Direkt zum Inhalt

Zu Unrecht vergessen

DruckversionEinem Freund senden
Soziale Gerechtigkeit für das schaffende Volk hatte sich Ida Altmann auf die Fahnen geschrieben. Zwei neue Publikationen stellen diese für die humanistische Bewegung ebenso wie für die Arbeiter-Bewegung prägende Persönlichkeit in den Mittelpunkt.
Samstag, 15. Oktober 2016
Foto: privat

Ida Altmann.

Die Geschichte der humanistischen Bewegung mit ihren vielen Verzweigungen ist leider bis heute nicht besonders gut erforscht. Das hat dazu geführt, dass viele prägende Persönlichkeiten aus der humanistischen Bewegung in Vergessenheit geraten sind. Bei Frauen, denen aufgrund ihres Geschlechts schon zu ihren Lebenszeiten zu wenig Beachtung geschenkt wurde, stellt sich diese Situation noch einmal verschärft dar.

Eine dieser zu Unrecht Vergessenen ist Ida Altmann. Sie hatte eine führende Rolle in der Bildungsarbeit der Berliner Freireligiösen Gemeinde inne. Von 1902 bis 1912 arbeitet sie zudem beim Internationalen Freidenkerbund in Brüssel als Sekretärin für Deutschland. Außerdem ist sie auch schriftstellerisch tätig. Sie verfasst zahlreiche Gedichte, Märchen und Erzählungen, ie von sozialistischen und freidenkerischen Ideen geprägt sind.

Gleichzeitig gehört sie zu den prominenten Köpfen der deutschen Gewerkschafts- und proletarischen Frauenbewegung in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. 1905 erreicht sie, dass die  Generalkommission der Freien Gewerkschaften ein Arbeiterinnensekretariat einrichtet, dessen erste Leiterin sie wird.

Die Tatsache, dass sie sich schon in der Mitte ihres Lebens aus der Politik zurückzog, hat ihr Vergessenwerden sicherlich noch verstärkt. Zwei jüngst erschienene Publikationen haben es sich nun zur Aufgabe gemacht, dies zu ändern. Sowohl die Berliner Freireligiöse Gemeinde als auch die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung würdigen Ida Altmann nunmehr mit jeweils einer Publikation. Ida Altmann stammt aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Ostpreußen. In Königsberg besucht sie eine höhere Töchterschule und anschließend das Lehrerinnen-Seminar. Das war der höchste Bildungsabschluss, den Frauen damals erreichen konnten. Der Zugang zu den Universitäten war ihnen verwehrt. Als Jüdin durfte sie auch nicht an staatlichen Schulen angestellt werden. Es blieb ihr nur, als Privatlehrerin zu arbeiten. Sie lernt in Königsberg eine russische Arztfamilie kennen, für die sie in St. Petersburg dann einige Zeit als Hauslehrerin tätig ist.

In St. Petersburg erwirbt sie, u.a. bei Veranstaltungen der dortigen Akademie der Wissenschaften, umfassende naturwissenschaftliche Kenntnisse. Geprägt von den Lehren des Zoologen
und Philosophen Ernst Haeckel entsteht ihre freidenkerische Weltanschauung. Gleichzeitig begeistert sie sich für sozialistische Ideen. „Soziale Gerechtigkeit für das schaffende Volk“ schreibt sie sich auf die Fahne.

Für dieses Bestreben bot Berlin nach Aufhebung der Sozialistengesetze im Jahr 1890 bessere Bedingungen als St. Petersburg. Sie zieht nach Berlin, engagiert sich in der Sozialdemokratie, den Gewerkschaften und der Freireligiösen Gemeinde. Schnell steigt sie zu einer gefragten Rednerin und respektierten Agitatorin auf, die sich vor allem für die Organisierung von Frauen in der Arbeiterbewegung engagiert.

Für die Freireligiöse Gemeinde entwickelt Ida Altmann 1895 „Leitsätze für die Kinder von Freidenkern und Freireligiösen“. Wegen der angeblich staatgefährdenden Inhalte ihres Jugendunterrichts gerät sie ins Visier der preußischen Behörden. Ihr wird die Lehrerlaubnis entzogen und sie muss, weil sie sich weigert, eine in diesem Zusammenhang verhängte Geldstrafe zu bezahlen, sogar ins Gefängnis.

Im Jahr 1900 vertritt sie erstmals die Freireligiöse Gemeinde beim Internationalen Freidenkerkongress und wird zur Sekretärin für Deutschland gewählt. Aus dem erfolgreichen Versuch, Ernst Haeckel für die Teilnahme am Internationalen Freidenkerkongress 1904 in Rom zu gewinnen, entwickelt sich ein intensiver Briefwechsel, der bis zu Haeckels Tod im Jahr 1919 anhielt.

Sie bewundert Haeckel als Verbreiter der Evolutionstheorie und einer wissenschaftlich und nicht theologisch geprägten Weltanschauung. Diese Bewunderung war sehr unkritisch. Weder hinterfragt sie seine Thesen über die Ungleichheit verschiedener Menschengruppen – auch wenn es damals noch keine Kritik am Rassenbegriff gab – noch sein Engagement für den völkisch, nationalistisch geprägten Alldeutschen Verband. Im Gegenteil folgt sie während des Ersten Weltkrieges Haeckel in seiner einseitig nationalistischen Sicht auf den Krieg.

Zu dieser Zeit lebt sie bereits im Elsass. 1912 hat sie ihren langjährigen Partner Jegor Bronn heiraten können, der dort eine führende Position als Chemiker in einem Hüttenwerk innehatte. Jegor Bronn, 1870 in Minsk geboren und jüdischer Abstammung, hatte nach langem Behördenhickhack die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. Bis dahin galt er als staatenlos und konnte jederzeit ausgewiesen werden. Nach damaligem Recht hätte Ida Altmann als seine Ehefrau ihre deutsche Staatsangehörigkeit verloren.

Mit ihrem Umzug endet ihre politische Betätigung. Auch als sie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das Elsass verlassen muss und nach Berlin zurückkehrt, nimmt sie diese nicht wieder auf. Als Ida Altmann-Bronn ist sie keine politische Person mehr. Der Freireligiösen Gemeinde bleibt sie verbunden, ist aber dort nicht mehr aktiv. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Enttäuschung darüber, dass ihr Engagement nicht genug gewürdigt wurde, kann eine Rolle gespielt haben. Bereits 1908 hatte sie ihre Position als Leiterin des Arbeiterinnensekretariats niedergelegt. Dass sie in dieser Funktion die bittere Erfahrung machen musste, dass viele ihrer männlichen Kollegen für die Idee der sozialen und ökonomischen Gleichberechtigung der Frau wenig aufgeschlossen waren, mag dazu beigetragen haben. Ihr Engagement für die Arbeiterklasse und die Rechte der Frauen ging jedenfalls vollständig verloren. Das bestätigen auch die Ergebnisse einer polizeilichen Überprüfung durch die NS-Behörden im Jahr 1935. Darin stellten diese fest, dass in politischer Hinsicht nichts gegen Ida Altmann-Bronn ermittelt werden konnte. Auch gibt es in ihren Briefen Anzeichen für einen politischen Einstellungswandel. Private Gründe mögen ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Ihr Mann litt an einer Nierenerkrankung, die Sorge um seine Gesundheit nahm Kraft und Zeit in Anspruch.

In ihrer aktiven Zeit hat Ida Altmann viel für die humanistische, die sozialistische und die Gewerkschafts-Bewegung geleistet. So ist es zu begrüßen, dass nunmehr zwei Biografien ihr bewegtes Leben nachzeichnen und die Erinnerung an sie wachhalten. Allerdings ist Johannes Nebmaier, Autor der einen Studie und Urgroßneffe von Ida Altmann, auch an der anderen beteiligt. Über die unvermeidlichen Überschneidungen hinaus gibt es daher leider viele Doppelungen.