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Extremisten mit demselben Feindbild

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Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Theologie an der Universität Münster, ruft dazu auf, die geistigen Strukturen des muslimischen Extremismus in den Fokus zu rücken.
Samstag, 15. Oktober 2016

Eine bekannte Strategie von Salafisten und Extremisten, mit der sie junge Menschen in ihre menschenfeindlichen Ideologien rekrutieren, besteht darin, ein Feindbild Westen/Europa/Deutschland zu konstruieren und so dem jungen Menschen ein Identitätsangebot zu machen, das polarisiert: Die armen Muslime, die Opfer sind, und der böse Westen bzw. der böse deutsche Staat. Die Rhetorik lautet immer wieder „Der Westen hasst den Islam, er hasst euch“, „Der deutsche Staat will den Islam kaputt machen“ usw. Alarmierend ist allerdings, dass diese Rhetorik längst nicht nur bei Salafisten und Extremisten zu finden ist. Ein Blick auf einige Kommentare in den sozialen Netzwerken zeugt davon. Ein typisches Beispiel ist die Unterstellung: Der deutsche Staat habe deshalb islamische Theologie und islamischen Religionsunterricht eingeführt, um die Muslime zu zähmen, um sie zu kontrollieren, um einen verfälschten Islam zu etablieren.

Diese Behauptung unterstellt über dreißig muslimischen Professoren und Dozierenden, Tausenden von Studierenden der islamischen Theologie in Deutschland und Hunderten von Religionslehrern, dass sie alle Agenten des Westens seien, um den Islam zu verfälschen. Diese Behauptungen wollen im deutschen Staat ein Feindbild konstruieren: Der böse, böse deutsche Staat und die armen Muslime. Worin unterscheidet sich diese Rhetorik von derjenigen der Extremisten, die im Westen ebenfalls ein Feindbild konstruieren? Man erzeugt ein hasserfülltes Narrativ, glaubt selbst daran und erhebt dieses zu einem Weltdeutungsmuster.

Foto: © dpa

Mouhanad Khorchide bei der Pressekonferenz am 2. Oktober 2015 zur Vorstellung der „Berliner Thesen“ des Muslimischen Forum Deutschlands. Foto: © Michael Kappeler / dpa

Was ist aber die Pointe, worauf wollen diese Menschen hinaus? Etwa den Muslimen zu sagen: „Passt auf, der deutsche Staat ist euer Feind“? Und dann? Was sollen die jungen Muslime dem entnehmen? Sich gegen den Staat aufzustellen? Sich dem IS anzuschließen? Was will diese Rhetorik eigentlich? Und noch wichtiger: Wer ernsthaft daran glaubt, der deutsche Staat und der Westen ist auf die Zerstörung des Islams aus, wieso lebt man dennoch hier? Wieso konsumiert man hier Meinungsfreiheit, soziale Vorteile und vieles mehr, polarisiert aber zugleich in seiner Rhetorik? Wieso lebt man in einem Staat, in dem man ein Feindbild konstruiert? Alleine aus Gründen der Selbstachtung müsste man einen Staat, der angeblich gegen den Islam kämpft, würdevoll verlassen.

Wir müssen endlich beginnen, über die eigentlichen geistigen Strukturen des Extremismus zu sprechen. Wer seine eigene Gesellschaft zu einem Feindbild erhebt, schürt Hass und ist Teil des Problems. Diese Menschen sollen sich nicht darüber aufregen, dass man sie mit Extremisten vergleicht, denn der geistige Unterschied ist nur graduell, beide bedienen sich jedoch desselben Feindbilds: der eigenen Gesellschaft, in der sie leben.

diesseits Nr. 116, 3/2016

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