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„Ein Gesprächsangebot von immenser Bedeutung“

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Der Philosoph Ralf Schöppner über das aktuelle Buch des Soziologen und islamischen Religionspädagogen Mouhanad Khorchide.
Freitag, 13. Mai 2016
Cover

„Gott“ glaubt an den Menschen, „Gott“ ist der absolute Humanist – Mouhanad Khorchide stellt in seinem neuen Buch eine ganze Reihe gewagter Thesen auf. Was beabsichtigt bzw. bezweckt er nach Ihrer Einschätzung damit?

Dr. Ralf Schöppner: Dieses Buch ist ein ernstzunehmendes und wichtiges Gesprächsangebot an den Humanismus, das wir unterstützen und annehmen sollten. Khorchide bemüht sich um ein Verständnis von Humanismus als universelles globales Leitbild, an das die unterschiedlichen Kulturen sowohl gemeinsam anknüpfen als auch ihre jeweils eigenen Ausprägungen anschließen können. Darüber hinaus ist es vor allem ein Buch für Muslime, die ihren Glauben mit einer liberalen, an Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten orientierten Lebenshaltung verbinden möchten. Dass Khorchide für ein solches Islam-Verständnis wirbt, ist politisch von immenser Bedeutung für das Zusammenleben von Muslimen und Angehörigen anderer Weltanschauungen und Religionen.

Warum ist das Buch auch für ein nichtreligiöses Publikum lesenswert?

Nun, wie schon angedeutet, weil es eine politische Antwort ist auf drängende aktuelle Fragen nach Interkulturalität und Integration, nach Fundamentalismus und ethischen Grundlagen. Auch kann man lernen, wie humanistisch heute durchaus eine religiöse Haltung sein kann – was Dialogperspektiven aufzeigt. Und nicht zu vergessen: Das hier vorgelegte Verständnis von Humanismus als einer Haltung des „Sich-Öffnens“ akzentuiert den für eine zeitgenössische humanistische Theorie und Praxis bedeutsamen Aspekt der Selbstüberschreitung. Dies geschieht hier allerdings mit einer stark ergänzungsbedürftigen Rezeption des europäischen Humanismus und – besonders problematisch – einer Infragestellung der Bezugsgröße Mensch. Daran kann man sich kritisch abarbeiten und so ist es auch mir passiert: Plötzlich wurde die Besprechung des Buches viel länger als ursprünglich gewollt.

Im deutschsprachigen Raum als Autor mindestens ebenso bekannt wie Mouhanad Khorchide ist der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad. Welcher der beiden verfolgt aus Ihrer Sicht den besseren Ansatz?

Dass Wahrheit etwas mit Pluralität und Vielstimmigkeit zu tun hat, kann man ganz ausgezeichnet bei gemeinsamen Diskussionsveranstaltungen von Khorchide und Abdel-Samad erleben. Sie widersprechen sich gar nicht so sehr, sie setzen eher auf zwei unterschiedlichen Ebenen an.  Khorchide argumentiert auf der Linie eines Musil‘schen „Mannes ohne Eigenschaften“, d.h. mit einem ausgeprägtem Möglichkeitssinn: So könnte und müsste der Islam aussehen, dafür gilt es politisch und theologisch einzutreten. Sein Kontrahent ist das Musil‘sche Exemplar eines Menschen mit ausgeprägtem Wirklichkeitssinn: Vorsicht, so sieht und sah der Islam (auch) aus, das darf man nicht vergessen. Für eine humanistische Befassung mit dem Islam ergänzen sich die beiden gut.

Während Hamed Abdel-Samad offensichtlich auch im internationalen Raum einige Beachtung erfährt, ist über die bisherigen Effekte von Mouhanad Khorchides Plädoyers weniger bekannt. Wäre es wünschenswert, dass auch er in anderen – etwa den arabischen und maghrebinischen – Ländern gehört wird?

Ist das so? Wenn ja, dann dürfte es auch daran liegen, dass ausgelatschte Pfade gerne weiter bewandert werden. Sicherlich trifft Abdel-Samad mit seiner robusten Islam-Kritik auf verbreitete Befindlichkeiten und Reflexe, wie ja auch die klassische islamische Theologie eher traditionelle Denkgewohnheiten befeuert.

Und dass zeitgemäße, historisch belehrte Interpretationen des Islams wie die von Khorchide in Ländern rezipiert und entwickelt werden, in denen Muslime die Mehrheit der Bevölkerung stellen, ist nicht nur wünschenswert, sondern dringend notwendig. Etablierte, traditionelle Lesarten des Korans sind in diversen Staaten eine Quelle zahlreicher tiefgreifender Probleme und das Fundament großer Hürden für die Entwicklung offener, friedlicher und freiheitlicher Gesellschaften, wie wir sie uns wünschen. Frauen, Angehörige anderer Glaubensrichtungen und nichtreligiöse Menschen dort leiden unter dem Ausbleiben von Reformen im Islam- und Koranverständnis, wie auch Khorchide sie vorschlägt, und ich würde behaupten, sogar viele Muslime tun dies.

Wenn also islamische Glaubenshaltungen zur Quelle eines globalen Humanismus werden sollen, wie der Autor sich es wünscht, dann hängt das ganz entscheidend davon ab, ob er dort Menschen findet, die sein Plädoyer aufgreifen werden und dessen Gedanken in ihren Gesellschaften verankern.

Auf säkulare Humanismus-Verständnisse geht Khorchide in seinem Buch kritisch ein. Können Sie die Sichtweise nachvollziehen?

Er widmet der westeuropäischen humanistischen Tradition ein längeres Kapitel, gewinnt aber seine eigene Definition von Humanismus in Abgrenzung von ihr. Dabei referiert er vornehmlich Florian Baabs Dissertationsschrift Was ist Humanismus? Geschichte des Begriffes, Gegenkonzepte, säkulare Humanismen heute, die andernorts aus humanistischer Perspektive schon ausführlich rezipiert und kritisiert worden ist. Khorchide übernimmt die Probleme von dessen Darstellung, legt aber auch den Finger in die gleiche Wunde: Wie ist es in so manchen Konzepten bestellt um die Akzeptanz alternativer Standpunkte? Gleichzeitig übersieht der Autor das historische wie aktuelle Engagement des Humanismus für Toleranz und Religionsfreiheit. Und starke Gemeinsamkeiten zu seinem eigenen Denken – die Ablehnung einer homogenen, geschlossenen Weltanschauung oder die Betonung eines praktischen Humanismus – kommen nicht ins Blickfeld.

Foto: A. Platzek

Ralf Schöppner ist Direktor der Humanistische Akademie Deutschland. Foto: A. Platzek

In dem Kapitel „Warum wir Antihumanisten sind“ beschreibt der Autor – seinem Humanismus-Verständnis als einer Haltung des „Sich-öffnens“ folgend – den „Antihumanisten“ als eine „Person, die sich bewusst weigert, sich zu öffnen und auf das ‚Andere‘ einzulassen.“ Macht er es sich mit solch einer Definition nicht etwas zu einfach?

Sicherlich will man sich nicht immer öffnen und auf alles Mögliche einlassen. Da gibt es Grenzen, ohne dass man gleich zum „Antihumanisten“ wird. Aber in der humanistischen Tradition spielt der Gedanke einer Steigerung der Gesamtrationalität durch den Dialog vieler Einzelner durchaus eine wichtige Rolle. Weniger dem eigenen Sermon verhaftet bleiben und mehr intersubjektive Wahrheitsfindung. Die „Wahrheit“ oder „Objektivität“ unserer gemeinsamen Welt ist verteilt auf die jeweils begrenzten – eben nicht göttlichen – Perspektiven der Einzelnen. Sie ergibt sich daraus, dass sich die Welt den Einzelnen verschieden zeigt und diese Perspektiven zusammengebracht werden. Ist es nicht eine humanistische Fähigkeit par excellence, die Dinge auch vom Standpunkt des anderen aus sehen zu können?

Worin besteht für Sie nun die aus nichtreligiöser, humanistischer Perspektive herausragende Facette seines Plädoyers? Was hat Ihnen besonders gefallen?

Einmal mehr die Erfahrung, wie elastisch Texte und damit letztendlich auch Traditionen sind. Und wie albern die Versuche, in ihnen immer nur eine einzige Bedeutung finden und diese dann anderen vorschreiben zu wollen. Ich war kein Koraner und werde auch keiner werden, aber es war spannend zu lesen, was da alles rauszuholen ist. Und nicht zuletzt: Es ist oftmals produktiv, sich Autoren mit umstrittenen und einem selbst sehr fernliegenden Prämissen – wie etwa „Gott“ – auszusetzen.

Nr. 114, 1/2016

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