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Evolution in der Grundschule: Immer im Interesse der Kinder

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Kirsten Greiten ist Grundschullehrerin und zugleich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Biologiedidaktik der Universität Gießen. Für ihre Doktorarbeit erforscht sie Lernprozesse von jungen Schülerinnen und Schülern beim Thema Evolution.
Samstag, 15. Oktober 2016

Sie ist überzeugt, dass es gerade die Aufgabe der Institution Schule ist, Themen, die für die Schülerinnen und Schüler und Gesellschaft gleichermaßen bedeutsam und wichtig sind, auch gegen Widerstände zu vermitteln.

Vorstellung einer 10-Jährigen vom ersten Lebewesen. Foto: Milena Ries, Examensarbeit 2014

Vorstellung einer 10-Jährigen vom ersten Lebewesen. Foto: Milena Ries, Examensarbeit 2014

Die Evolutionstheorie verknüpft die verschiedenen Teilgebiete der Biowissenschaften wie ein roter Faden und setzt sie so in einen sinnvollen Zusammenhang. Im Biologie-Unterricht jedoch sucht man das Thema Evolution häufig vergeblich und findet es in vielen Fällen erst am Ende der Schullaufbahn. Wie ist denn die Situation momentan in den Lehrplänen der Grundschulen?

Kirsten Greiten: In den Grundschullehrplänen in Deutschland gibt es das Thema bisher nicht, zumindest nicht im Sachunterricht. Es gilt bisher nicht gerade als typisches Grundschulthema. Gleichwohl gibt es Themen, die in der Grundschule die Evolution thematisch streifen, wie die Themen Dinosaurier, Leben in der Steinzeit und Angepasstheit von Lebewesen an ihre Umwelt zum Beispiel. Andererseits kommt in jedem Religionsunterricht planmäßig in irgendeinem Schuljahr das Thema „Schöpfung“ vor. In einigen Bundesländern gibt es auch in den Lehrplänen Hinweise auf die naturwissenschaftliche Perspektive, wenn das Thema „Schöpfung“ behandelt wird. Es ist aber nicht die Regel.

Einige Pädagogen und Biologen sehen in der Nichtbeachtung des Themas „Evolution“ einen fatalen Fehler und haben das Projekt „Evokids“ ins Leben gerufen. Mithilfe des Projekts soll die Entstehung und Entwicklung der Arten Eingang in den Sachunterricht erhalten. Weshalb halten Sie die Erweiterung des Grundschullehrplans um das Thema „Evolution“ für sinnvoll?

Das Wissen um die Evolution ist deshalb so wichtig, weil es einerseits für die Biologie das zentrale Thema ist, das „Rückgrat“ der Biologie. Gesellschaftlich relevanter ist aber, dass das Verstehen und die Akzeptanz der Evolution für unser modernes Welt- und Menschenbild nicht zu unterschätzen ist. Die Evolutionstheorie enthält auch einen ethischen Aspekt durch den veränderten Blick auf die Stellung des Menschen unter den Lebewesen.

Wird das Thema „Evolution“ denn in anderen – etwa europäischen – Ländern in den Grundschullehrplänen auch so vernachlässigt wie in Deutschland?

In Großbritannien zum Beispiel ist die Entstehung und Entwicklung der Lebewesen ja seit 2014 infolge der erfolgreichen Kampagne „Teach evolution, not creationism!“ der British Humanist Association Teil des Grundschul-Kanons. In einigen europäischen Ländern ist Evolution schon seit einiger Zeit Teil der Grundschullehrpläne, in Frankreich zum Beispiel schon seit 1989. Aber auch in England und Italien wird Evolution in der Grundschule gelehrt. Wichtige Themen sind zum Beispiel Fossilien, Anpassung von Lebewesen an ihre Umwelt, Artenvielfalt, Veränderung der Lebewesen über lange Zeiträume, die Menschheitsgeschichte, aber auch Naturforscher wie Mary Anning und Charles Darwin.

Mutation, Variation, Rekombination, natürliche Selektion… Die Evolutionsbiologie beinhaltet sehr viele komplexe Konzepte. Sind Kinder im Grundschulalter denn bereits in der Lage, die  Evolutionstheorie wirklich zu verstehen? Wo sehen Sie mögliche Schwierigkeiten oder Chancen?

Jüngere Kinder können verstehen, dass sich Lebewesen im Laufe der Erdgeschichte verändert und entwickelt haben und dass dieser Prozess eine sehr lange Zeit dauerte. Dass das Leben nicht mit Adam und Eva, sondern mit Einzellern begonnen hat, sollte eigentlich jedes Kind spätestens am Ende der Grundschulzeit wissen. Auch woher wir Menschen das mit der Evolution wissen, also welche Beweise es dafür gibt, das können sie zum Beispiel bei der Auseinandersetzung mit Fossilien auf jeden Fall verstehen.

diesseits Nr. 116, 3/2016

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