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Zum Kraft tanken und Mut machen

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Im Juni 2017 soll in Nürnberg das größte humanistische Festival im deutschsprachigen Raum stattfinden. An gleich vier Tagen lädt ein rappelvolles buntes Programm alle Freunde humanistischer Ideen und andere interessierte Gäste in die Frankenmetropole ein.
Montag, 8. August 2016
Illustration: Skeptisketch / HVD Bayern

Für das humanistische Festival in Nürnberg ist die beliebte  Clipserie „That's Humanism!“ der British Humanist Association ins Deutsche übertragen worden.Illustration: Skeptisketch / HVD Bayern

Im Interview erklären der Projektmanager des Humanistentags 2017, Stefan Friedrich, und Ulrike von Chossy, Leiterin der Grundschule im benachbarten Fürth, warum es Zeit für ein großes Festival ist.

Was ist der Hauptgrund, bundesweit zum Humanistentag im nächsten Jahr einzuladen?

Stefan Friedrich: Uns Humanistinnen geht es vielmehr um Gemeinschaft, um den Spaß am Hier und Jetzt, aber natürlich auch um die gemeinsame Suche nach einem glücklichen Leben und nach einer konstruktiven Erkenntnis, die nicht ex cathedra spricht. Genau dafür soll der Humanistentag eine Plattform bieten, und er soll nicht nur für diejenigen offen sein, die sich schon als Humanistinnen verstehen, sondern auch für alle, die einfach neugierig sind und sich frei von religiösen Zwängen austauschen, nachdenken und mit uns feiern möchten. Ich glaube, dass wir noch viel zu viel wertvolles Potenzial verschenken. Strukturell, weil wir von den gut 30 Prozent der nichtreligiösen Menschen in Deutschland nur einen kleinen Teil erreichen. Die Kirchen, aber auch andere Netzwerke – man denke beispielsweise an das Blogger-Event re:publica –, mobilisieren noch immer deutlich besser als wir. Menschlich, weil wir noch stärker erfahrbar machen müssen, dass Humanismus keine staubtrockene Angelegenheit ist.

Das bisherige Programm weist weniger von den traditionellen Themen der „Atheisten- und Freidenker-Szene“ auf, wie z.B. kirchenkritische Vorträge oder Diskussionen darüber, warum es keinen „Gott“ gibt und braucht. Wohin möchte der Humanistentag in inhaltlicher Hinsicht weisen?

Stefan Friedrich: So mächtig die Kirchen auch sind: Ihren dominanten Einfluss auf das Denken der Menschenhaben sie längst eingebüßt. Die große Mehrheit orientiert sich nicht mehr an Glaubensvorschriften oder religiösen Autoritäten und sucht nach eigenen Antworten. Der Humanistentag bietet ihnen ein Forum für Fragen, die ihnen bei dieser Suche helfen: Was ist Glück? Wie funktioniert Moral in einer offenen Gesellschaft? Wie bestimme ich das mit, sodass diese Moral mir und anderen gut tut? Wie aktuell diese Herangehensweise ist, lässt sich an der gelebten humanistischen Kultur ablesen, die sich in vielen Regionen in und außerhalb Deutschlands endlich wieder entwickelt hat, und die humanistische Ideen erlebbar macht.

Wir möchten Mut machen, diesen Weg weiterzugehen. Entsprechend richten wir darum unser Programm aus: Neben Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen werden wir ein umfangreiches Musik- und Kulturprogramm auflegen, einen Science Slam veranstalten, gemeinsam diskutieren, tanzen, singen, uns durch das freigeistige Nürnberg führen lassen – es wird reichlich Gelegenheit geben, sich zu vernetzen, die Köpfe heiß zu reden und den „Herrgott“ einen guten Mann sein zu lassen, ohne den man das Nürnberger Stadtflair und hoffentlich auch sommerliches Wetter recht entspannt genießen kann.

…aber sicherlich soll er zugleich ein Forum für die vielen Menschen in Deutschland sein, die sich bereits ganz bewusst einer humanistischen Lebensauffassung verbunden fühlen. Warum ist es gerade zur jetzigen Zeit so wichtig, dass solch ein bundesweites Forum entsteht?

Ulrike von Chossy: Weil es Zeit wird, dass wir offensiv und deutlich in die Öffentlichkeit tragen, wofür wir stehen, und wie wir uns das gute Leben vorstellen. In der freigeistigen Szene gibt es sehr viele Ideen, was in unserer Gesellschaft keine oder wenig Bedeutung haben sollte. Aber sich gegen etwas zu entscheiden, ist noch keine ausreichende Grundlage sich für etwas anderes zu entscheiden. Gerade in der Ausprägung der Feierkultur einer Gesellschaft zeigt sich das besonders, denn in Feiern lässt sich die Ausprägung von Kultur positiv besetzen. Wie wollen wir  zukünftig unsere Kultur begründen und ausprägen? Das Bedürfnis zu feiern, an den Wendepunkten des Lebens oder auch einfach so, gibt es in jeder Kultur, auch wenn die Art zu feiern oder die Begründung der Feierrituale sich unterscheiden.

„Vereint nur in der Negation“, dies attestierte der Religionswissenschaftler Michael Blume den säkularen Aktivisten im vorletzten Jahr in seiner Analyse für eine Schwerpunktausgabe der Herder Korrespondenz. Und tatsächlich gab es in der Vergangenheit keine Veranstaltung mit nennenswerten Besucherzahlen, in denen nichtreligiöse und humanistisch denkende Menschen die Kerninhalte und die Gemeinsamkeiten ihrer Auffassungen von der Welt und den für sie wichtigen Werten in vergleichbarer Form in einen Dialog mit der breiten Öffentlichkeit stellen, wie das etwa auch bei den Kirchentagen geschieht. Woran könnte das liegen?

Ulrike von Chossy: Wir Humanistinnen und Humanisten übernehmen in immer mehr Regionen ernsthaft und positiv Verantwortung im sozialen, pädagogischen und kulturellen Bereich. Das ist in diesem Umfang noch nicht allzu lange so. Wir haben also etwas zu sagen, denn unsere Arbeit hat viele Anknüpfungspunkte in die Gesellschaft und sie nutzt ihr. Schon diese Entwicklung an sich ist ein Grund zum Feiern und für humanistisches Selbstbewusstsein. Wir bewegen uns in der Mitte der Gesellschaft, und deshalb gehen wir mit unserem Humanistentag auch genau dorthin: Wo Menschen sind, ins Stadtzentrum.

Foto: © picture alliance / Jazz Archiv

Zu Gast sein auf dem Festival in Nürnberg wird auch die Jazz-Sängerin Lisa Bassenge. Zugesagt haben außerdem bereit u.a. s der Sänger Wolfgang Ambros, der „Science-Rapper“ Baba Brinkman, der Kabarettist Frank Lüdecke und der durch seine ZEIT-Kolumne bekannt gewordene Bundesrichter Thomas Fischer. Foto: © picture alliance / Jazz Archiv

Stefan Friedrich: In der linken Szene der Achtziger gab es den Spruch „Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität“: Es reicht eben nicht, Überzeugungen nur abstrakt mit anderen Menschen zu teilen. Wenn sie in die Welt wirken sollen, muss man sie gemeinsam ausleben und persönliche Bindungen aufbauen, die einen stärken. Das schafft Gemeinsamkeit und wird auch von außen stärker wahrgenommen. Ich finde es gut, wenn sich junge und alte Humanistinnen und Humanisten bemerkbar machen und dabei auch noch Spaß haben. Wir wollen Ideen und Erfahrungen austauschen und die größeren Perspektiven entwickeln, die wir brauchen, wenn wir als Humanisten vorankommen wollen – nicht zuletzt als eine Gruppe, die zwar nicht gerade klein ist, aber von kirchlich geprägter Politik immer noch als Bürger zweiter Klasse behandelt wird. Das braucht viel Kraft und Ausdauer und der Humanistentag wird ein idealer Ort, beides aufzutanken.

Wir wissen schließlich sehr gut, wie viel großartiges Engagement und Hingabe hinter den vielfältigen humanistischen Projekten in allen Regionen der Bundesrepublik steckt. Da kann und sollte sich jede und jeder solch ein Festival wirklich als eine Belohnung gönnen dürfen. Schon allein darum war es an der Zeit, zum Humanistentag einzuladen.

Ende Mai hatte in Leipzig ein Katholikentag stattgefunden. Aus dem Umfeld der Giordano-Bruno-Stiftung waren aus diesem Anlass Gegenveranstaltungen organisiert worden. Rechnen Sie auch beim Humanistentag in Nürnberg mit Gegenwind?

Ulrike von Chossy: Das elfte Gebot? (lacht) Naja, wer weiß. Wir wollen auf dem Humanistentag ja diskutieren und uns mit anderen austauschen, untereinander, aber auch mit Andersdenkenden. Wenn sich da immer alle einig sind, dann wäre es ja langweilig. Von da her werden wir bestimmt mit anderen Meinungen gut zurechtkommen, woher sie auch kommen.

Stefan Friedrich: Rückenwind wäre ganz hilfreich. Die Ausrichtergesellschaft ist gemeinnützig und wenn ich hier nun mit dem Zaunpfahl winken darf: Wir dürfen auch Spenden annehmen!

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Zuletzt: Was soll bleiben, wenn das humanistische Festival in Nürnberg hinter uns liegt?

Ulrike von Chossy: Im besten Fall hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, nicht nur über das nachzudenken, was wir nicht mehr haben wollen, sondern vor allem darüber, wie das Stattdessen aussehen könnte. Das kann meines Erachtens nur eine Lebensart sein, die es schafft in einer pluralistischen Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen, und dass es sich lohnt mit positiven Beispielen in die Gesellschaft hineinzuwirken. Schließlich sollten wir uns daran messen lassen, welchen Beitrag wir leisten können, und nicht wie wir anderen aufzeigen können, was sie alles falsch machen. Der Humanismus und das entsprechende Menschenbild ist eine gute Grundlage sich an einer Wertediskussion zu beteiligen, und das nicht nur theoretisch philosophisch, sondern auch ganz lebenspraktisch, und in diesem Fall durch eine entsprechende Feierkultur. Denn schließlich ist jede Spekulation über den Sinn eines Verhaltens, so experimentell begründet die Hypothese auch sein mag, nur so viel Wert wie sie in der Praxis zeigen kann.

Webtipp
Kennen Sie schon? humanistisch.net – Unser neuer News- und Community-Service.

Stefan Friedrich: Wenn die eine oder der andere mit dem Gefühl nach Hause geht, dass ihm der Humanistentag gut getan hat, haben wir doch schon etwas Wichtiges erreicht. Und das ein oder andere Bier, das man entspannt miteinander trinkt, um spannende Diskussionen zu führen, kann nachhaltiger wirken als die Details, über die man sich streiten kann. Wer sich bei uns wohl fühlt, kommt womöglich wieder und macht mit oder erzählt es weiter. Emanzipation beginnt in den Köpfen, und die Erfahrung, dass sich der selbstbewusste Einsatz für die eigenen Ideen lohnt, lässt sich weitertragen, vielleicht sogar zu unseren Nachbarn, die sich – wie in Polen oder Österreich – noch stärker als wir mit einer kirchlich dominierten Öffentlichkeit konfrontiert sehen.

Wie werden wir glücklich? Diese Frage steht im Mittelpunkt der ersten Episode einer Clipserie, die für den Humanistentag 2017 in Nürnberg aus der englischsprachigen Originalfassung ins Deutsche übertragen worden ist. Alle Informationen zum großen humanistischen Festival in der Frankenmetropole gibt es auf www.ht17.de