Direkt zum Inhalt

Wikipedia: Ein Kreuz für Atheisten

Druckversion
Trotz Kritik und sinkender Nutzerzahlen bleibt die Online-Enzyklopädie auch in ihrem 15. Lebensjahr ein Standard-Nachschlagewerk für viele Menschen. Wer hier einen Eintrag erhält, hat einen kleinen Sprung auf dem Weg zur Unsterblichkeit im kollektiven Gedächtnis geschafft – und muss damit rechnen, dass die Erinnerung an die eigene Person im Licht des wichtigsten Symbols der Christenheit erscheint.
Montag, 1. Juni 2015
Foto: Lane Hartwell / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Foto: Lane Hartwell / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Was haben Namen wie Max Sievers, Bertrand Russell, Robert Ingersoll, Karlheinz Deschner, Johannes Neumann, Wolfgang Lüder, Ossip K. Flechtheim, Julian Huxley und Fiona Lorenz gemeinsam? Sie alle gehören zu Persönlichkeiten, die sich von christlichen Glaubensvorstellungen bewusst und teils entschieden abgewandt hatten – und als Wissenschaftler, als Philosophen, als Schriftsteller und Autoren, als Politiker und als aktive Vertreter von humanistischen Überzeugungen und Ideen bekannt geworden sind. Doch beim Blick auf die Einträge im Netz-Lexikon Wikipedia ist das nicht immer so klar. Denn gemeinsam haben die namhaften Verstorbenen auch, dass an ihren Lebensdaten das Kreuz der christlichen Religion prangt.

Sie würden sich im Grab umdrehen

Ein bloßes Versehen ist die Zuordnung dieses religiösen Symbols zu den zu Lebzeiten profilierten Vertretern atheistisch und agnostisch geprägter Weltanschauungen nicht. Das zeigt ein genauerer Blick in den Verlauf der Bearbeitungen einiger Einträge, bei denen Benutzern wohl aufgefallen war, wie fehlplatziert das Zeichen dort ist. So etwa beim bekanntesten deutschen Kirchenkritiker, Karlheinz Deschner. Hier war kurz nach Bekanntwerden seines Todes das Kürzel „verst.“ neben dem Datum eingefügt worden – es wurde jedoch umgehend durch † ersetzt. Der gleiche Vorgang fand bei dem Juristen, früheren Berliner Wirtschaftssenator und späteren Bundestagsabgeordneten Wolfgang Lüder statt. Obwohl das Sterbedatum zunächst in neutraler bzw. nichtreligiöser Form vermerkt wurde, folgte auch hier zügig eine Ergänzung um das christliche Kreuz. Aus dem Bearbeitungsprotokoll ergibt sich, dass weitere Versuche, einen neutralen Vermerk zu erreichen, sich nicht durchsetzen konnten.

Neu ist das zweifelhafte Vorgehen gegenüber Wikipedia-Einträgen mit deutlichem Bezug zu Humanismus oder Atheismus nicht. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Versuche, die Einträge zu bekannten Institutionen oder Personen aus dem Bereich zu beschädigen oder ganz zu löschen. Einen vielbeachteten Versuch gab es im Oktober 2013: damals sollte der seit über elf Jahren bestehende Eintrag, in der Fachsprache Lemma genannt, zum Stichwort „Humanismus“ gelöscht werden. Das Lemma zu den Humanistischen Akademien verschwand erst einige Monate zuvor spurlos. Das Lemma zum internationalen humanistischen Feiertag am 21. Juni, dem World Humanist Day, wurde nach einer Löschung in den Eintrag zur Internationalen Humanistischen und Ethischen Union verbannt. In der englischsprachigen Wikipedia gibt es hingegen weniger solcher Probleme. Hier ist der World Humanist Day ebenso wie zahlreiche verwandte Lemmata Teil einer umfangreichen Serie des Bereichs Philosophie.

Kreuze sind deutsches Phänomen

Der christlich geprägte Kampf für die Deutungs- und Verfügungshoheit in der Online-Enzyklopädie scheint jedenfalls ein Phänomen zu sein, das sich vor allem im deutschsprachigen Namensraum abspielt. Ein Indiz dafür ist nicht nur, dass viele Einträge im englischen Wikipedia-Bereich eine höhere „Überlebenschance“ haben. Die christliche Symbolik an den Lebensdaten von kirchenfernen Persönlichkeiten ist sogar einzigartig im internationalen Vergleich. In keinem anderen Namensraum gibt es sie. In allen anderssprachigen Wikipedia-Bereichen sind sogar für wirkmächtige Gläubige wie den lutherischen Theologen Dietrich Bonhoeffer neutrale Angaben zu den Lebensdaten üblich.

Dass der seltsame deutsche Sonderweg aber Ausnahmen kennt, verdeutlichen die Lemmata über die Rabbiner Gotthold Salomon (1784-1862) und Samson Raphael Hirsch (1808-1888). Auch hier gab es zunächst den Versuch, dem Sterbedatum ein Kreuz voranzustellen. Durchsetzen konnte sich jedoch – vorläufig – die neutrale Schreibweise. Ein Anfang, damit auch andere Vertreter nichtchristlicher Überzeugungen endlich zu ihrem Recht kommen?