ein Ansatz ist dazu also gegeben, aber sich damit systematisch zu beschäftigen, wäre ein interessanter Schritt und die Humanistische Akademie wäre sicher ein guter Ort dazu. 

Was halten eigentlich Ihre eigenen Kinder von Systemischer Pädagogik?

Petra Caysa: Da sollten Sie das betreffende Kind schon selbst fragen.

Brigitte Wieczorek-Schauerte: Meine Kinder sind beide schon erwachsen. Mein Sohn hat Physik und Philosophie studiert und hat in unseren Diskussionen eigentlich früher als ich selbst betont, dass der Humanismus oder eine humanistische Lebensauffassung ohne den sozialen Konstruktivismus nicht vorstellbar ist – da hat er eher als ich eine Verbindung hergestellt zwischen meiner Ausbildung zur Systemischen Therapeutin und meinem Engagement und meiner beruflichen Tätigkeit im Humanistischen Verband, die zunächst gar nicht in meinem Kopf war. Meine Tochter studiert Psychologie und in diesem Bereich ist der systemische Ansatz inzwischen sehr gut etabliert. In unseren Gesprächen gehen wir eigentlich ganz selbstverständlich von einer individuell konstruierten sozialen Umwelt aus – theoretisch! Und trotzdem streiten wir in der Familie eigentlich immer recht angestrengt darüber, wer nun Recht hat und wer nicht. Soviel also dazu: Es gibt kein Richtig oder Falsch!

Die Fragen stellte Ralf Schöppner, Philosoph und Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland.