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Eine neue Generation

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Die rapide Entwicklung in den Wissenschaften und bei neuen Technologien rückt Visionen von Transhumanisten in greifbare Nähe. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung ihrer Ideen spielt das Internet.
Sonntag, 1. März 2015
Foto: privat

Michael Chorost sagt, er sei durch Implantate menschlicher geworden. Foto: privat

Ein Neural-Implantat zur Erhöhung der Gedächtnisleistung, ein künstliches Okular zur Ausweitung des visuellen Spektrums oder eine Infusion Nano-Bots zur Bekämpfung von Krebs – es ist wohl nur noch eine Frage von wenigen Jahrzehnten, bis sich eine dieser oder alle Möglichkeiten verwirklicht haben. Besonders überzeugte Anhänger transhumanistischer Vorstellungen glauben sogar, dass es bis zum Jahr 2045 möglich wird, die menschliche Sterblichkeit zu überwinden.

Einer der hier derzeit prominentesten Köpfe ist der US-amerikanisch-ungarische Philosoph, Journalist und Unternehmer Zoltan Istvan. Auf seiner Website gibt er ein klares Bekenntnis ab: „Wir haben uns nicht Milliarden Jahre entwickelt, um Tiere zu bleiben“ – die Überwindung der evolutionsbiologisch entstandenen Natur des Menschen hat sich der Autor des 2013 erschienenen Buches The Transhumanist Wager, das zum Amazon-Bestseller wurde, auf die Fahnen geschrieben. Istvan meint, dass gerade eine neue Generation von Transhumanisten entsteht. Im Oktober 2014 rief er sogar eine „Transhumanistische Partei“ ins Leben und hat angekündigt, 2016 für das Amt des US-Präsidenten zu kandidieren – mit dem Vorab-Eingeständnis, dass er auf den Wahlsieg sehr geringe Chancen hat. Aufmerksamkeit ist ihm aber in jedem Fall sicher.

Als Beleg für das Wachstum der transhumanistischen Fangemeinde verweist Istvan nicht nur auf den Erfolg seines Buches, sondern auch auf das Entstehen zahlreicher einschlägiger Blogs und Online-Communities. So hat sich die Größe der Facebook-Gruppe Singularity Network innerhalb von nur drei Jahren vervielfacht. Derzeit beläuft sich die Mitgliederzahl auf rund 18.000 – und diese Gruppe ist nur eine von vielen zum Thema im Netz. Mittlerweile besitzt die Bewegung sogar erste Celebrities wie die 29-jährige Maria Konovalenko, russische Biophysikerin und Vizepräsident der Science for Life Extension Foundation. Diese verbreitet bei dem Ziel, transhumanistische Ideen bekannter zu machen, mitunter sogar Ganzkörperporträts, nur mit Slip und BH bekleidet.

Was Konovalenko mit vielen der anderen Transhumanismus-Fans gemeinsam hat: sie sind vergleichsweise jung und haben die unterschiedlichsten kulturellen, ethnischen und weltanschaulichen Hintergründe. Die wachsende Schar der Anhänger scheint so lebendig zu sein, dass sogar schon Kritik innerhalb der eigenen Reihen laut wurde. So prangerte Zoltan Istvan in der Huffington Post an, dass „ein Haufen alter, meist männlicher Akademiker, die die Bewegung während der letzten Jahrzehnte wenig vorangebracht haben“, sich gegen die jüngeren Transhumanisten wenden. Diese „Old-School-Futuristen“, so Istvan, würden aktivistische und radikale Philosophien ablehnen und versuchen, jüngere Stimmen mundtot zu machen.

Das Online-Analysewerkzeug Google Trends stützt die Beobachtungen zur neuen Popularität, denn Seiten zum Begriff „Transhumanism“ wurden in den letzten Jahren signifikant häufiger gesucht. Und der Politikwissenschaftler und Soziologe Roland Benedikter warnte vor wenigen Wochen im deutschen Online-Magazin Telepolis vor dem wachsenden Einfluss der Bewegung. „Weil der Humanismus zu schwach ist und teilweise veralteten Ideen anhängt, kann der Transhumanismus gedeihen“, so Benedikter.

Bei einem Blick in die Online-Foren und -Netzwerke zeigt sich jedenfalls, dass es viele positive technologische Innovationen sind, die die Transhumanismus-Fans begeistern. So etwa die Entwicklung von Neuro-Implantaten, die als Muskelschrittmacher Menschen beim Gehen helfen. Oder der Fall des 2001 aufgrund einer Rötelnerkrankung vollständig ertaubten Technologietheoretikers Michael Chorost, der mit Hilfe eines Implantates die Hörfähigkeit zurückgewann. Inspiriert davon verfasste Chorost mehrere Bücher mit transhumanistischen Plädoyers, unter anderem das mit dem US-amerikanischen PEN Book Award ausgezeichnete Buch Rebuilt: How Becoming Part Computer Made Me More Human – „Wiedererbaut: Wie es mich menschlicher machte, teilweise ein Computer zu sein“.