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Es besteht keine Staatskirche

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Dieser Satz steht im deutschen Grundgesetz. Vom Staat verlangt es eine neutrale Haltung gegenüber den Religionen und Weltanschauungen. In der Realität ist davon allerdings wenig zu spüren.
Freitag, 13. Mai 2016
Foto: A. Platzek

Frieder Otto Wolf. Foto: A. Platzek

Als eine Ursache für die massive Privilegierung der christlichen Konfessionen benennt der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Frieder Otto Wolf, „kirchliche Schablonen“ im Denken von Politikern, Richtern und Behörden – in die jedoch weder nichtreligiöse Bürger noch Angehörige nicht-christlicher Konfessionen passen. Wolf sagt, es sei angesichts der sich sprunghaft vollziehenden Pluralisierung unserer Gesellschaft dringend nötig, dass die vom Grundgesetz vorgesehene Haltung einer kooperativen Laizität staatlicher Institutionen endlich konsequent durchgesetzt wird.

Zum Start des Themenjahres der Antidiskriminierungsstelle des Bundes mit dem Motto „Freier Glaube. Freies Denken. Gleiches Recht.“ wurden die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage veröffentlicht. Laut ihr bezeichnen zwei Drittel der Deutschen die sogenannte „Kirchenklausel“ im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz als ungerecht. Von den auf dieser Regelung fußenden Benachteiligungen sind Millionen konfessionsfreie Arbeitnehmer betroffen. Warum ist dieses Thema nicht längst auf den Agenden der Parteien zu finden?

Frieder Otto Wolf: Die bis heute überwiegend in der alten Bundesrepublik gewachsenen politischen Apparate – zu denen ganz weitgehend auch die Parteien und die Parlamente gehören – sind in religions- und weltanschauungspolitischer Hinsicht immer noch von den 1950er Jahren geprägt. Zu dieser Zeit wurden allein die großen christlichen Kirchen als staatstragend anerkannt. Zudem haben viele den für Europa unrealistischen Traum einer „Rückkehr der Religion“ noch nicht aufgegeben – der lange Zeit auch als ein Moment der Nostalgie für die „goldenen Jahre“ des Nachkriegsfordismus fungierte.

Die meisten Politikerinnen und Politiker beginnen nun erst zu begreifen, dass die Kirchen ebenfalls nur noch gesellschaftliche Minderheiten neben anderen größeren und kleineren Minderheiten repräsentieren – und dass der fortschreitende weltanschauliche Wandel traditionelle Gemeinschaften überhaupt immer stärker auflöst.

Nr. 114, 1/2016

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