Direkt zum Inhalt

„Im Zweifel für die Freiheit“

Druckversion
Stefan Lorenz Sorgner gilt als Deutschlands führender post- und transhumanistischer Philosoph. Er ist überzeugt, dass der Bereich des genetischen Fortschritts keinen lebensweltlichen Bereich unberührt lassen wird.
Dienstag, 1. September 2015

Herr Dr. Sorgner, ich lese Ihnen mal aus einer Stellenanzeige des Jahres 2077 vor: „Europaweit tätiges Logistikunternehmen sucht leitenden Mitarbeiter (m/w/h/th) im Bereich Transportzugmanagement (v/nv) mit der Bereitschaft für den temporären Einsatz in einem unserer Zentren im Bereich EU-A7. Ihr Profil: erfolgreich abgeschlossenes Hochschulstudium mit Schwerpunkt Speditionsbetriebslehre; gute Englisch- und Hochchinesisch-Kenntnisse; mehrjährige Berufserfahrung in einer vergleichbaren Position erforderlich; wir erwarten ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft, Durchsetzungsvermögen, Flexibilität und Antizipationskompetenz (TOM-Niveau >B7); MENC-Port nach Ux6-Standard und Lisx7-Implantat wären von Vorteil.“ – Wie sollte effektiv verhindert werden, dass aus der Option, sich körperlich zu analysieren und technologisch wesentlich zu verbessern, eine Pflicht wird?

Dr. Stefan Lorenz Sorgner: Zunächst einmal sollte beachtet werden, dass nicht jede implizite oder auch explizite Pflicht, eine Verbesserungs-Technik zu nutzen, eine moralisch verwerfliche sein muss. Auch Lese- und Schreibkompetenzen sind Techniken. Die Erziehung stellt die Vermittlung einer Vielzahl von Verbesserungstechniken dar, wie etwa der Vermittlung mathematischer, sprachlicher und analytischer Fähigkeiten.

In Deutschland besteht die gesetzliche Schulpflicht. In zahlreichen Ländern, z.B. den USA, besteht auch die gesetzliche Verpflichtung bestimmter Impfungen. Ist dies moralisch problematisch? Selbst der Gebrauch eines Computers kann heutzutage eine implizite Verpflichtung darstellen, wenn man studieren möchte. Vor 30 Jahren war dies noch nicht der Fall. Heutzutage müssen Hausarbeiten jedoch auf einem Computer verfasst werden und häufig auch digital eingereicht werden. Ist dies moralisch verwerflich?

Aufgrund der Verlässlichkeit und des Nutzens von Computern, sowie auch des relativ geringen Anschaffungspreises, kann es von Studenten erwartet werden, einen Computer zu besitzen. Alternativ besteht in der Regel auch die Möglichkeit der kostenfreien Computernutzung an Universitäten. Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass explizite und implizite Verpflichtungen auf Enhancement-Techniken zurückzugreifen nicht notwendigerweise moralisch verwerflich sein müssen. Hiermit möchte ich nicht sagen, dass jede solche Verpflichtung unproblematisch ist. Zumindest gibt es Gründe, dass die genannten Vorgänge nicht notwendigerweise moralisch verwerfliche sein müssen und dass es nicht ausgeschlossen werden kann, dass dies auf die erwähnten Analysen möglicherweise auch zutreffen könnte. 

Ich persönlich kann die Stoßrichtung ihrer Fragestellung durchaus nachvollziehen. Sowohl der Schulpflicht, als auch der Impfpflicht stehe auch ich durchaus kritisch gegenüber, da ich die Norm der negativen Freiheit für eine in der Tat zentrale Errungenschaft erachte.  Aus diesem Grund bemühe ich mich darum, deren Bedeutung zu verdeutlichen, so dass diese Einschätzung immer mehr an Zuspruch gewinnt. Gleichzeitig möchte ich herausstellen, dass gewisse auch gesetzliche Verpflichtungen durchaus in einer liberalen Gesellschaft vorhanden sein dürfen, wenn der gesellschaftliche Wunsch hierfür vorhanden ist. Mir persönlich erscheint es hingegen wichtig zu betonen: In dubio pro libertate, im Zweifel für die Freiheit.

Foto: privat

Dr. Stefan Lorenz Sorgner ist Direktor und Mitbegründer des Beyond Humanism Network und Fellow am Institute for Ethics and Emerging Technologies (IEET). Er ist Autor und Herausgeber von mehr als zehn Büchern, unter anderem „Menschenwürde nach Nietzsche“ (2010), sowie ein weltweit gefragter Referent (z.B. TEDx; World Humanities Forum) und regelmäßiger Ansprechpartner nationaler sowie internationaler Medien (z.B. DIE ZEIT). Seine Hauptarbeitsgebiete und Forschungsinteressen sind die Philosophie Nietzsches, Musikphilosophie, Bioethik und der Meta-, Post- und Transhumanismus. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Rainer Zimmermann der Identity Foundation ist er „Deutschlands führender post- und transhumanistischer Philosoph“. www.sorgner.de

Anhängern des Transhumanismus wird nachgesagt, eine quasi-religiöse Ideologie zu vertreten, die unter anderem als eine Coping-Strategie bei dem Versuch, mit der Angst vor Tod und Sterben umzugehen, zu betrachten sei. Wie blicken Sie auf solche Interpretationen?

Es ist in der Tat so, dass zahlreiche Transhumanisten von der Unsterblichkeit sprechen. Solche Äußerungen werden von Transhumanismus-Kritikern gerne aufgegriffen, um ihnen quasi-religiöse Heilsversprechungen vorzuwerfen. Fakt ist: Der Transhumanismus kennt keine Riten, Gebete, Mythen, kultische Handlungen oder unumstößliche Dogmen. Vielmehr geht er davon aus, dass jede Einschätzung revidiert werden sollte, wenn solide empirisch fundierte Indizien für eine solche Revision gegeben sind. Die einzige von Transhumanisten geteilte Grundannahme ist es, dass aufgrund des Einsatzes von Techniken die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass die gegenwärtigen Grenzen des Menschseins gesprengt werden, wodurch auch die Wahrscheinlichkeit gefördert wird, ein gutes Leben zu führen.

Auch der zuvor angesprochene Glaube an eine Unsterblichkeit ist bei allen ernst zu nehmenden Transhumanisten nicht gegeben. Unsterblichkeit bedeutet entweder, dass man persönlich nicht in der Lage sein kann zu sterben bzw. dass man nicht sterben muss, wenn man es nicht wünscht zu sterben. Beide Varianten sind nicht mit dem Transhumanismus zu identifizieren, da die meisten Transhumanisten eine naturalistische, nicht-dualistische bzw. immanente Anthropologie vertreten.

Vor diesem ontologischen Hintergrund kann die persönliche Unsterblichkeit noch nicht einmal gedacht werden. Eine solche Vorstellung muss stets auch die Zukunft des Universums mit in Betracht ziehen. Es besteht die Möglichkeit, dass das Universum irgendwann einmal erkalten wird und es zu einem totalen Stillstand kommen wird. Wie könnte in einem solchen Szenarium menschliches Weiterleben gedacht werden? Ein anderes Szenarium ist es, dass es zu einem Kollaps des Universums kommen wird und sich die Welt in einem Punkt unendlicher Dichte vereinigt. Auch im Rahmen eines solchen Szenarios kann eine menschliche Weiterexistenz nicht ernsthaft gedacht werden.

Diese Überlegungen sollen verdeutlichen, dass der Begriff der Unsterblichkeit, wenn er von Transhumanisten erwähnt wird, nicht in einem wörtlichen Sinne zu verstehen ist. Vielmehr fungiert die Unsterblichkeit hier als eine Utopie, deren Aufgabe eine rhetorische ist, wie dies auch im Fall der meisten Utopien der Philosophiegeschichte der Fall war. Man griff auf sie zurück, nicht weil man davon ausging, dass sie realisiert werden können, sondern um die Relevanz einer bestimmten Einsicht zu verdeutlichen. Hier ist es die Einsicht der besonderen Relevanz des Lebensspanne, bzw. der Gesundheitsspanne, da es den meisten Menschen nicht darum geht, überhaupt lange zu leben, sondern darum, gesund lange zu leben.

Die Menschheitsgeschichte hat bereits gezeigt, dass die menschliche Lebensspanne sehr flexibel ist und mit Hilfe von Techniken die menschliche Gesundheitsspanne radikal erweitert werden kann. Dieser Vorgang ist im Interesse der meisten Menschen. Aus diesem Grund sollte die diesbezügliche Forschung noch weiter gefördert werden. Dies ist die entscheidende Aussage, die im Kontext der Thematisierung der Unsterblichkeit hervortreten soll.

Sie haben sich unter anderem dafür ausgesprochen, genetische Analysen zu einer Voraussetzung im Erziehungsprozess werden zu lassen. Weiter hieß es, diese könnten auch enormes Potential für die Organisation des Versicherungswesens und als Voraussetzung für Anstellungen entfalten. Halten Sie es nicht für wahrscheinlich, dass eine solche Analyse eine Art zusätzliches Kastenwesen entstehen lassen würde? Glauben Sie, dass – einmal etabliert – diese DNA-Tests das Recht des Individuums auf Selbstbestimmung vergrößern statt verringern?

Ich habe auf die Relevanz der Genforschung für die Erziehung hingewiesen. Zum einen habe ich aufgezeigt, dass genetische Modifikationen und Erziehung strukturanaloge Vorgänge darstellen, die aus diesem Grund auch moralisch analog bewertet werden sollten. Hieraus folgt, dass nicht alle genetischen Modifikationen moralisch verwerflich sein müssen, was im Kontrast zu den Aussagen aller führender deutscher Ethiker steht. Habermas und auch Sloterdijk erachten genetische Verbesserungsmaßnahmen für moralisch verwerflich.

Weiterhin habe ich gezeigt, dass auch Genanalysen eine enorme Relevanz im Rahmen der Erziehung erlangen können, da sich die diesbezüglichen Erkenntnisse aufgrund der Möglichkeiten der Big Gene Data in einem beständigen Verbesserungsprozess befinden. Selbstverständlich haben auch zukünftige Arbeitgeber und Versicherungsnehmer ein enormes Interesse an den sich auf diese Weise ergebenden Daten. Ich gehe davon aus, dass die diesbezüglichen sozialen, ökonomischen und auch ethischen Konsequenzen enorm sein werden. Aus diesem Grund spreche ich dieses Thema an. Ich gehe nicht davon aus, dass sich notwendigerweise ein genetisches Kastenwesen oder andere höchst problematische gesellschaftliche Konsequenzen ergeben müssen.

Sowohl die Epigenetik, als auch die Möglichkeiten der genetischen Modifikation deuten darauf hin, dass genetische Zustände keine unveränderlichen Eigenschaften darstellen müssen. Auch zwischen der Technik der Genanalyse und der Frage nach dem Recht auf Selbstbestimmung besteht keine notwendige Korrelation. Es ist vielmehr eine politische Frage, wie wir mit diesen Daten umgehen wollen und welche Bedeutung wir der Autonomie und der Privatheit innerhalb unserer Gesetzgebung zukommen lassen wollen. Mir ist sehr an der Norm der negativen Freiheit gelegen. Wir sollten uns stets vor Augen führen, welche enorme Errungenschaft diese Norm darstellt und welche Kämpfe im Rahmen der Aufklärung geschehen mussten, damit wir nicht mehr durch kirchliche und aristokratische Herrscher vorgeschrieben bekommen, wie wir unser Leben zu führen haben, sondern wir das Recht haben, nach unserer eigenen idiosynkratrischen Vorstellung des Guten leben zu dürfen.

Wir nehmen diesbezüglich sowohl in der Menschheitsgeschichte, als auch im gegenwärtigen kulturellen Kontext eine ganz besondere Rolle ein, und wir sollten vehement darum bemüht sein, die Entstehung von neuen paternalistischen Bevormundungsstrukturen zu unterbinden. Neue Techniken und das Recht, sie zu nutzen, ist ein Teil des Prozesses der Vermeidung der Entstehung neuer paternalistischer Strukturen.

Welche Erweiterungen oder Möglichkeiten würden Sie denn für sich persönlich wünschen?

Auf bestimmte Pharmaka zur Steigerung meiner Abwehrkräfte greife ich bereits zurück. An Biotechniken zur Erhöhung meiner Gedächtnisleistung wäre ich sehr interessiert. Auch genetische Modifikationen zur Erweiterung der Gesundheitsspanne würde ich gerne in Anspruch nehmen, wenn diese verlässlich und effektiv wären. Es geht mir jedoch nicht nur um Leistungssteigerungen. Auch um neue, spannende Erfahrungen machen zu können, habe ich bereits neueste Lichttechniken genutzt. Oculus Rift halte ich für besonders vielversprechend. Es soll wohl 2016 in den Handel kommen. Ich gehe davon aus, dass hiermit enorm anregende Erfahrungen realisiert werden können, insbesondere wenn man diese Technologie mit Google Maps oder Drohnen in Verbindung bringt. In jedem Fall bin ich auch auf die Techniken gespannt, die entstehen werden und von denen ich gegenwärtig noch nichts ahne.

Obwohl ich relativ skeptisch gegenüber trans- und posthumanistischen Versprechen bin, sehe ich durchaus Bereiche, wo die Umsetzung transhumanistischer Ideen durchaus zwingend erscheinen könnte. Zum Beispiel in der Raumfahrt und bei der Besiedlung anderer Himmelskörper. Welche Rolle spielen solche Perspektiven in der Transhumanismus-Debatte?

Es besteht ein enger Kontakt zwischen Futuristen, Transhumanisten, Künstlern, Science-Fiction-Autoren und Weltraumforschern. Das folgende Beispiel verdeutlicht die Relevanz dieser Kooperationen auf anschauliche Weise: Niederländischen Forschern ist es gelungen, Zebrafische genetisch so zu verändern, dass sie Photosynthese betreiben und auf diese Weise einen Teil ihrer Nahrung erlangen können. Dabei werden sie auch leicht grünlich. Genetisch sind Menschen den Zebrafischen gar nicht so unähnlich. Vielleicht sind die kleinen grünen Menschen vom Mars aus der Science-Fiction-Literatur sogar unsere Nachfahren. Eine solche genetische Modifikation  könnte für die Zukunft der Raumfahrt von enormer Relevanz sein, um das Versorgungsproblem in den Griff bekommen zu können.

Der Bereich des genetischen Fortschritts wird jedoch keinen lebensweltlichen Bereich unberührt lassen. Die kaum zu unterschätzende Relevanz für die Zukunft der Erziehung hatte ich bereits angesprochen. Ähnliches gilt für den Bereich der siliziumbasierten Zukunft. Auch die Fortschritte in den Bereichen AI (Künstliche Intelligenz, d. Red.) und Mensch-Maschine-Schnittstellen wird Auswirkungen auf alle Bereiche unserer Lebenswelt haben. Forscher der Universität Oxford haben in einer wirkmächtigen Studie dargelegt, dass aufgrund der Computerisierung und Automatisierung fast 50 Prozent der heute bekannte Arbeitsplätze innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahren wegfallen werden.

Zahlreiche (Science-Fiction-)Bücher, viele Filme oder Serien und seit rund anderthalb Jahrzehnten auch PC-Spiele haben transhumanistische Ideen aufgenommen oder in den Mittelpunkt gerückt. Gibt es welche, die Sie empfehlen würden?

Sowohl in dem Transhumanismus-Schwerpunktband von „Aufklärung und Kritik“, als auch in dem englischsprachigen Einführungsband „Post- und Transhumanism“, der 2014 erschien und von Robert Ranisch und mir herausgegeben wurde, wird der Transhumanismus in den Künsten auf ausführliche Weise thematisiert. Den Film „Gattaca“ empfehle ich allen meinen Studenten, da er eine herausragende Einführung in die sozialen Herausforderungen des Transhumanismus darstellt. Der Film „Transcende“ veranschaulicht die Vorstellung der radikalen transhumanistischen Idee des mind uploading auf lebendige Weise. Transhumanistische Ideen werden mittlerweile nicht nur in künstlerischen Nischen thematisiert. Das beste Beispiel ist der Roman „Inferno“ von Dan Brown. Er gibt auf unterhaltsame Weise einen fairen Einblick in transhumanistische Überlegungen und thematisiert eine in der Tat höchst relevante Fragestellung, die der Überbevölkerung. Es scheint sogar so zu sein, dass Brown selbst Sympathien für den Transhumanismus hegt. Auch Zoltan Istvans Roman „The Transhumanist Wager“ ist sehr empfehlenswert. Er ist spannend und thematisiert eine große Bandbreite von transhumanistischen Vorstellungen, z.B. seasteading. Zoltan Istvan hat auch die US-amerikanische transhumanistische Partei gegründet und ist US-Präsidentschaftskandidat. Unzählige transhumanistische Motive kommen selbstverständlich auch in der Fernsehserie Star Trek vor. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus ist jedoch nicht nur auf diese Disziplinen beschränkt. Auch in anderen künstlerischen Bereichen sind spannende transhumanistische Ansätze und Themen vorzufinden. Sven Helbigs Musikdrama „Vom Lärm der Welt“, Jaime del Vals Metabody-Project, Dale Herigstads futuristische Medienvisionen und Eduardo Kacs Werke, die zu dem von ihm selbst geschaffenen Genre der Bioart gehören, sind künstlerische Ansätze, die im Kontext des Transhumanismus nicht unerwähnt bleiben dürfen.

Cover

Transhumanismus Diesem Thema hat die Zeitschrift der Gesellschaft für kritische Philosophie in diesem Jahr eine Schwerpunktausgabe gewidmet. Herausgeber dieser Ausgabe von Aufklärung und Kritik ist Stefan Lorenz Sorgner. In dem Band diskutieren mehr als ein Dutzend renommierter Autoren die aktuellen Debatten, deren Entwicklung, Konfliktfelder und Perspektiven. Hier können Sie den Band bestellen: www.gkpn.de

Dass transhumanistische Ideen in Zukunft zunehmend praktisch Fuß fassen, erscheint derzeit unausweichlich. Gibt es unter den denkbaren Entwicklungen ein Szenario, das Sie entschieden ablehnen würden?

Ein Brave-New-World-Szenario erachte ich als eine schreckliche Horrorvision, da ich jede Form von totalitären politischen Strukturen und paternalistischen Bevormundungsmechanismen rigoros ablehne. Ich gehe nämlich davon aus, dass eine universal gültige nicht-formale Bestimmung des Guten keine realistische Option darstellt. Für jeden von uns ist eine idiosynkratische, an die eigene Psychophysiologie gekoppelte Konzeption des Guten zutreffend, weshalb jeder Versuch allgemeine nicht-formale Aussagen zum guten Leben machen zu wollen, wohl zum Scheitern verurteilt sind. Diese Vorstellung schließt die Notwendigkeit von gesellschaftlichen Sanktionen nicht aus, jedoch erachte ich politische Strukturen für erstrebenswert, die paternalistische Ordnungen weitestgehend vermeiden. Hiermit geht auch das Recht auf morphologische Freiheit einher, das Personen ermöglicht, auf die unterschiedlichsten Techniken zurückzugreifen, um die eigene Psychophysiologie nach den eigenen Wunschvorstellungen, Begierden und Neigungen formen zu können, da ich davon ausgehe, dass auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, ein gutes Leben zu führen.

Im zweiten Teil des Interviews geht Stefan Lorenz Sorgner auf die Argumente von humanistischen Kritikern transhumanistischer Ideen ein, nennt Gründe für die größere Lebendigkeit der Transhumanismus-Debatte im angelsächsischen Sprachraum und erklärt, warum aus seiner Sicht auch Computern zukünftig eventuell eine der Menschenwürde gleiche Würde zukommen könnte.