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„Nie pleue – Niemals aufhören, niemals aufgeben“

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Mehr als Jahrzehnt lang stand die Belgierin Sonja Eggerickx an der Spitze der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU), neun davon als Präsidentin. Ende Mai will sie von ihrem prominenten Ehrenamt Abschied nehmen.
Sonntag, 1. März 2015
Foto: A. Platzek

Frau Eggerickx, wie kam es dazu, dass Sie zur Präsidentin der IHEU wurden?

Sonja Eggerickx: Während meines Studiums, um Ethiklehrerin zu werden, bin ich Mitglied im flämischen Humanistisch Verbond (HV) geworden. In einer ihrer Veröffentlichungen hatte ich dann einen Artikel – oder war es eine Werbeanzeige? – über die IHEU gelesen und beschloss, ihr beizutreten. Diese musste ich nach zwei oder drei Jahren wieder aufgeben, weil es zu teuer für mich war. 1992 wurde ich dann vom Humanistisch Verbond gefragt, ob ich am IHEU-Kongress in Amsterdam und an einer ihrer Sitzungen teilnehmen wolle. HV war von Anfang an eine Mitgliedsorganisation der IHEU. Dieses Ereignis war ein wichtiger Moment für mich und ich merkte, dass wir weit mehr für den Humanismus tun könnten, als wenn wir nur in Belgien tätig sind. Nachdem ich an mehr Treffen und Konferenzen außerhalb Belgiens teilgenommen hatte, fragte mich der damalige IHEU-Präsident Levi Fragell, ob ich mehr in die Arbeit der IHEU involviert sein wolle. Ich bewarb mich also um eine offene Stelle im Vorstand und mit der Wahl begann eine der intensivsten humanistischen Abschnitte meines Lebens. 2002 wurde ich zur Vizepräsidentin gewählt und 2006 in New York dann zur Präsidentin. Ich war damit die erste Frau in dieser Position. Und ich gebe zu, dass es in meinem gesamten – beruflichen oder ehrenamtlichen Leben – meine feministische Überzeugung war, mich für solche Stellen zu bewerben: Beklage Dich nicht, dass es keine Frauen in dieser Position gibt, wenn Du nicht damit beginnst, es selbst zu ändern. Das heißt, dass meine feministischen Ideen auch meine weltanschauliche Haltung gestärkt haben.

Besitzen Sie eher eine atheistische oder agnostische Haltung?

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, in dem die katholische Kirche noch sehr stark war. „Jeder“ ging zur Sonntagsmesse, hielt sich an die Fastenzeiten usw. und die Grundschule war auch katholisch, und mit Nonnen, die uns alles über das Leben erzählt haben. Obwohl ich mir nicht bewusst war, dass es andere Weltanschauungen als den Katholizismus gibt, hatte ich Zweifel an Wundern und den Geschichten, von Gott erhört zu werden, sofern man nur fest genug betete. Der Wechsel von der kleinen Gemeindeschule an die große staatliche Sekundarschule in Brüssel öffnete mir die Augen und meinen Geist. Das belgische System, sich zwischen einem Religionsunterricht und eine nichtreligiösen Werteunterricht entscheiden zu müssen, veränderte mich mehr als jedes andere Schulfach. Herauszufinden, dass „Nicht-Glaubende“ oder „Nicht-Katholiken“ ebenso gut und freundlich waren wie die katholischen Mitmenschen wurde eine gute Lektion in Toleranz und Gleichheit. Ich war interessiert daran, zu erfahren, was andere sagen, wie sie urteilen über die Ereignisse in der Welt und als ich an die Oberstufe kam, war ich überzeugt, dass Humanismus der Weg zu einer friedlichen Welt wäre.

Die schönste Erinnerung, die ich an diese Zeit habe, war die an meine Mutter, eine Witwe und traditionelle Katholikin. Sie verteidigte mich gegen den Dorfklatsch, in dem sie immer wieder über mich sagte: „Sie mag nicht die Kirche besuchen, aber sie hat ein goldenes Herz.“ Damals hatte ich nur starke Zweifel an der Existenz Gottes, doch später legte ich meinen Glauben ganz ab. Heute bin ich eine überzeugte Atheistin – was nicht bedeutet, dass ich nicht spirituelle Empfindungen schätzen würde, etwa bei Musik, einem Blick auf einen See oder während ich mich in den Bergen befinde. Allein nur der Gedanke, dass wir winzige Wesen in einem riesigen Universum sind… und das stellt für mich übrigens einen Beleg dafür dar, dass es keine übernatürlichen Wesen mit Superkräften gibt.

Was halten Sie für die bessere Strategie, um Humanismus zu entwickeln: gegen religiöse Privilegierungen zu kämpfen oder um Gleichbehandlung?

Ich denke, es dürfte klar geworden sein, dass ich überzeugt bin, dass Humanismus am besten mit einer positiven Botschaft verbunden wird, um ihn zu entwickeln. Das schließt den Kampf gegen religiöse Privilegierung ein – zur gleichen Zeit ist es jedoch klar, dass eine Menge Privilegien der Religionen einen Fakt darstellen und die Frage nach Gleichbehandlung eine Menge darüber enthüllt, wie das religiöse Establishment über Gleichberechtigung denkt. Ich erinnere mich hier an die Nachricht von der Gleichstellung des 21. Juni (World Humanist Day, d. Red.) als Feiertag für Schüler in Berlin und die Reaktionen von einigen Kirchenvertretern. Die Frage nach Gleichberechtigung ist essenziell, um herauszufinden, wie weit deren Toleranz geht.

Grundsätzlich ist jede Bewegung für eine Veränderung schwierig und ruft eine Menge Gegenreaktionen hervor. Man denke nur an die feministischen Kampf in den späten 60ern und beginnenden 70ern oder an die Aktionen der LGBT-Bewegung: wenn das gewohnte Alltagsleben bedroht wird, gab, gibt und wird es Reaktionen geben. Einige Frauen und LGBT waren überzeugt, Provokation sei für ihre Sache hilfreich, andere wiederrum fokussierten sich auf den Dialog und Lobbyarbeit. Möglicherweise brauchen wir sie beide, vielleicht sind beide Wege wichtig. Manchmal ist Provokation der direktere Weg, während Dialog eher passend für diejenigen ist, die unsere Idee akzeptieren sollen. Und natürlich hängt es immer auch von den Umständen ab.

Wer kann ein dauerhafter Verbündeter für säkulare Humanisten sein?

Nun, jeder Mensch der versucht, die Welt für so viele Menschen wie möglich zu einem besseren Ort zu machen. Es gibt religiöse Gruppen, die für bestimmte Ziele oder auch generell unsere Alliierten sein können. Beispielsweise die Catholics for Choice, einige protestantische Gruppen und Buddhisten eventuell. Und hoffentlich auch muslimische Gruppen. Auch unter Gruppen mit Bezeichnungen wie Säkularisten, Atheisten, Freidenker und Agnostiker gibt es verschiedene Strömungen. Das Problem ist, dass Menschen so leicht denken, dass es nur einen Weg zu ihrem Ziel gibt und das ist natürlich nicht unbedingt wahr!

Welche Entwicklung hat Sie als Humanistin denn in den letzten Jahrzehnten besonders überrascht?

Manchmal kommt der Wandel schneller als jeder erwartet hätten. Die Region, in der ich lebe, hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf dramatische Weise verändert: von einer tiefkatholischen Gegend, in der das unverheiratete Zusammenleben bis in die 1960er als Skandal galt, und was heute vollkommen akzeptiert wird. LGBT (Homo-, bi- und transsexuelle Menschen, d. Red.) haben die gleichen Rechte wie Heteros. Hier bin ich noch optimistisch, dass die Gesellschaft weiter tolerant wird. Die Geschwindigkeit, mit der der Wandel kommt, variiert zwischen verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Traditionen, aber Wissenschaft und rationelles Denken werden gewinnen. Ein Problem ist, dass sogar innerhalb der humanistischen Bewegungen es immer noch mehr Männer an der Spitze gibt als Frauen.

Woher nehmen Sie eigentlich die Kraft für Ihre Arbeit, woher die Inspiration?

Ich wurde durch einige große Philosophen wie Spinoza inspiriert, ebenso durch Erasmus, der sicherlich kein Atheist war, aber um die Wichtigkeit von Vernunft und Wissenschaft wusste. Und bis heute inspirieren mich all die Denker der Aufklärung, was nicht heißt, dass sie in allen Fragen richtig gelegen hätten. Und eine Menge schulde ich meinen Professoren an der Universität von Gent, die ihre Ideen mit echtem Engagement in der Gesellschaft verbanden: nicht nur Worte, sondern auch Taten. Auch Levi Fragell gehört dazu, der seine starken humanistischen Vorstellungen stets in einer höflichen Weise verteidigte: kritisch, aber nicht beleidigend.

In Gent, wo ich nun seit mehr als 50 Jahren lebe, gibt es eine Redewendung: nie pleue. Sie bedeutet so viel wie niemals aufhören, niemals aufgeben. Ich habe das in meinem privaten, beruflichen und ehrenamtlichen Leben zu einem Leitspruch gemacht und es hilft wirklich! Niemals verzweifeln, denn Situationen können sich ändern, egal wie es gerade aussieht und egal, wie wenige ihr seid. Ich bin zwar Optimistin, doch Realistin genug, um zu erkennen, dass ich niemals eine perfekte Welt sehen werde.

Gibt es einen Autor, den Sie in besonderer Weise schätzen?

Ich war schon immer ein großer Fan von Brecht. Seit meiner Pensionierung im September 2012 habe ich mehr Zeit zum Lesen, was eines meiner liebsten Hobbies ist. Kurt Vonnegut habe ich erst vor wenigen Jahren entdeckt und ich bedaure, dass ich nicht früher etwas von ihm gelesen habe! Er war ein Ehrenpräsident der American Humanist Association und bekannt für seine humanistischen Ideen, die in seinen Büchern sehr deutlich wird.

Und was ist für Sie der schönste Ort auf der Welt?

Berlin! Bevor ich pensioniert wurde, sagte ich immer, ich würde gern mein restliches Leben an diesen Ort verbringen. Das ist die Wahrheit. Nicht in Südeuropa mit mehr Sonne und weniger Regen. Nein, wirklich Berlin. Es ist eine große Stadt mit viel Grün, einer Menge kulturellem Leben, Musik, Theatern, Kinos und Nationalitäten. Und diese besondere Atmosphäre der Stadt – einst geteilt, nun zusammenwachsend und doch irgendwie noch auseinander. Ich staune über die Geschichte der Stadt, ihre Größe und Erhabenheit, ihren Horror. Es ist vielleicht nicht der schönste Ort auf der Erde, aber ich habe nicht genug gesehen, um das abschließend zu beurteilen.

Gerade viele jüngere nichtreligiöse Menschen sind sehr aktiv in den sozialen Netzwerken. Auf der einen Seite sind die Netzwerke manchmal ein guter Weg, um Ideen und Informationen zu verbreiten, auf der anderen kann daraus auch eine Parallelwelt entstehen. Wie schätzen Sie das ein?

Soziale Netzwerke im Internet geben uns mehr Möglichkeiten, Menschen zu erreichen. Doch sobald wir vergessen, mit anderen von Angesicht zu Angesicht in Kontakt zu treten, werden wir verlieren. Twitter, Facebook und die anderen neuen Netzwerke, die ich weder kenne noch nutze, sind gut, aber nicht genug. Wir brauchen gute Konversationen und schöne Gemeinschaftserlebnisse im realen Leben. Wir sind zu verletzlich, wenn wir uns auf die sozialen Netzwerke verlassen.

„Humanisten sollten sich der Gefahren des Relativismus bewusst sein“ – Im zweiten Teil des Interviews spricht Eggerickx über die internationale Entwicklung humanistischer und säkularer Organisationen und warnt davor, sich in Hinsicht auf die Rechte nichtreligiöser Menschen und anderer Minderheiten auf die existierenden Errungenschaften zu verlassen.

diesseits 1/2015

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