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Sterbefasten

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Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit – Eine Fallbeschreibung
Samstag, 15. Oktober 2016
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Wer schon mal gefastet hat, weiß, dass das nicht weh tut. Nichts zu trinken führt aber schnell zu Durst, was auf die Dauer zu einer quälenden Belastung wird. Wenn aber Mund und Schleimhäute feucht gehalten werden, reduziert sich der Durst auf ein erträgliches Maß.

Eine Fastenregel besagt, dass man das Fasten beenden sollte, wenn der Hunger wiederkommt. Wer aber auch aufhört zu trinken, wird an Nierenversagen versterben, bevor der Hunger wiederkommen kann. Das kann, je nach Grunderkrankung und abhängig von der durch Mundpflege aufgenommenen Flüssigkeitsmenge, im Mittel zehn bis vierzehn Tage dauern. Dabei besteht anfangs noch die Möglichkeit, sich umzuentscheiden, ohne bleibende körperliche Schäden befürchten zu müssen, was ein großer Vorteil gegenüber anderen Methoden sein Leben zu beenden ist.

Gerade bei jüngeren und eventuell depressiven Menschen können die nach einigen Tagen vom Körper vermehrt produzierten sogenannte Glückshormone (Endorphine) zu einem Gesinnungswandel und Abbruch des Sterbefastens führen. Was dann bleibt, ist die Erkenntnis, dass diese Option auch später noch genutzt werden könnte. So entsteht eine höhere Toleranz den Widrigkeiten des Lebens gegenüber, die sogar suizidpräventiv wirken kann.

Christiane zur Nieden ist ehrenamtliche Sterbe- und Trauerbegleiterin sowie Heilpraktikerin für Psychotherapie und hat ihre Mutter beim Sterbefasten begleitet. Über ihre Erfahrung damit berichtet sie im ersten Teil des nun im Mabuse-Verlag erschienenen Buches „Sterbefasten: Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit – Eine Fallbeschreibung“ sehr mitfühlend und teilweise anrührend. Dabei beginnt sie mit dem Ende und beschreibt danach, in einer Art Tagebuch, wie sie anfänglich mit sich gekämpft hat, als sie es noch nicht wahrhaben wollte, und was sie versuchte, um ihre Mutter davon abzubringen. Letztendlich hat sie den freiverantwortlichen Willen ihrer Mutter akzeptiert und alles in ihrer Macht Stehende getan, um es ihr so angenehm wie möglich zu machen.

Welche Höhen und Tiefen dabei durchzumachen waren, deutet eine Aussage der Enkeltochter an, die meinte: „Das ganze Geschehen hier hat etwas von einem absurden Theaterstück, in dem Oma Regisseur, Intendant und Clown spielt.“ Dass der so dem Tod entgegenschreitende Mensch selber auch noch neue Erkenntnisse machen kann, bringt die Großmutter durch diese Empfehlung zum Ausdruck, als sie lächelnd sagte: „Trink das nächste Glas Wasser mit Genuss, ich habe es zu oft ohne Achtsamkeit getrunken.“

Der zweite, etwas umfangreichere Teil beschäftigt sich in theoretischer Hinsicht eingehender mit dem Thema. Der Ehemann der Autorin, der Arzt für Allgemein- und Palliativmedizin Hans-Christoph zur Nieden, steuert in einem Kapitel seine ärztliche Sicht auf das Sterbefasten bei. Es wird die optimale Mund-, Schleimhaut- und Augenpflege ausführlich beschrieben, die Vorteile einer Dekubitus-Matratze sowie die zu erwartenden Veränderungen bei den Ausscheidungen.

Weiter wird die rechtliche Situation einschließlich der Veränderung durch den neuen Paragraphen 217 Strafgesetzbuch erörtert und Empfehlungen für die rechtliche Absicherung gegeben. Dazu sind im Anhang Formulare für eine Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Modifikation der Garantenpflicht abgedruckt. Das Buch ist sorgfältig mit Referenzen versehen und hat einen von ihrer Tochter gemalten, sehr schönen Einband. Wer erwägt, sein Leben zu beenden, kann hier eine Anleitung finden, die hilft, die Vor- und Nachteile abzuwägen und notfalls die richtigen Entscheidungen zu treffen. So kann unnötiges Leiden vermieden und verhindert werden, dass Dritte traumatisiert werden.

Image of Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit - Eine Fallbeschreibung

Christiane zur Nieden: Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit - Eine Fallbeschreibung. Mabuse-Verlag 2016, Taschenbuch, 171 Seiten