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Thesen auf tönernen Füßen

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Kommt es zu einer weltweiten Islamisierung oder zu einem Zusammenbruch des Islams?
Freitag, 13. Mai 2016
© picture alliance/AA, Mustafa Hassona

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Die rechtspopulistische „Pegida“-Bewegung trägt sie im Namen, areligiöse Bestseller-Autoren wie Michel Houellebecq zeichnen angesichts der Geburtenschwäche säkularer Gesellschaften das Bild einer kommenden „Unterwerfung“ und Islamisten verschiedenster Couleur streben sie tatsächlich an: Die „Islamisierung“ der gesamten Welt einschließlich Europas. Und auf Basis einer tatsächlich lesens- und bedenkenswerten Studie des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center berichtete auch diesseits.de Anfang April letzten Jahres, dass um das Jahr 2070 herum die Zahl der Muslime erstmals die Zahl der Christen überschreiten, der Islam also zur zahlenmäßig größten Weltreligion aufsteigen könnte.

Bei näherer Betrachtung treten jedoch interessante Details zutage, die das populäre Bild drastisch verändern: So werden im Allgemeinen – und auch bei der Pew-Prognose – jene Menschen als „Christen“ erfasst, die getauft wurden und einer christlichen Gemeinde angehören. Säkularisierungsprozesse werden damit einigermaßen sichtbar, beispielsweise anhand nachlassender Taufzahlen oder – etwa nach Skandalen oder Beitragserhöhungen – steigender Austrittszahlen. Die am 2. April 2015 veröffentlichte Prognose des Pew-Forschungszentrums zog dementsprechend jährlich Millionen Menschen von der Gesamtzahl der Angehörigen der christlichen Konfessionen ab.

In den meisten anderen Weltreligionen wie dem Hinduismus, Judentum oder eben auch Islam werden Menschen jedoch unmittelbar ab der Geburt als Angehörige der jeweiligen Religion ihrer Eltern gesehen – unabhängig davon, ob sie sich jemals einer Gemeinschaft anschließen und Beiträge entrichten, ob sie sich selbst als gläubig verstehen oder auch nur ein einziges religiöses Gebot befolgen. Solange sie zu keiner anderen Religion übertreten, gibt es meist nicht einmal eine Stelle, vor der sie ihren „Austritt“ aus einer Konfessionsgemeinschaft erklären könnten – was bereits zu Gründungen wie dem „Zentralrat der Ex-Muslime“ und dem populären Twitter-Hashtag #exmuslimbecause geführt hat. In den allermeisten Fällen findet jedoch einfach ein stiller Rückzug statt, werden das schwindende, religiöse Engagement, die wachsenden Zweifel und auch der zunehmende Agnostizismus, ja Atheismus allenfalls im engsten Kreis thematisiert. Und der Konsum von Alkohol und zunehmend auch Schweinefleisch breitet sich ebenfalls unter „Muslimen“ aus.

Während also die Zahlenangaben der Pew-Prognose zum Christentum die Säkularisierungsprozesse zumindest einigermaßen realistisch abbilden, bleiben diese bei den Berechnungen zu anderen Religionen wie dem Islam zunächst verborgen.

Dass solche Säkularisationsprozesse aber auch unter Muslimen stattfinden, zeigen nicht nur persönliche Beobachtungen, sondern dies machte unter anderem eine repräsentative Befragung im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz (DIK) schon 2009 beispielhaft deutlich: Obgleich nur die Antworten jener Befragten ausgewertet wurden, die sich selbst noch als Muslime bekannten und obwohl bei religionsbezogenen Fragen tendenziell von den Befragten im Sinne der sozialen Erwünschtheit übertrieben wird, gaben bereits elf Prozent der Sunniten und sogar 33 Prozent der Schiiten an, „nie“ zu beten. Das tägliche oder gar 5-malige Pflichtgebet wird demnach nur noch von – schrumpfenden – Minderheiten ausgeübt. Und der massiv erhöhte Anteil an „Nichtbetenden“ unter Schiiten verweist auf die verheerenden Folgen des theokratischen Regimes im Iran auf den Glauben vieler Muslime – ein Effekt, den wir ebenfalls aus der Geschichte christlich legitimierter Diktaturen kennen: Religionsgemeinschaften verlieren immer wieder massiv an Glaubwürdigkeit, wenn sie sich auf Bündnisse mit Tyrannen einlassen.

Terror und Glaubenskrisen

Tatsächlich häufen sich die Anzeichen für eine tiefe Glaubenskrise unter sehr vielen Muslimen, wie sie einst auch die Christen in Europa als Folge des Dreißigjährigen Krieges erfasst hatte. Dass die islamische Welt seit Jahrzehnten kaum mehr wirtschaftliche, kulturelle, technologische oder wissenschaftliche Beiträge zu leisten vermag, wurde gerne mit Verschwörungstheorien abgeblockt und zudem durch den Ölreichtum einiger Staaten überdeckt. Doch das mörderische Auftreten des selbsternannten „Islamischen Staates“ und anderer sunnitischer wie auch schiitischer Terrorgruppen, deren meiste Mordtaten sich gegen andere Muslime richten, werden immer weniger hingenommen. Auch die zynische Brutalität sowohl des saudi-arabischen wie des iranischen Regimes wie auch deren Versagen in den Flüchtlingskrisen werden immer offensichtlicher. An eine politische Einigung der islamischen Welt, einen allgemeinen Aufschwung oder eine Zerschlagung des kleinen Israel glaubt insgeheim kaum noch eine Muslimin bzw. ein Muslim, stattdessen erfolgt bei vielen die Rückbesinnung auf Volks-, Stammes- und Familienzugehörigkeit. Neben diesem stillen Rückzug gibt es zunehmend auch Übertritte – selbst unter Lebensgefahr – etwa zum Christentum, zu den Bahá'í oder gar Wiedergründungen zoroastrischer Gemeinden. Vor allem aber stimmen Hunderttausende mit den Füßen ab und kehren den islamisch geprägten Ländern den Rücken, in denen sie keine Gerechtigkeit, keine Sicherheit, keine Freiheit und keine Zukunft mehr erwarten.

Nur ein kleiner Teil der Muslime ist hingegen bereit, sich dem bereits wieder schwindenden IS-„Kalifat“ anzuschließen. Dieses versucht daher, durch Terrorangriffe die westliche Aufnahmebereitschaft zu untergraben. Derzeit geht es Millionen Menschen erst einmal ums Überleben – doch in einigen Jahren und Jahrzehnten wird auch religionssoziologisch genauer erkennbar sein, wie tief die „stille“ Glaubenskrise unter Muslimen längst reicht.

Naht ein auch demografischer „Untergang der islamischen Welt“?

Einige Beobachter wie der Politikwissenschaftler und Islamkritiker Hamed Abdel Samad oder der US-Kolumnist David Goldman verkünden daher längst den „Untergang“, wenn nicht gar das „Sterben“ der islamischen Religion. Dass sich selbst islamische Fundamentalisten bis hin zu Salafisten und Wahhabiten nicht anders zu helfen wissen, als doch auf Fahr- und Werkzeuge, Waffen und Technologie der eigentlich verhassten westlichen Welt zurückzugreifen und über YouTube, Facebook und Twitter für sich zu werben, ist für diese Beobachter Ausdruck eines letzten, defensiv-aggressiven Aufbegehrens vor dem Sieg der Moderne. Auch der trotz aller behaupteten Frömmigkeit beobachtbare Zusammenbruch sittlicher Regeln – etwa die Zunahmen von Drogen- und Alkoholkonsum, von Korruption, Raub- und Gewalttaten insbesondere gegen Frauen – wird von ihnen als weiterer Beleg für den Niedergang der islamisch geprägten Zivilisation angeführt.

Goldman weist zudem auf den massiven Geburtenrückgang in immer mehr islamisch geprägten Gesellschaften hin. Tatsächlich befinden sich die Geburtenraten vielerorts im freien Fall und sind nicht nur in post-sozialistischen Staaten wie Albanien und Bosnien-Herzegowina längst unter die Mindest-Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 Kindern pro Frau gefallen, sondern auch in der Türkei, dem Iran und Malaysia. Auch Indonesien, die zahlenmäßig größte Nation von Muslimen (mit einer größeren Bevölkerung als in allen arabischen Staaten zusammen!) ist von knapp sechs Geburten pro Frau Mitte des 20. Jahrhunderts auf derzeit noch 2,3 abgefallen, mit weiter sinkender Tendenz.

Tatsächlich zeigt sich hier eine große Schwäche der Pew-Studie, die als einfache Prognose für die Zukunft angenommen hat, dass sich die Geburtenraten von Nichtreligiösen, Christen, Muslimen und allen anderen während des 21. Jahrhunderts auf 2,1 zubewegen werden. Dafür gibt es aber bislang keinerlei Anzeichen – weder steigen die Geburtenraten der Nichtreligiösen weltweit, noch verlangsamt sich der Geburtenrückgang in der islamischen Welt generell.

Viele islamische Nationen durchschreiten derzeit stattdessen einen vergleichbaren demografischen Wandel wie zuvor europäische und andere Staaten. Und ebenso wie zum Beispiel Polen, Griechenland, Japan und teilweise Deutschland zuvor scheinen auch islamisch geprägte Regierungen bislang ausnahmslos in die „Traditionalismusfalle“ (siehe dazu auch: Die Traditionalismusfalle) zu laufen, statt wie Schweden oder Frankreich entschlossen Familien zu fördern oder wie die USA oder Großbritannien wenigstens der Zivilgesellschaft die Freiheit zu geben, sich selbst lebensförderlich zu organisieren. Während christliche, jüdische und humanistische Bewegungen seit Generationen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen aufbauen und damit Familien fördern und binden, werden vergleichbare Ansätze etwa der islamischen Ahmaddiya oder Hizmet in islamisch geprägten Staaten als „Sekten“ verfolgt. Auch extrem kinderreiche Glaubensbewegungen wie die christlichen Old Order Amish, die Quiverfulls oder die jüdischen Haredim haben sich mangels Religionsfreiheit in der islamischen Welt bislang nicht bilden und halten können.

Wir sehen eine Krise des Islam statt eine Islamisierung der Welt

Bei näherer Betrachtung wird also deutlich, dass Behauptungen über eine bevorstehende „Islamisierung“ auf soziologisch und demografisch tönernen Füßen stehen. Tatsächlich liefe jedoch eine – von Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam angestrebte – Diskriminierung von Muslimen in der westlichen Welt Gefahr, zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden: Diskriminierte Gruppen rücken auch demografisch wirksam zusammen, wie schon der biblische Bericht von den Israeliten in Ägypten weiß und wie es sich am Schicksal etwa von AfroamerikanerInnen und Roma, PalästinenserInnen, Kosovo-AlbanerInnen und auch den Religiösen in der einst kemalistischen Türkei bestätigte. Wer beispielsweise Frauen mit Kopftüchern den Zugang zu Arbeitsplätzen erschwert, schwächt gerade nicht den Glauben, sondern stärkt das Patriarchat.

Die meisten islamisch-religiösen Traditionen befinden sich derzeit in einer Krise, die durch die zunehmend brutalisierte Defensive der Fundamentalisten nicht gelöst, sondern verstärkt wird. Der schon einmal zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermutete „Zusammenbruch des Islam“ dürfte gleichwohl nicht zwangsläufig sein: Große Mehrheiten auch der Muslime wünschen sich freiere und demokratischere Verhältnisse und die blutige, politische und religiös-kulturelle Dominanz der autoritären Öl-Regime zerfällt parallel zum sinkenden Ölpreis. Indonesien hat einen demokratischen und zivilen Machtwechsel geschafft, in westlichen Staaten formieren sich bildungshungrige, muslimisch-humanistische Reformkräfte und auch in der Türkei und im Iran ist die Zivilgesellschaft noch lebendig - wenn auch, wie in Russland, durch Unterdrückung und Auswanderung bedroht. „Der Islam“ ist in der Krise, tot ist er nicht.

Wer dennoch Sorgen vor einer „Islamisierung“ hat, könnte konstruktiv in mehr eigene oder andere Kinder investieren. Der Einsatz für eine moderne Familienpolitik in Deutschland – etwa durch gebührenfreie Kindergartenplätze und verkürzte Ferien – würde junge und noch zu bildende Familien entlasten, Kinderreichtum im Inland und zugleich auch die Integration von Zugewanderten in die deutsche Kultur und Gesellschaft fördern.

Daneben tragen jede Einsparung von Öl und jeder respektvolle, aber ehrliche Dialog zu einer Schwächung von autoritären Rentier-Regimen und Terrorgruppen bei. Und schließlich freuen sich zum Beispiel kirchliche oder humanistische Verbände über Mitglieder und Förderer, um mit ihren Botschaften für die kulturelle, gesellschaftliche und auch demografische Zukunft zu wirken. Initiativen wie die „EvoKids“ vermitteln zum Beispiel die Evolutionstheorie an Kinder, begeistern sie dabei für Wissenschaft und „impfen“ sie damit auch gegen die verführerischen Botschaften religiöser Fundamentalisten. All dieses hilft weit mehr als substanzfreie, auf die Verbreitung von Angst und Hass zielende Gerüchte über die angeblich drohende „Islamisierung“.