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Mein Weg zum Humanismus

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Dienstag, 1. September 2015
Foto: A. Platzek

Vor ein paar Wochen fragten mich Zehntklässler in meinem Ethikunterricht, ob ich „Atheist“ sei. Ich antwortete mit „Ja, aber …“ und versuchte zu erklären, dass ich mich keineswegs nur negativ, also in Ablehnung eines Glaubens an eine höhere Macht, definiere, sondern vor allem positiv die Werte meiner „humanistischen Weltanschauung“ vertrete. Bei den meisten der Schülerinnen und Schüler war Nachdenklichkeit die erste Reaktion – bis ein Pfiffikus etwas spontan in die Klasse rief: „Ach, Sie meinen Atheist-Plus!“ Interessanterweise verstanden das seine Mitschülerinnen und -schüler offenbar viel besser. 

Sind Humanisten nur „Atheisten-Plus“?

Dieses kleine Erlebnis zeigt bereits die besondere Problematik, wenn es darum geht, den Humanismus als nichtreligiöse Ethik und Weltanschauung zu erklären. Im Unterschied etwa zu Frankreich wird der Begriff bei uns facettenreicher assoziiert. So rief auch der damalige deutsche Papst Benedikt XVI. zu einem „neuen christlichen Humanismus“ auf. Wenn im Folgenden von „Humanismus“ gesprochen wird, dann im Sinne einer Konzentration auf den Menschen und seine Fähigkeit zu einem „guten Leben“ ohne religiöse Begründung. Die entsprechende Ethik orientiert sich an den Werten und Grundsätzen der Selbstbestimmung und Verantwortung, Solidarität und Gerechtigkeit, der Vernunft und des kritischen Denkens und nicht zuletzt am Toleranzgebot. Es sei daran erinnert, dass ein solches Denken seinen Ursprung in den Humanitätsidealen der antiken und vorchristlichen stoischen Philosophie hat.

Doch wie wird man „Humanist“?

Wie bei vielen Menschen meines Alters (Jahrgang 1952) war dieser Weg keineswegs einfach. So gehöre ich zu jener Kriegs- und Nachkriegsgeneration von Humanistinnen und Humanisten, die sich – ähnlich wie der bekannte Kinderbuchautor und -illustrator „Janosch“, der Vater der Tigerente – nur allzu oft unter großen Mühen von einer sehr ambivalenten christlichen Erziehung emanzipieren mussten. Diese war bei mir zum einen geprägt durch ein hohes Maß an Liebe und Geborgenheit – so wurde ich als kleines Kind immer mit einem „Gute-Nacht-Gebet“ von meinen Eltern ins Bett gebracht. Die Kehrseite aber war zumeist ein Kaleidoskop repressiv-autoritärer Erziehungsmethoden mit zum Teil dezidiert religiösen Motiven. In unserem hessischen Dorf gehörten dazu rigide körperliche Züchtigungen selbst bei minimalen Vergehen. Sexualität oder Körperlichkeit waren für Kinder völlig tabuisiert.

Der Tod meines Vaters brachte mich schon als Kind zu existentiellen Frage

Als mein katholischer polnischer Vater 1951 meine evangelische Mutter nach protestantischem Ritus heiratete, wurde er exkommuniziert. Trotzdem suchte er mit mir regelmäßig seine katholische Kirche auf – allerdings immer erst zehn Minuten nach Gottesdienstbeginn, um sich kurz vor Ende auch wieder rechtzeitig wegzuschleichen und nicht vom Pfarrer erkannt zu werden. Stärker kann ein Kind religiöse Bigotterie kaum erleben. Doch verstehen konnte ich die Zusammenhänge freilich noch nicht.

Als ich neun Jahre alt war, starb mein Vater ohne jegliche gesundheitliche Vorwarnung an einem Herzinfarkt. Dieser Schock verstärkte meine kindliche Religiosität, ein verzweifelter Versuch, zumindest im „Zwiegespräch mit Gott“ ein wenig Trost zu suchen. Zumal meine Mutter, die ihren ersten Mann bereits im Krieg verloren hatte, mit der Situation völlig überfordert war und meine Bedürfnisse in ihrer Trauer zumeist übersah. Zugleich motivierte der Schrecken bei mir eine besondere Sensibilität für existenzielle Fragen – individuelle wie gesellschaftliche.

Dass sich in meinen kindlichen Erfahrungen das spiegelte, was sich im Großen als das Dilemma des „christlichen Abendlandes“ darstellt, sollte ich erst später begreifen, als ich die „Thesen zu einer Diskussion über den Atheismus“ des langjährigen Chefs des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, Alexander Mitscherlich, aus dem Jahr 1963 in die Hände bekam. Dort beschrieb er, wie sich die urchristliche Botschaft der Nächstenliebe seit der Etablierung des Christentums als Staatskirche immer wieder in ihr Gegenteil verkehrt hatte. „Die Innigkeit einer Riemenschneider’schen Madonna und der totgeprügelte Jude sind nicht zwei Welten, die nichts miteinander zu tun hätten, sondern zwei Seiten ein und derselben Kultur.“

In Gießen begann ich an allem zu zweifeln

Mittlerweile waren wir in die Universitätsstadt Gießen gezogen. Die Stadt beherbergte zahlreiche Kasernen der US-Armee, während in Indochina der Vietnamkrieg tobte. Entsprechend politisiert war die Atmosphäre. Fast täglich kamen Studenten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zu uns in die Schule, um uns zu „agitieren“. Ich begann an allem zu zweifeln. Über zwei betagte Buchenwald-Überlebende, die für mich zum Inbegriff moralischer Integrität wurden, kam ich bereits als Abiturient zur DKP. Der Schritt von der einen Religion in die Quasireligion der orthodoxen Kommunisten aber war nur äußerlich radikal, wie ich später erkennen musste. Etwa zwei bis drei Jahre nach meiner Konfirmation war ich nach heftigem inneren Ringen wegen des noch immer wirkenden schlechten religiösen Gewissens („Der liebe Gott sieht alles“) aus der Kirche ausgetreten. Ein fundierter naturwissenschaftlicher Unterricht hatte diesen Schritt wesentlich erleichtert.

Interessant ist, dass sowohl beim Kirchenaustritt als auch bei der Hinwendung zur kommunistischen Ideologie der Begriff des Humanismus seinerzeit nahezu keine Rolle spielte.

Ausgelöst durch eine Krise in meiner Ehe begann ich eine Psychotherapie, die in die Bearbeitung meiner Kindheitstraumata mündete. Nicht zuletzt wurde damit auch die Abnabelung von allen Formen „repressiver Über-Moral“ (Mitscherlich) eingeleitet – ob religiös oder ideologisch begründete. Nach dem Lehrerstudium in Kassel war ich mit meiner jungen Familie mittlerweile nach West-Berlin übergesiedelt. Die reale Konfrontation mit Mauer und Stacheldraht sowie die sympathisch-quirlige Szene aus Hausbesetzern, Punkkultur oder grün-alternativen Lebensformen beschleunigte meine endgültige Abkehr vom orthodoxen Marxismus.

Diese neu gewonnene Freiheit war aber nach Erich Fromm nicht nur eine „Freiheit von krank machenden regressiven Bindungs- und Orientierungsformen“. Es war zugleich auch die Freiheit, den inneren geistigen Kompass völlig neu zu justieren. Die Fragen wurden immer grundsätzlicher: Wo will ich hin? Was gibt mir Halt? Was ist der Sinn meines Lebens.

Der Prozess wurde befördert durch die bittere soziale Realität des Brennpunktbezirks Neukölln. In der beruflichen Anfangszeit der frühen achtziger Jahre war meine erste – und langjährige – Gesamtschule im Norden dieses Bezirks noch relativ stabil. Selbst viele Kollegen ließen ihre Kinder hier anfangs unterrichten. Doch bald kippte die Situation und unsere Arbeit als Lehrkräfte wurde immer mehr überlagert von den Aufgaben von Sozialarbeitern oder Familienhelfern. Akademische Ansprüche gingen im sozialen Elend sowie in ethnisch und religiös motivierten Kleinkriegen der zumeist ausgegrenzten Jugendlichen unter.

Eine Anzeige in der „Berliner Lehrerzeitung“ der GEW war wie ein Rettungsanker

In dieser verzweifelten Lage erschien mir 1984 eine Anzeige in der „Berliner Lehrerzeitung“ der GEW wie ein Rettungsanker: „LehrerInnen gesucht – für einen Unterricht ohne Notenzwang, in kleinen Gruppen und auf weltlich-humanistischer Grundlage“. Es ging um das gerade wieder eingeführte freiwillige Fach „Lebenskunde“ des damaligen Deutschen Freidenker-Verbandes. So kam ich mit einer ganzen Reihe engagierter – und zumeist ebenfalls nach neuen Identitäten suchender – Pädagogen in Kontakt mit diesem kleinen und etwas verstaubten Verband der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Meine Erwartungen an die neuen Möglichkeiten des Faches wurden nicht enttäuscht. Der Unterricht war handlungs- und lebensweltlich orientiert. Kein Thema war tabu: Drogen und Sexualität, Tod und Trauer oder „Cliquen, Gruppen, Jugendbanden“. Viele meiner Schüler erlebte ich erstmals wirklich interessiert. Mir war klar: Die Bearbeitung von Moral- und Sinnfragen und die Herausbildung einer menschlichen Grundhaltung aus einer säkularen Perspektive ist nur dann nachhaltig, wenn die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit haben, ihre eigenen ganz konkreten Fragen, Ängste und Hoffnungen einzubringen. Hinzu kam die besondere Berücksichtigung des Unbewussten – ohne dabei die gesellschaftliche Ebene zu ignorieren.

Damit trafen sich bei mir persönliches Lebensschicksal auf der einen Seite und curriculare sowie weltanschauliche Erkenntnisse des Trägerverbandes auf der anderen Seite. So formulierten wir im Rahmenplan 1993: „Gedanken und Ideologien werden auf die zugrunde liegenden Ängste, Wünsche und gesellschaftlichen Interessengegensätze hin untersucht.“ In solchen Formulierungen fokussierten sich Erkenntnisse der Aufklärung, der Arbeiterbewegung und der Psychoanalyse mit unseren Lebenserfahrungen in pädagogischer Absicht. Im Übrigen kam ich über diesen Weg auch zur SPD.

Gleichwohl aber war das noch nicht der weitergehende Ansatz eines zeitgemäßen und souveränen Humanismus, wie ich ihn heute verstehe. Deutlich wird das am Verhältnis zu den Religionen, die wir damals noch ganz im Freudianischen Sinne als einer Neurose vergleichbar ansahen. Heute verwehre ich mich gegen eine solche Zuschreibung gläubiger Menschen, denn sie ist überheblich und unredlich. Es gibt diese Aspekte in Religionen wie bei nicht religiösen Weltanschauungen. Eine humanistische Toleranz muss mehr sein als nur von oben herab gewährte Duldung; und sie muss auch mehr sein als pragmatische Koexistenz um des lieben Friedens willen. Sie ist Respekt, Anerkennung und im besten Falle Wertschätzung des anderen, die ihren Ausdruck auch in kritischer Auseinandersetzung finden kann. Es bleibt zu hoffen, dass eine solche Haltung auch von religiöser Seite eingenommen werden kann.

Dieser Beitrag ist zuerst anlässlich des internationalen humanistischen Feiertages 2015 am 21. Juni im Berliner Tagesspiegel erschienen.

Als ich in den 1980er Jahren zu den Freidenkern stieß, wusste ich bis dahin kaum von deren Existenz. „Warum sollen sich Konfessionsfreie speziell organisieren?“, fragte ich damals – ähnlich wie auch die Mehrheit der Kirchenfernen noch heute denkt. Doch habe ich im Laufe der Zeit die Vorteile schätzen gelernt: Eine gelebte Kultur des Humanismus kann individuell eine große Bereicherung sein, politisch ist sie höchst notwendig. Ich wäre im Nachhinein glücklich gewesen, wenn ich zum Beispiel als junger Soldat der Bundeswehr mit einem „humanistischen Berater“ meine Sorgen und Nöte hätte besprechen können – so wie ich eine solche Einrichtung später als völlig selbstverständliches Alternativangebot zur christlichen Seelsorge bei den belgischen und niederländischen Streitkräften kennenlernte. Überhaupt habe ich in beiden Ländern die Gleichstellung humanistischer Organisationen und ihr flächendeckendes ideologiefreies Beratungs- und Unterstützungsangebot für konfessionsfreie Menschen als einzigartig und vorbildlich wahrgenommen. Dazu gehören humanistische Altenheime und Hospize oder humanistische Lebensberater in Gefängnissen oder Krankenhäusern. Und nicht zuletzt sind dort alle relevanten Ethikbeiräte paritätisch selbstverständlich auch mit Vertretern der Humanistischen Verbände besetzt. Das Grundgesetz fordert im Übrigen ebenfalls die völlige Gleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Zumindest in Teilen scheint hier ein Umdenken in der Politik einzusetzen. So sicherte mir der Chef der Berliner SPD, Jan Stöß, Anfang letzter Woche in einem offiziellen Gespräch beider Landesvorstände zu, dem Humanistischen Verband in Zukunft „auf Augenhöhe“ mit den Religionsgemeinschaften zu begegnen und daher auch die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts „aktiv zu unterstützen“.

Humanist wurde ich also nicht allein, weil ich der als Kind erlebten Autorität oder dem als junger Mann wahrgenommenem staatlichen Konservativismus entkommen wollte, sondern weil ich meinem Leben in Respekt vor meinem Gegenüber selbst Sinn und Form geben möchte. Oder um es mit Erich Fromm zu sagen: „Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es kein Motiv, sich anzustrengen.“

diesseits 3/2015

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