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„Eigentlich dürfte es mich nicht mehr geben“

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Der Schriftsteller und Publizist Günter Wallraff, einer der bekanntesten deutschen Investigativjournalisten, hatte sich im vergangenen Jahr dem Islamischen Staat im Austausch für eine US-amerikanische Geisel angeboten. Im Interview plädiert Wallraff dafür, den terroristisch genährten Hysterien Gelassenheit entgegenzusetzen.
Freitag, 13. Mai 2016

Nach den schrecklichen Anschlägen in Paris und der bedrohten Lage in Deutschland durch islamistischen Terror – verspüren Sie Angst?

Günter Wallraff: Nein, überhaupt nicht. Ich bin viel mit dem Rennrad unterwegs und es kommt schon mal zu „Beinahe-Unfällen“, aber deshalb aufs Radfahren zu verzichten? Undenkbar. Die Wahrscheinlichkeit vom Blitz erschlagen zu werden, ist fünffach höher, als Opfer eines Terroranschlags zu werden. Ich möchte die vielfach vorherrschende Angst nicht als Hysterie bezeichnen, denn das wäre denen gegenüber ungerecht, die wirklich von dem Terror betroffen sind oder waren.

Ich habe jedoch zurzeit den Eindruck, dass hier bei uns in den westlich geprägten Demokratien ein überstarkes Sicherheitsbedürfnis in allen Lebensbereichen existiert und wächst. Das beginnt bereits bei den Sicherheitsbehörden selbst, auch dort entstehen Hysterien. Da kann sich dann der einfachste V-Mann aufplustern. Wer eine ernsthafte Bedrohung oder Gefahr meldet oder sogar als „agent provocateur“ tätig wird, steigt sowohl im Ansehen als auch was sein Honorarbudget betrifft. Eine krude Eigengesetzlichkeit. Man vermutet überall vermeintliche Terroraktionen, die gerade kurz bevorstehen – und das normale Leben wird beeinträchtigt oder sogar lahmgelegt. Wenn das passiert, dann haben die Terroristen genau das erreicht, was sie eigentlich beabsichtigen – mit wenig Mitteln ein ganzes Land und am Ende noch eine Weltgemeinschaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Genau da erwarte ich Gelassenheit.

Wir sollten in solchen Situationen von den Israelis lernen, die seit jeher ständigen Bedrohungen und Attentaten ausgesetzt sind und dennoch oder gerade deshalb ihren Lebensrhythmus nicht einschränken. Das normale Leben muss weitergehen, die Menschen sollten zumindest ihre Angst nicht zeigen.

Foto: © Christoph Hardt / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0

Günter Wallraff ruft auch dazu auf, die mühsam errungenen Freiheiten der offenen Gesellschaft nicht aus falsch verstandener religiöser Rücksichtnahme aufzugeben. Foto: © Christoph Hardt / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0

Nr. 114, 1/2016

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