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Humanismus in Europa: Gleiche Werte, unterschiedliche Herausforderungen

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Am letzten Juli-Wochenende trafen sich auf Einladung der International Humanist and Ethical Youth Union (IHEYO) knapp 150 junge Humanistinnen und Humanisten (JuHus) aus mehreren europäischen Ländern im niederländischen Utrecht zu den European Humanist Youth Days (EHYD).
Montag, 19. September 2016
Foto: © Jan Reinier

Humanistinnen und Humanisten aus ganz Europa. Foto: © Jan Reinier

Unter dem Motto „Moved by Values“ fanden Workshops, informative Vortragsveranstaltungen und unterhaltsame Freizeitaktivitäten statt. In den verschiedenen Workshops wurden lebensnahe Themen behandelt: Was heißt Glück? Was inspiriert uns? Wie gelingen humanistische Projekte? Wie kann man Spendengelder besonders effektiv einsetzen? Neben dem offiziellen Programm bot das verlängerte Wochenende viel Raum zum Kennenlernen und Austausch über Inhalte und Chancen der praktischen humanistischen Arbeit.

Foto: © Jan Reinier

In den Workshops kamen viele spannende Fragen zu praktischen Themen auf. Foto: © Jan Reinier

Besonders unterhaltsam wurde es beim angriffslustigen Keynote-Vortrag von Floris van den Berg. Der niederländische Philosoph ist überzeugter Veganer und vertritt diesbezüglich durchaus radikale Positionen. Sein Vortrag löste im Publikum gemischte Emotionen aus und sorgte für erhöhten Diskussionsbedarf. Anschließend sprach der britische Philosoph Stephen Law über grundlegende philosophische Rahmenbedingungen in der frühkindlichen Bildung. Der Autor des Buchs „The War for Children’s Minds“ beleuchtete das Spannungsfeld zwischen liberalen und autoritären Erziehungsstilen. Dabei verdeutlichte er, dass eine liberale Haltung nicht mit Relativismus gleichgesetzt werden kann. Einige der Vorträge wurden aufgenommen und können hier nachgehört werden.

Stephen Law mit einem humanistischen Blogger aus Algerien. Foto: privat

Als sehr eindrucksvoll stellte sich der Workshop „Bangladeshi Bloggers” heraus, in dem vier Blogger aus Bangladesch, die mittlerweile in Europa leben und Asyl beantragt haben, über ihre Erfahrungen als humanistische oder atheistische Blogger sprachen. In Bangladesch wurden in den letzten Jahren mehrere nicht-gläubige Blogger teilweise auf offener Straße umgebracht. All diese Opfer stehen mit vielen weiteren Bloggern auf einer langen Todesliste. Ihre Lebensgeschichten von Freundschaften, Gefahr, Tod und Flucht hielten den ganzen Saal in Atem. Allen wurde vor Augen geführt, dass „Humanist_in sein” nicht überall das Gleiche bedeutet und dass unsere europäische Freiheit nicht selbstverständlich ist.  

Foto: © Jan Reinier

Viele spannende Gespräche und Menschen warteten auch in den Pausen. Foto: © Jan Reinier

Um als Atheisten nicht ständig gegen etwas zu protestieren, fegte am Sonntag ein „Pro”-Test durch die Utrechter Innenstadt. Die jungen Humanistinnen und Humanisten tanzten „Humanism standing strong for freedom of thought...” singend über die Straßen – in den Händen die europäische sowie die Regenbogen-Flagge.  Bei den anschließenden Stadttouren konnte nun radelnd, durch die Kanäle paddelnd oder spazierend die schöne Utrechter Altstadt erkundet werden. Am letzten Abend der EHYD bot die Abschlussparty Gelegenheit, ausgelassen das Wochenende Revue passieren zu lassen.

Foto: © Remmelt Ellen

Nicht ganz kirchenscheu: Teilnehmer auf dem Utrechter Dom. Foto: © Remmelt Ellen

Die Teilnahme von jungen Humanistinnen und Humanisten aus Deutschland wurde von einigen Landesverbänden im Humanistischen Verband sowie den Jungen Humanistinnen und Humanisten in Deutschland finanziell unterstützt – sodass aus Deutschland insgesamt fast 20 junge Humanistinnen und Humanisten nach Utrecht reisen konnten.

„Die EHYD waren eine tolle Möglichkeit, sich mit anderen jungen Humanistinnen und Humanisten aus Europa und teilweise sogar darüber hinaus zu vernetzen. Besonders faszinierend waren die verschiedenen Stellenwerte der Humanistischen Verbände im Vergleich zu anderen Weltanschauungen oder den Kirchen, die von Land zu Land teilweise stark variieren. Auch haben sich die verschiedenen Vereinigungen unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. In England beispielsweise ist der Humanistische Verband stark in die Durchsetzung von LGBTIQ-Rechten involviert. Alles in allem war das Wochenende sehr interessant und ließ einen oft über den Tellerrand hinausblicken”, resümierte Maximilian Schmeiser, Vorstandsmitglied bei den JuHus Berlin, für den es die erste Teilnahme an einem internationalen Treffen von Humanisten war. Koordiniert wird die länderübergreifende Zusammenarbeit von der IHEYO, an deren Spitze seit einigen Monaten Marieke Prien, Studentin der Kognitionswissenschaft in Osnabrück, steht.

Foto: © Jan Reinier

Woher kommen die jungen Humanistinnen und Humanisten? Foto: © Jan Reinier

Ein weiteres aufregendes, informatives und vor allem herzliches Wochenende ging nach viel zu kurzen zweieinhalb Tagen schon wieder seinem Ende entgegen. Wer nicht bis zu einer Neuauflage der europäisch-humanistischen Jugendtage warten will, sollte sich die Tage vom 15. bis 18. Juni 2017 bunt im Kalender anstreichen. Dann findet in Nürnberg der Humanistentag 2017 statt, der das bundesweit größte Festival für Humanistinnen und Humanisten werden soll.

Alle Informationen rund um den Humanistentag 2017 gibt es auf www.ht17.de