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Integration und Ansiedlung

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Wie weit reichen die Parallelen aus der Geschichte?
Freitag, 18. November 2016

In der Flüchtlingsdebatte werden historische Assoziationen geweckt und Analogien absichtlich evoziert. Es ist die Aufgabe des Historikers zu prüfen, wie weit die Parallelen reichen. Handlungsanleitungen für die Gegenwart sind damit noch nicht verbunden. In drei Bereichen lässt sich über Parallelen diskutieren: Im Schicksal der europäischen Juden während des 19. Jahrhunderts, im Kulturkampf zwischen Kirche und Staat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der Geschichte der Ansiedlung von Glaubensflüchtlingen in Deutschland während der frühen Neuzeit.

Auffällig ist zunächst, wie stark momentan der Begriff „Integration“ strapaziert wird. Immer neu werden Bekenntnisse zur Integration gefordert, man will sogar Verpflichtungserklärungen unterschreiben lassen. Unklar ist dabei, was mit dem Begriff gemeint ist. Während Soziologen unter Integration all jene Tendenzen verstehen, die den Zusammenhalt einer Gesellschaft fördern, wird Integration im Tagesgebrauch als Leistung verstanden, die einseitig von Zuwanderern zu erbringen ist. Der Verdacht drängt sich auf, dass hier ein Wort ersetzt werden soll, das nicht ohne Grund einen schlechten Beigeschmack erworben hat: „Assimilation“. Seinen schlechten Ruf verdankt das Wort Assimilation vor allem den schlechten Erfahrungen derjenigen, die sich einst der Assimilation unterzogen hatten. Ein Beispiel bilden die deutschen Juden.

Als die preußischen Bürokraten während der Zeit der Reformen Steins und Hardenbergs über die rechtliche Gleichstellung der Juden im Königreich nachdachten, gingen sie davon aus, dass der Preis für diese Gleichstellung der Verzicht auf alles das sein müsse, was das Judentum zumindest äußerlich damals ausmachte. In den Regierungsakten der Jahre 1808-1812 findet sich die  Formulierung, es komme nicht darauf an, die Juden, „wohl aber das Judentum totzuschlagen.“ Als einzelne Bürger, ihres Judentums entkleidet, sollten die Menschen in der preußischen und später der deutschen Gesellschaft aufgehen. Es ist hinlänglich bekannt, wie die Juden diese Aufforderung beantwortet haben.

Sie übererfüllten ihr Soll derart, dass sich die Assimilationsforderung in Neid und in den Verdacht der Unterwanderung verwandelt hat. 1879 schrieb Heinrich von Treitschke dann: „Die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volkstum mit dem unseren verschmelzen können.“ Er fuhr fort: „Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: Sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und einfach als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrwürdig sind; denn wir wollen nicht, dass auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur folge.“ Auf Treitschkes Forderung, die Juden sollten Deutsche werden, antwortete Theodor Mommsen damals: „Sie sind es ja, so gut wie er und ich. Er mag tugendhafter sein als sie; aber machen die Tugenden den Deutschen? Wer gibt uns das Recht, unsere Mitbürger dieser oder jener Kategorie wegen der Fehler, welche im Allgemeinen dieser Kategorie, es sei auch mit Recht, zur Last gelegt werden, aus der Reihe der Deutschen zu streichen?“ Man kann leicht einen Einbürgerungstest entwerfen, bei dem die meisten eingeborenen Deutschen durchfallen würden.

Ist „Eindeutigkeit“ immer ein Gewinn?

Am schwersten wiegt daher das Argument, das Wilhelm von Humboldt schon 1809 gegenüber allen Bestrebungen, eine Gruppe durch Erziehung für die Inklusion in die Gesellschaft reif zu machen, vorgetragen hat. „Wollte ein Staat in diesem Punkt konsequent sein“, meinte Humboldt in seinem Gutachten zur Frage der Judenemanzipation, „so müsste seine Gesetzgebung auch unter den Christen nach Maßgabe der Kultur die Bürgerrechte ungleich verteilen, was doch glücklicherweise noch niemandem eingefallen ist.“ Wo ist die Instanz, die sich anmaßen könnte, zu entscheiden, jetzt ist der Zuwanderer so weit angepasst, dass wir ihn als integriert bezeichnen können? Und wer könnte verhindern, dass die Latte immer von neuem höher gelegt wird, die Mohrrübe dem Esel immer weiter vorenthalten wird?

Hinter solchen als „Integration“ getarnten Assimilationsforderungen verbirgt sich ein illiberales Gesellschaftskonzept. Wollen wir überhaupt als Deutsche, Christen, Muslime, Hetero-oder Homosexuelle schubladisiert werden? Ist Eindeutigkeit immer ein Gewinn? Abgesehen davon, dass viele orientalische Flüchtlinge aus Christengemeinden stammen, die ein Jahrtausend älter sind als das meiste, was es an Rhein und Elbe gibt, kommen vielleicht auch viele deshalb zu uns, weil sie ein Land suchen, wo sie endlich einmal von Religion unbehelligt bleiben können. Sie wollen sich vielleicht über Religion gar nicht klar werden müssen.

Vorbehalte gegen Muslime werden gerne damit begründet, dass diese ein geschlossenes Weltbild hätten und kulturell wie gesellschaftlich rückständig seien. Inwieweit dieser Verdacht mit der Realität übereinstimmt, ist Gegenstand von Debatten, die nicht immer seriös ablaufen. Auf alle Fälle müssen sich Islamkritiker die Frage gefallen lassen, wie weit sie selbst den von ihnen an den Islam angelegten Maßstab der Fortschrittlichkeit erfüllen. Es macht hellhörig, wenn auf einmal die Gleichberechtigung der Frau mit flammenden Worten zum Kern deutscher Werte erklärt wird, obwohl der Kampf um diese Gleichberechtigung in Deutschland noch längst nicht ausgestanden ist.

Und wenn Heiden und Türken kämen

Die Vorstellung, man könnte eine gewissen Grad an Fortschrittlichkeit abfragen, tauchte auch im Kulturkampf auf, der im Deutschland der 1870er Jahre zwischen einem bereits weitgehend säkularisierten Staat und dem katholischen Klerus geführt wurde. Rudolf Virchow und einige liberale Parlamentarier waren damals der Ansicht, dass sogar ein Zwang zum Fortschritt seitens des Staates zugelassen sei. 1872 sagte Virchow im preußischen Abgeordnetenhaus, die von katholischer Seite geforderte Unterrichtsfreiheit sei nichts als die Freiheit der Ignoranz. Auch damals ging es um „Ghettoisierung“ und „Parallelgesellschaften“, die Bewohner waren allerdings nicht Muslime, sondern Katholiken. Auf die Spitze getrieben wurde dieser Konflikt durch das Erfordernis des am 11. Mai 1873 in Preußen eingeführten „Kulturexamens“, mit dem Kandidaten für das Priesteramt eine „allgemeine wissenschaftliche Bildung, insbesondere auf dem Gebiete der Philosophie, der Geschichte und der Deutschen Literatur“ nachweisen mussten. Dieses Kulturexamen wurde in der Folge weitgehend verweigert und schließlich wieder abgeschafft.

Die Spannungen des Kulturkampfes sind zum Teil dadurch beigelegt worden, dass seit 1919 ein guter Teil an Parallelgesellschaft verfassungsrechtlich verankert ist, was sich zum Beispiel in der legalen Existenz geheim verhandelnder Kirchengerichte in Deutschland zeigt. Der Furor mancher Integrationsrhetoriker in der letzten Zeit aber trampelt über die Feinheiten unserer bestehenden Ordnung grob hinweg.

Die Furcht mancher Traditionalisten ist also, dass man den Muslimen auf die Dauer nicht wird verweigern können, was man den großen christlichen Kirchen seit alters her zugestanden hat. In der Tat kann man es nicht, wenn man am Rechtsstaat festhält; eine Lösung kann nur in einer weiteren Säkularisierung des Staates und seines Bildungswesens bestehen: Wo keine Kopftücher, da auch keine Kruzifixe an den Wänden. Doch sind einer solchen Säkularisierung praktische Grenzen gesetzt. Man muss sich wünschen, dass es staatlichen Religionsunterricht für Muslime gibt. Wer die Auswirkungen der Fortexistenz staatlicher theologischer Fakultäten in den letzten zweihundert Jahren studiert hat, kommt zu dem Schluss, dass es keinen besseren Schutz gegen Fundamentalismus gibt als dieses staatliche religiöse Bildungssystem.

Hugenotten auf dem Weg in die Mark Brandenburg - Kurfuerst Friedrich Wilhelm von Brandenburg erlaubt mit Edikt von Potsdam vom 29. Oktober 1685 den aus Frankreich geflohenen Hugenotten die Ansiedlung. Foto: © picture-alliance / akg

Hugenotten auf dem Weg in die Mark Brandenburg - Kurfuerst Friedrich Wilhelm von Brandenburg erlaubt mit Edikt von Potsdam vom 29. Oktober 1685 den aus Frankreich geflohenen Hugenotten die Ansiedlung. Foto: © picture-alliance / akg

Ein weiterer aus der Geschichte bekannter Begriff, der neuerdings wieder in Umlauf gebracht wurde, ist der Gedanke der „Ansiedlung“. Es sei bedenkenswert, Flüchtlinge aus dem Nahen Osten so anzusiedeln, wie einst der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg die Hugenotten bei sich heimisch gemacht hat. Gern wird auch der Satz Friedrichs des Großen zitiert: „Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peuplieren (d.h. bevölkern), so wollen wir sie (sic!) Moscheen und Kirchen bauen.“

Findigkeit an vielen Stellen ist gefragt

In der Tat haben nicht nur die Herrscher von Brandenburg-Preußen, sondern auch andere deutsche Fürsten Glaubensflüchtlinge verschiedener Couleur bei sich aufgenommen. Doch geschah dies unter anderen Vorzeichen als heute. Zwar gab es gerade damals entvölkerte Regionen in Deutschland, die einen Zuzug junger Menschen gut gebrauchen konnten, so wie heute manche entleerten Kleinstädte in Vorpommern. Doch im Unterschied zu heute brachten die Zuzügler ihr Kapital in Form fortgeschrittener technischer Kenntnisse gleich mit, sei es im Agrar- oder im Manufakturbereich. Die Zuwanderer waren also den Einheimischen oftmals zivilisatorisch überlegen. Wo sie es nicht waren, wurden ungelernte Arbeitskräfte noch gebraucht. Die Plattenbausiedlungen Vorpommerns dagegen lassen sich nur dann mit Flüchtlingen bevölkern, wenn Arbeitsplätze mit einer hohen Wertschöpfung, wie es sie kaum für die eingeborene Bevölkerung gibt, gleich dazu entstehen; allein die Möglichkeit, Ausbildungsplätze zu besetzen, die Handwerk und Gastronomie heute nicht mehr füllen können, berechtigt zu einiger Hoffnung. Die durchrationalisierte Landwirtschaft der ostdeutschen Großbetriebe von heute braucht jedenfalls keine Arbeitskräfte.

Foto: Universität Greifswald

Thomas Stamm-Kuhlmann ist Professor für Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit und Dekan der Philosophischen Fakultät an der Universität Greifswald.

Schließlich fand die Ansiedlung der Hugenotten, Böhmischen Brüder, Mennoniten und dergleichen häufig in Form geschlossener Kolonien statt, für die es Privilegien, also Sonderrechte, verschiedenster Art gab, was heute dem Grundgesetz widerspräche. Noch heute gibt es einen Französischen Dom in Berlin, an dem französischsprachige Gottesdienste gehalten werden und ein in Frankreich formuliertes Glaubensbekenntnis gilt. Die dortige Gemeinde lässt sich auf die Hugenottenzuwanderung des 17. Jahrhunderts zurückführen und machte zeitweise ein Drittel der Berliner Bevölkerung aus. Das sind aber Elemente von Parallelgesellschaft, die manchem Integrationsapostel von heute eher Angst einjagen würden.

Die Schlussfolgerung aus allen diesen Überlegungen kann nur heißen, dass von Masterplänen nichts zu erwarten ist und ebenso nichts von gesetzlich vorgeschriebenen Lippenbekenntnissen. Die Lösungen können nur kleinteilig sein und müssen Angebotscharakter haben. Findigkeit an vielen Stellen ist gefragt. Ein bloßes Ignorieren religiöser und kultureller Unterschiede aber wird auch nicht helfen, wie das Scheitern des französischen Republikanismus angesichts sozialer Chancenlosigkeit für Migrantenkinder gezeigt hat.