Direkt zum Inhalt

Gemeinsamkeiten im Denken der Feinde einer offenen Gesellschaft

DruckversionEinem Freund senden
Strukturmerkmale extremistischer Ideologien
Sonntag, 1. März 2015

1. Einleitung und Fragestellung

Unter der Sammelbezeichnung „Extremismus“ werden Anhänger ganz unterschiedlicher politischer Bestrebungen subsummiert: Anarchisten und Kommunisten, Nationalisten und Rassisten, Islamisten und Scientologen. Zwar teilt man sie noch einmal differenziert in die Kategorien „linker“, „rechter“ und „religiöser Extremismus“ ein. Gleichwohl weisen die Erwähnten hinsichtlich des ideologischen Selbstverständnisses erhebliche Unterschiede auf. Worin bestehen dann aber die Gemeinsamkeiten, die eine solche Sammelbezeichnung sinnvoll erscheinen lassen? Zum einen richten sich diese Bestrebungen gegen die Minimalbedingungen eines demokratischen Verfassungsstaates, beabsichtigen sie doch dessen Überwindung zugunsten eines autoritären Staates oder einer staatenlosen Gesellschaft. In diesem Sinne lässt sich für „Extremismus“ von einem Abgrenzungsbegriff, also einer Negativ-Definition sprechen. Gemeint ist die Frontstellung gegen die Grundlagen von Demokratie und Rechtsstaat.

Dabei weisen die Ideologien der verschiedenen Varianten des Extremismus neben inhaltlichen Unterschieden formale Gemeinsamkeiten auf. Zum anderen macht demnach die Sammelbezeichnung „Extremismus“ aufgrund dieser identischen Strukturmerkmale Sinn, lässt sich doch so von einer Positiv-Definition sprechen. Als deren Kriterien benannte der Politologe Uwe Backes erstens offensive und defensive Absolutheitsansprüche, also die Deutung eigener Aussagen als absolut wahr, zweitens den Dogmatismus, der auf axiomatischen Setzungen bei Immunisierung vor Kritik beruhe, drittens Utopismus bzw. kategorischer Utopie-Verzicht, also die grundlegende Verwerfung des demokratischen Rechtsstaates zugunsten einer früheren oder zukünftigen Gesellschaft, viertens Freund-Feind-Stereotype, die von einem dualistischen Sicht der rigorosen Unterscheidung von Gut und Böse geprägt sei, fünftens Verschwörungstheorien, also die Deutung von Entwicklungen als Ergebnis einer konspirativen Aktivität von Negativ-Figuren.

Angeregt von diesen Ausführungen sollen hier die formalen Gemeinsamkeiten extremistischen Denkens in Gestalt von Strukturmerkmalen systematisch herausgearbeitet und exemplarisch erläutert werden. Wichtige Ansätze dazu lassen sich aus dem ideologiekritischen Analysen von Anhängern und aus dem Umfeld des Kritischen Rationalismus wie Hans Albert und Karl R. Popper oder Kurt Salamun und Ernst Topitsch entnehmen. Deren Erkenntnistheorie geht davon aus, dass nur solche Auffassungen vorläufig begründbar seien, die sich bei einer kritischen Prüfung im Rahmen eines trial and error-Verfahrens bewährten. Nach Popper bleibe uns ein sicheres Wissen versagt: Menschliches Wissen sei kritisches Raten, ein Netz von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen. Das damit verbunden Prinzip unterstellte die Fehlbarkeit der Vernunft und die Notwendigkeit der Widerlegbarkeit von Annahmen. Theorien müssten an der Erfahrung scheitern können und dürften sich nicht gegenüber Kritik immunisieren.

Diese erkenntnistheoretischen Einsichten sind nicht politisch neutral oder unparteiisch: Die Auffassung, es sei kein sicheres Wissen möglich, lehnt notwendigerweise Absolutheitsansprüche und Dogmatismus von politischen Ideologien ab. Aus der Forderung, wissenschaftliche Theorien müssten kritisier- und korrigierbar sein, ergibt sich der Anspruch auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit und auf die Veränderbarkeit politischer Entscheidungen.  Insofern wandte sich der Kritische Rationalismus auch gegen extremistische Ideologien der Vergangenheit. Die darauf teilweise bezogene folgende Aufarbeitung entsprechender Kriterien ist aber nicht nur von ideengeschichtlichem Interesse: Entgegen der Prognose des Politologen Francis Fukuayma kann nicht von einem „Ende der Geschichte“ in Gestalt des endgültigen Sieges der Demokratien als gesellschaftlichen Modellen gesprochen werden. Sie sehen sich ständig der mal stärkeren, mal weniger starken Bedrohung von Vertretern extremistischen Denkens ausgesetzt.

2. Die einzelnen Strukturmerkmale extremistischer Ideologien

Um solchen Entwicklungen entgegen wirken zu können, müssen derartige Tendenzen erst einmal erkannt werden. Dabei geht es nicht pauschal um die negative Etikettierung nonkonformer Einstellungen und Verhaltensweisen, die in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade legitim sind. Im Zentrum der folgenden Erörterung stehen lediglich die Auffassungen, deren Umsetzung zur Aufhebung eines solchen Modells von Sozialordnung führen würde. In Anlehnung an eine Formulierung von Popper gelten deren Anhänger hier als „Feinde einer offenen Gesellschaft“. Die nun beabsichtigte Präsentation eines Kriterienkataloges für solche politischen Denkstrukturen gliedert sich wie folgt: Zunächst geht es um eine abstraktere Definition des jeweiligen Merkmals, danach soll dies anhand von Bespielen aus dem Bereich des linken, rechten und religiösen Extremismus erläutert werden. Hierbei finden sich sowohl exemplarische Fälle aus der Geschichte wie aus der Gegenwart des politischen Extremismus.

2.1 Exklusiver Erkenntnisanspruch

Als erstes Kriterium extremistischer Ideologien soll hier der exklusive Erkenntnisanspruch behandelt werden. Es geht dabei um den Glauben an ein „höheres Wissen“, das nur ausgewählte Individuen besitzen könnten und das den anderen Menschen eher unzugänglich sei. Daraus lässt sich für die politische Sphäre über die Rechtfertigung eines Herrschaftsanspruchs auch eine soziale Sonderstellung legitimieren.  Im Focus steht hierbei die Inanspruchnahme eines Interpretationsmonopols, das lediglich einer bestimmten Elite oder charismatischen Führerfigur zubilligt, bestimmte Aussagen der entsprechenden Ideologie zu deuten und deren übrigen Anhängern nur den gläubigen Gehorsam zugesteht. Der Anspruch, über ein besonderes Wissen zur gesellschaftlichen Entwicklung zu verfügen, geht dabei mit dem Anspruch, auf deren Gestaltung in eben diese eine Richtung einher. Er rechtfertigt darüber hinaus die alleinige Entscheidungskompetenz der exklusiven Inhaber dieses Deutungsanspruchs.

Als ein Beispiel für diese Auffassung im linken Extremismus gelten kann das Parteimodell Lenins, das nahezu allen kommunistischen Parteien im 20. Jahrhundert eigen war. Der russische Revolutionär ging seinerzeit von folgenden Überlegungen aus: Die Arbeiter seien nicht in der Lage, eigenständig ein sozialistisches Bewusstsein zu entwickeln. Daher müsse dieses ihnen von außen, hier durch die Elite einer revolutionären Kaderpartei, näher gebracht werden. Die damit angesprochenen Berufsrevolutionäre würden durch ihre Kenntnisse des Marxismus die tatsächlichen Interessen der Arbeiter besser kennen als sie selbst. Die Führung der Bolschewiki beanspruchte damals wie später die kommunistischen Parteien, im alleinigen Besitz des Wissens über die eigentlichen Interessen und Ziele des Proletariats oder des Volkes zu sein. Bereits früh warnten seinerzeit sozialistische Kritiker Lenins, ein derartig elitäres Selbstverständnis würde nicht zu einer Diktatur des Proletariats, sondern zu einer Diktatur über das Proletariat führen.

Als exemplarisch für den exklusiven Erkenntnisanspruch im rechten Extremismus gelten kann die Auffassung der intellektuellen französischen Neuen Rechten, nur ihre politischen Auffassungen stützten sich auf eine naturwissenschaftliche Grundlage. Mit Verweisen auf die Ergebnisse der Vererbungs- und Verhaltensforschung deutete man die Biologie als Leitwissenschaft. In diesen Bereichen gewonnene Erkenntnisse sollten auch auf die Gestaltung des sozialen Lebens übertragen werden. Man geht von einem genetisch verankerten Raumzwang aus, deutet den Nationalismus als Ausdruck sozialer Territorialität oder sieht in gesellschaftlichen Hierarchien eine Vorgabe der Natur. Dabei handelt es sich jeweils um naturalistische Fehlschlüsse, wird doch aus dem angeblichen Sein in der Natur auf das angestrebte Sollen in der Gesellschaft geschlossen. Entscheidend für den hier zu erörternden Kontext ist allerdings die Annahme, nur die eigenen Politikvorstellungen basierten auf den Vorgaben der Natur.

Als Beispiel für den exklusiven Erkenntnisanspruch im religiösen Extremismus kann das Avantgarde-Verständnis des bedeutenden islamistischen Ideologen Sayyed Qutb gelten: Er beschrieb die Gesellschaften der islamischen und westlichen Welt als von Unwissenheit und Verderbnis geprägt. Ähnlich wie die Gefährten des Propheten Mohammed müssten heute wahrhaft Gläubige die Welt von diesem Zustand befreien. Auf diesem Weg voranschreiten sollte eine ausgewählte Gruppe von Muslimen, die Gottes Vorstellungen in die Tat umzusetzen hätte. Zunächst müssten deren Angehörige aber von der abgelehnten Mehrheitsgesellschaft isoliert den Islam für sich verwirklichen. In dieser Phase offenbare sich Gott den Wenigen, die danach die wahre Religion verinnerlicht hätten und fortan für die Bildung einer islamischen Gemeinschaft kämpfen würden. Auch Qutb sprach demnach von einer Elite, die zunächst allein die göttlichen Gebote annehmen und mit ihnen für eine Befreiung der ganzen Gesellschaft im islamischen Sinne eintreten würden

2.2 Dogmatischer Absolutheitsanspruch

Als zweites Merkmal extremistischen Denkens gelten kann der dogmatische Absolutheitsanspruch. Diese Einstellung manifestiert sich in Behauptungen von Aktivisten und Ideologen, bestimmte Einsichten oder Prinzipien ihrer Auffassung seien absolut wahr, allgemein gültig und nicht bezweifelbar. Sie wähnen sich im Besitz des einzig richtigen und universal anwendbaren Instruments zur Weltorientierung, ohne Abweichungen und Varianten zu dulden oder zu kennen. Spiegelbildlich dazu bildet dann auch die Kritikimmunität einen Bestandteil dieses Merkmals, das sich durch apodiktische Setzungen einer inhaltlichen Prüfung verweigert und demgemäß auch mögliche Alternativen nicht in Betracht zieht. Allgemein geht es um den Anspruch, die einzige und wahre Lehre zum Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung und Verbesserung der sozialen Gegebenheiten  gefunden zu haben. Dies schließt sowohl Überlegungen zu anderen Perspektiven als auch eine kritische Prüfung von Aussagen aus.

Exemplarisch für den linken Extremismus steht hierfür die Entwicklung des Marxismus hin zu einem geschlossenen und starren Weltanschauungsgebäude, das die programmatische Ausrichtung der orthodoxen kommunistischen Parteien und Organisationen prägte. In deren Perspektive stellte der dialektische und historische Materialismus ein alle Entwicklungen in Gesellschaft, Natur, Politik und Wirtschaft erklärende und voraussehende Ideologie dar. Daneben galten alle abweichenden oder anderen Auffassungen als Ausdruck des bürgerlichen Denkens oder politischen Verrats. Eine Besonderheit damit verbundener Auffassungen bestand darin, dass ihnen ein wissenschaftlicher Charakter zugemessen wurde. Jede kritische Betrachtung musste daher als gegen Rationalität und Wirklichkeit gerichtete Irrlehre erscheinen. Gleichzeitig duldete der Marxismus-Leninismus keine Prüfung von einzelnen Aussagen anhand der Realität, beanspruchte er doch die alleinige Wahrheit über gesellschaftliche Entwicklungen zu vertreten. 

Als Beispiel für den dogmatischen Absolutheitsanspruch im rechten Extremismus kann die Benennung ethnischer Zugehörigkeit als zentraler Gesichtspunkt politischer Identität gelten. In dieser Sichtweise stellen Nation und/oder Rasse die biologisch bedingte Leitlinie für die Gestaltung des sozialen Miteinanders dar, wobei darin der herausragende und primäre Faktor gesehen wird. Ihm sollen sich alle anderen politischen Inhalte wie etwa Gewaltenteilung und Menschenrechte, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit unterordnen. Darüber hinaus verbindet sich dieses Selbstverständnis mit einer starken Ideologisierung von sozialer Identität, die bezogen auf ethnische Aspekte als naturbedingt und unabänderlich gilt. Jede Abweichung davon sehen Rechtsextremisten als Widerspruch zu den biologischen Gegebenheiten und politischen Vorgaben an. Es handelt sich demnach um eine eindimensionale und starre Auffassung, welche alleinige Gültigkeit für die Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders beansprucht. 

Als exemplarisch für den dogmatischen Absolutheitsanspruch im religiösen Extremismus kann die Ineinssetzung der eigenen Lehre mit der allgemeinen Vernunft durch die Scientology-Organisation gelten. Deren ethische Lehre, so das Selbstverständnis, gestatte es dem Menschen allein aus einem komplexen und riesigen Labyrinth zu entkommen. Dies gelinge ihm aber nur, wenn er dem exakt markierten Weg der Scientology folge. Es handele sich um das einzige funktionierende Sys-tem, worüber der Mensch verfüge. Andere Wege führten zu nichts. Als Ausdruck der Vernunft stelle die Scientology-Ethik den Menschen die Mittel zur Verfügung, die ihnen allein ihr langfristiges Überleben ermöglichten. Da der Rest der Welt über kein brauchbares Ethik- und Rechtssystem verfüge, seien in der Vergangenheit ganze Zivilisationen zerstört worden. Kurzum, die eigene Lehre gilt der Scientology-Organisation als allein selig machendes, religiös verbrämtes Dogma, dem sich alle Individuen kurz- oder langfristig unterzuordnen haben. 

2.3 Essentialistisches Deutungsmonopol

Als drittes Merkmal extremistischer Ideologien soll hier das essentialistische Deutungsmonopol genannt werden. Diese Einstellung geht von der Annahme aus, man könne mit Hilfe der intellektuellen Intuition den verborgenen Kern bestimmter Dinge erkennen und unterscheiden. Hierbei wird der Anspruch erhoben, die wahre Natur der Phänomene entdeckt zu haben und beschreiben zu können. Es geht also um die Annahme eines eigentlichen Ideals oder Wesens hinter den Dingen, Wirkungen und Zuständen in Kunst, Gesellschaft, Natur oder Politik. Verbunden ist damit häufig eine anti-empirische Einstellung, könnten doch Ganzheiten und Totalitäten der Phänomene nicht durch Sinneserfahrung erfasst werden. Es geht also um die Behauptung, hinter den Erscheinungsformen verberge sich ein eigentlicher Kern, der eben diese Dinge letztendlich beeinflusse und präge. Aus der behaupteten Erkenntnis dieses wahren Wesens lassen sich dann auch wieder absolute Wahrheitsansprüche für die eigene Ideologie ableiten.

Als Beispiel für den linken Extremismus kann die Dogmatisierung des Basis-Überbau-Modells in der marxistischen Gesellschaftsanalyse gelten. Demnach bedingte die Entwicklung der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse die ökonomische Struktur und damit auch die ganze Entwicklung der Gesellschaft. Letztendlich konnten somit auch Entwicklungen im Bereich der Kultur, Philosophie, Politik oder Religion als Überbau-Phänomene allein auf die sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten als Basis zurückgeführt werden. Sicherlich besteht hier ein gewisser Einfluss oder Zusammenhang. Daraus entwickelten die Apologeten des orthodoxen Kommunismus allerdings die Annahme, dass hinter allen Gegebenheiten des Überbaus als einziger und wahrer Kern immer das jeweilige Klasseninteresse stehe. Hinzu kam als verschärfender Gesichtspunkt ein besonderer Anspruch: Dieses eigentliche Wesen aller Überbau-Phänomene könne man nur bei Akzeptanz der propagierten Ideologie des Marxismus-Leninismus erkennen. 

Exemplarisch für das essentialistische Deutungsmonopol im rechten Extremismus steht die Auffassung von einem wahren Willen des Volkes, den man allein erkannt habe und öffentlich thematisiere. Besonders gern benutzen Rechtsextremisten wie die NPD-Aktivisten die Selbstzuschreibung als „Stimme der schweigenden Mehrheit“. Dabei geht die Agitation davon aus, dass der sich bei Meinungsumfragen oder Wahlen artikulierende Gemeinwille nicht den eigentlichen und wesenshaften Auffassungen des Volkes entspreche. Entweder unterstellt man manipulative Befangenheit oder politische Blindheit. Gleichzeitig verbindet sich mit diesen Einschätzungen die Annahme, man selbst habe das dem Volk nicht bewusste, aber tatsächlich eigene Wollen erkannt. Es ergebe sich aus der biologischen, historischen und kulturellen Entwicklung und sei diesem in seinem eigentlichen Wesen eigen. Nur durch die „geistige Umerziehung“ könne es nicht zur Entfaltung kommen, was dann durch die eigene politische Agitation geschehen solle. 

Als Beispiel für das essentialistische Deutungsmonopol im religiösen Extremismus kann der Anspruch von Islamisten gelten, wonach sie allein den wahren Islam erkennen und propagieren. So beruft sich etwa die ägyptische Muslimbruderschaft auf den Koran und den Propheten. Aus den Darlegungen und Handlungen, so die Argumentation, könne ein umfassendes Programm zur Gestaltung des politischen Systems und der rechtlichen Ordnung entwickelt werden. Mit dieser besonderen Interpretation steht die Organisation allerdings in Konkurrenz zu zahlreichen anderen Muslimen, die den Islam in ganz anderer Art und Weise deuten. Deren Auffassungen gelten dann aber als Abweichungen und Fehlinterpretationen, beansprucht die Muslimbruderschaft doch die absolute Wahrheit über diese Religion zu vertreten. Daher läuft das angestrebte Herrschaftssystem auch auf die Diktatur eines religiösen Staates hinaus, soll sich doch letztendlich alles der behaupteten einzigen göttlichen Wahrheit unterordnen. 

2.4 Holistische Steuerungsabsichten

Als viertes Merkmal extremistischen Denkens gelten können die holistischen Steuerungsabsichten, deren Ansatz in engem Zusammenhang mit dem vorgenannten essentialistischen Deutungsmonopol steht. Dabei geht es zum einen um den Anspruch, ganzheitliche Aussagen über die Beschaffenheit und Entwicklung von Gesellschaften formulieren zu können. Und zum anderen folgt aus dieser Annahme für die politische Sphäre die Absicht, eine Gesellschaft ganzheitlich unter Kontrolle zu bringen und sie in die entsprechende Richtung steuern zu wollen. Die enge Verbindung zu dem zuvor erwähnten Essentialismus besteht im Folgenden: Aus dem Anspruch auf Einsicht in die eigentlichen und wahren Gegebenheiten ergibt sich die Erfassung des Gesamtkontextes von Ganzheit und Totalität. Entscheidend für den hier zu erörternden Zusammenhang ist aber, dass aus dem erkenntnistheoretischen Postulat auf ganzheitliche Aussagen auch die politische Absicht auf eine totale Steuerung der Gesellschaft abgeleitet wird.

Als exemplarisch für den linken Extremismus kann hier der Anspruch kommunistischer Parteien gelten, wonach sie eine Gesellschaftsordnung mit allseitiger Kontrolle durch den sozialistischen Staat anstreben. Dabei soll die politische Führung in Gestalt der Partei und Regierung aufgrund der durch die Lehre des Marxismus-Leninismus gewonnenen Erkenntnisse die soziale Entwicklung in Gänze steuern. Dieses beabsichtigte Vorgehen erfolge, so das Selbstverständnis, im Namen des Proletariats oder Volkes und durchdringe alle gesellschaftlichen Bereiche. Anhand der Politik der Staaten des „real existierenden Sozialismus“ wie der DDR sei hier exemplarisch auf die Steuerung der ökonomischen Entwicklung durch staatliche Planwirtschaft und auf die Vorgaben zur künstlerischen Entwicklung im Sinne des „sozialistischen Realismus“ verwiesen. In all diesen Fällen leitete man aus der behaupteten Erkenntnis der allgemeinen Entwicklungsprozesse auch den Anspruch auf allgemeine Vorgaben ohne Alternativen ab.

Als Beispiel für die holistischen Steuerungsabsichten im rechten Extremismus kann die Forderung nach einer ganzheitlichen Rückführung von Ausländern gelten. Sie geht aus von der bereits mehrfach erwähnten Annahme, wonach die ethnische Zugehörigkeit den höchsten Stellenwert in der Gesellschaft haben soll und aus dem Zusammenleben von Angehörigen unterschiedlicher Kulturen notwendigerweise ein Niedergangsprozess erfolge. Die ideologische Grundlage dieser Argumentation besteht in der Fixierung auf einen ethnisch und politisch homogenen National- oder Rassestaat. Damit verbundene Auffassungen sollen die Gesellschaft ganzheitlich prägen, was notwendigerweise auch umfassende Maßnahmen zur Umsetzung derartiger Ziele nötig machen würde. In diesem Kontext anzusiedeln ist auch die beabsichtigte Durchführung einer grundsätzlichen Rückführung von Ausländern. Sie würde zu einer umfassenden Verschiebung von großen Teilen der Bevölkerung in andere Länder führen.

Als exemplarisch für die holistischen Steuerungsabsichten im religiösen Extremismus können die Auffassungen vom Gottesstaat im Islamismus gelten, wie sie etwa von einem so bedeutenden Ideologen wie Sayyid Abul A’la Maududi propagiert wurden. Zunächst ging er für die anzustrebende Gesellschaftsordnung davon aus, dass diese ganzheitlich von den Wertvorstellungen des Islam durchdrungen sein sollte. Religion galt ihm demnach nicht als Ausdruck individueller Einstellungen, sondern als Gebot für die politische Struktur. Diese Auffassung bedingt auch die Islamisierung der Gesellschaft, also die zwingende Orientieung des sozialen Miteinanders an den angeblichen Vorgaben der Religion. Über die alleinige Souveränität in dem angestrebten Staat sollte Gott und nicht mehr die Menschen verfügen. Einigen von ihnen käme nur eine Art Statthalterfunktion zu. Sie sollten aufgrund der ihnen zugewiesenen Macht die Gesellschaft ganzheitlich im islamischen Sinne gestalten und steuern. 

2.5 Deterministisches Geschichtsbild

Als fünftes Merkmal extremistischer Ideologien soll hier das deterministische Geschichtsbild genannt werden. Dabei geht es um die auch als Historizismus bezeichnete Auffassung, wonach der geschichtlichen Entwicklung unabdingbar ein Sinn und Ziel eigen sei. Die Anhänger dieses Denkens behaupten, dass man solche Vorgaben erkennen und zukünftige Entwicklungen voraussagen könne. Gleichzeitig wäre es möglich, politische Handlungen auf eine zweifelsfreie Grundlage zu stellen. Mitunter münden solche Auffassungen auch in manichäischen Heilsideen, die als Ergebnis eines lange Zeit währenden Kampfes zwischen den Kräften des Guten und Bösen die Erlösung von allem Übel erwarten. Im Zentrum eines deterministischen Geschichtsbildes steht demnach, dass die historische Entwicklung zwingend in Richtung eines feststehenden Zieles steuert. Diese Annahme schließt im Namen von Freiheit und Verantwortlichkeit eingeforderte alternative Perspektiven für die Zukunft notwendigerweise aus.

Als Beispiel für den linken Extremismus kann hier die Dogmatisierung und Schematisierung des Marxschen historischen Materialismus gelten: Demnach werde die geschichtliche Dynamik durch die Entwicklung der Produktionsverhältnisse und den Konflikt sozialer Klassen vorangetrieben und müsse zwingend zu einer sozialen Revolution und klassenlosen Gesellschaft führen. In dieser Perspektive gilt das Proletariat bzw. deren Partei als von der Geschichte ausersehenes Instrument, um das hiermit verbundene politische Ziel letztendlich zu erreichen. Insofern handelte es sich um ein dreistufiges Modell: Zunächst konstatiert man die Verwerflichkeit der Klassengesellschaft, betont den ständigen Kampf von Ausbeutern und Ausgebeuteten bzw. Kapital und Proletariat und sieht in der sozialistischen Revolution den Beginn einer angestrebten besseren Gesellschaftsordnung. Aus der Kenntnis der damit verbundenen angeblichen Gesetze der Geschichte lässt sich auch das Wissen um den einzig richtigen Weg zu dieses Ziel ableiten. 

Exemplarisch für den rechten Extremismus steht hinsichtlich des deterministischen Geschichtsbildes die Auffassung vom ständigen Kampf der Rassen und Völker. Diese insbesondere von Nationalsozialisten und Völkischen bzw. ganz allgemein von Rassisten und Sozialdarwinisten vertretene Ideologie geht von einem Naturgesetz aus, wonach es die biologische Überlegenheit einer bestimmten ethnischen Gruppe gebe. Deren Kampf um die Herrschaft gegenüber weniger wertvollen Rassen und Völkern bestimme letztendlich den Lauf der Geschichte. Durch die falsche Ideologie der menschlichen Fundamentalgleichheit oder konspiratives Wirken bestimmter Gruppierungen sei die Gültigkeit dieses Grundsatzes verletzt und eine verderbliche Vermischung eingeleitet worden. Gegenüber diesen Tendenzen müsse ein Endkampf zur Wiederherstellung der ethnischen Reinheit durchgeführt werden. Auch in diesem behaupteten Gesetz der Natur findet sich demnach das erwähnte dreistufige Modell. 

Als Beispiel für den religiösen Extremismus kann hier auf die Auffassungen des bereits erwähnten islamistischen Ideologen Qutb verwiesen werden: Er konstatierte einen moralischen, politischen und wirtschaftlichen Verfall der islamischen Gesellschaften, welcher auf die Abkehr von einer von Gott gewollten Ordnung zurückgeführt wird. Die damit verbundene Phase der Dekadenz und Unwissenheit solle durch einen fortwährenden Kampf zwischen den Kräften des Guten und Bösen überwunden werden. Der dafür als Mittel dienende Heilige Krieg führe auf den Weg des Heils, das durch die Weltherrschaft des Islam mit der Einsetzung von Gottes Gesetzen und der Erlösung von menschlicher Herrschaft verbunden sei. Auch hier lässt sich demnach das gleiche Muster ausmachen: Am Beginn steht eine Krisen- und Verfallssituation, darin kommt es zu einem Kampf zwischen positiven und negativen Mächten, und dieser führt letztendlich zum Sieg der Erstgenannten. Die drei Stufen stellten ein unabdingbares his-torisches Gesetz dar.

2.6 Identitäre Gesellschaftskonzeption

Als sechstes Merkmal extremistischen Denkens gelten kann eine identitäre Gesellschaftskonzeption, welche auf politische Homogenität und sozialen Kollektivismus hinausläuft. Im letztgenannten Sinne soll die Bedeutung der Gruppe, des Kollektivs oder des Staates eindimensional gegenüber dem Stellenwert des einzelnen Menschen hervorgehoben und dessen konformistische Unterordnung eingefordert werden. In dieser Sichtweise wird der Einzelne nicht als eigenständiges und souveränes Individuum angesehen, erhält er doch seinen Wert und seine Würde nur durch die Zugehörigkeit zur Gesamtgruppe des Kollektivs.  Darüber hinaus besteht in diesem Denken eine Fixierung auf Einheit und Geschlossenheit, die in abweichenden Auffassungen oder konkurrierenden Interessen eine Gefahr für den Erhalt der Homogenität sieht.45 Derartige Positionen richten sich gegen den Pluralismus als Bestandteil einer offenen Gesellschaft und plädieren für die politische Einheit von Regierenden und Regierten.

Als exemplarisch für den linken Extremismus kann hier die bereits bei Marx angelegte Auffassung gelten, wonach soziale Gleichheit auch zu politischer Homogenität führe. Die ökonomiezentrierte Perspektive sieht über das Basis-Überbau-Modell in der verbindlichen Gestaltung des sozialen Miteinanders letztendlich den Ausdruck wirtschaftlicher Interessen. Demnach würden sich politische Konflikte nur durch soziale Unterschiede ergeben. Da in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung aber alle wirtschaftlich gleich sein sollen, könnten demnach keine bedeutenderen politischen Differenzen aufkommen. Diese Auffassung strebt demnach eine einheitlich ausgerichtete Gesellschaft an. Ob sich Marx diese in einem diktatorischen Sinne vorgestellt hat, wird kontrovers diskutiert und interpretiert. Gleichwohl nutzten die Regierenden in den Ländern des „real existierenden Sozialismus“ derartige Auffassungen, um durch den Hinweis auf die behauptete politische und soziale Einheit des Volkes ihre eigene Macht zu legitimieren.

Als Beispiel für eine identitäre Gesellschaftskonzeption im rechten Extremismus kann die Einforderung einer Gemeinschaftsordnung auf Basis ethnischer und politischer Homogenität gelten. Hierbei neigen die ideengeschichtlich kenntnisreicheren Akteure dieses politischen Lagers dazu, das identitäre gegen das pluralistische Demokratiemodell auszuspielen. So diffamierte etwa der Vertreter der französischen Neuen Rechten Guillaume Faye die westlichen Demokratien als Oligokratien, also als Herrschaft von Minderheiten. Ihnen stellte er die Forderung nach einer organischen Demokratie mit dem Grundsatz der völkischen Homogenität und der aristokratischen Führerauslese entgegen. Eine von unterschiedlichen Ethnien und Konfessionen geprägte Gesellschaft könne unmöglich demokratisch sein. Derartige Auffassungen münden konsequenterweise in dem Plädoyer für einen autoritären Staat, der auf der Grundlage einer unbedingten Einheit von Regierenden und zu Regierenden bestehen müsse.

Exemplarisch lässt sich die identitäre Gesellschaftskonzeption im religiösen Extremismus anhand der von der Scientology-Organisation angestrebten Sozialordnung ausmachen. Nach deren Gründer L. Ron Hubbard würde eine ideale Gesellschaft in einer von anderen Ideen gereinigten Kultur bestehen. Bezeichnenderweise verwendet man hierfür die Bezeichnung „clear“. Es genüge dabei nicht, dass der Einzelne von falschen Vorstellungen befreit würde, müsse dieser doch in einer Kultur mit vielen unvernünftigen Sitten und Vorurteilen leben. Der Mensch, so Hubbard weiter, könne aber nur in einer Gesellschaft, aus der alle Unvernunft entfernt werde, für seine Handlungen wirklich selbst verantwortlich sein. Auch gebe es erst eine wirkliche Demokratie, wenn jeder einzelne Mensch von nicht-scientologischen Impulsen befreit sei. Die eingeforderte gesamtgesellschaftliche Entfernung von allem aus ihrer Sicht Unvernünftigen führt zwingend zur antipluralistisch motivierten Ablehnung aller Andersdenkenden und -handelnden.

2.7 Dualistischer Rigorismus

Als siebtes Kriterium extremistischer Ideologien soll hier der dualistische Rigorismus genannt werden. Dabei handelt es sich um eine Einstellung, deren herausragende Eigenschaft in den vorhandenen Polarisierungskategorien besteht. Gemeint sind damit ähnlich wie bei den manichäischen Heilslehren Gegensatzpaare wie Gut-Böse, Freund-Feind, Schatten-Licht, Schwarz-Weiß: Sie werten einerseits die eigenen Auffassungen als allein richtig und verteidigenswert auf und diffamieren andererseits andersdenkende Positionen als falsch und verwerflich. Derartige Einstellungen münden häufig in dichotomische Deutungsraster und dämonisierte Feindbilder, welche im Abgelehnten die Inkarnation des Bösen sehen und mitunter zu verschwörungsideologischen Zerrbildern neigen.  Hier geht es also nicht nur um die in der politischen Sphäre häufig auszumachende Unterscheidung von Feinden und Freunden, sondern um deren emotionalisierte und verschärfte Zuspitzung zu Zerrbildern sozialer Realität.

Als Beispiel für den linken Extremismus kann hier die anarchistische Position gegenüber dem Staat gelten. Die damit angesprochene Variante derartiger politischer Bestrebungen lehnt solche Institutionen grundsätzlich ab und zwar unabhängig von der jeweiligen Form des Systems. Sie gelten per se als freiheitsfeindlich und unterdrückerisch. Insofern standen und stehen Anarchisten nicht nur diktatorischen, sondern auch demokratischen Staaten feindlich gegenüber. Auch deren wirtschaftliche Basis in Gestalt einer marktwirtschaftlichen oder sozialistischen Ausrichtung spielt für diese ablehnende Einstellung keine Rolle. Im Staat wird an sich das Negative gesehen, alle Lösungen gesellschaftlicher Probleme erwartet man von dessen Abschaffung. Insofern kennt der anarchis-tische Diskurs nur den Dualismus von Freiheit und Staat, formal ähnlich wie der kommunistische Diskurs nur den Dualismus von Kapitalismus und Sozialismus kennt. Differenzierung und Kompromissbildung sind von daher ausgeschlossen. 

Exemplarisch für den dualistischen Rigorismus im rechten Extremismus sei hier auf Betonung der Freund-Feind-Unterscheidung verwiesen, wie sie der sich im Umfeld der NPD bewegende Buchautor Jürgen Schwab einforderte. Mit ideengeschichtlichen Rekursen auf den Staatsrechtler Carl Schmitt, der diese Differenzierung als Merkmal des Politischen ansah, forderte er dazu auf, eine Feindanalyse als Grundvoraussetzung des Handelns vorzunehmen. Das grundsätzlich abzulehnende Übel sah Schwab in diesem Kontext in allen Erscheinungsformen des Internationalismus, sei es der christliche Universalismus, der liberale Kapitalismus oder der marxistische Sozialismus. Sie alle suggerierten die Möglichkeit eines friedvollen Zusammenlebens von Deutschen und Ausländern in einer multikulturellen Gesellschaft. Derartige Auffassungen und Handlungsweisen gelte es nach einer klaren Feindbestimmung rigoros zu bekämpfen. Entsprechend dreht sich Schwabs Politikverständnis um den Gegensatz national-international. 

Als Beispiel für den dualistischen Rigorismus im religiösen Extremismus kann erneut der bedeutende islamistische Ideologe Qutb dienen. Dessen Erklärungen und Schriften sind durch ausgeprägt dichotomische Einteilungen und demnach ein dualistisches Weltbild gekennzeichnet. Hierbei geht es um den Gegensatz von gläubig und ungläubig, islamisch und unwissend, religiöser und säkularer Gesellschaft sowie göttlicher und menschlicher Herrschaft. Darüber hinaus postulierte Qutb Antagonismen zwischen muslimischen Opfern und jüdischen Verschwörern, islamischer und westlicher Welt sowie dem Gebiet des Islam und dem Gebiet des Krieges. Hierbei gilt es zwei Gesichtspunkte zu beachten: Zunächst beanspruchte Qutb eine allein gültige Deutung des Islam vorzunehmen, welche sich auch gegen als falsch geltende andere Auffassungen richtet. Darüber hinaus gibt es in seiner Sicht keinen Ansatzpunkt zur Auflösung der damit verbundenen Konflikte durch Annäherung, Kompromisse oder Vereinbarungen.

2.8 Fundamentale Verwerfung

Und schließlich kann als achtes Merkmal extremistischen Denkens die fundamentale Verwerfung gelten. Diese auch Alternativ-Radikalismus genannte Einstellung bezieht sich auf die rigorose Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates und damit auf das eigentliche Kernmerkmal des politischen Extremismus. Deren Anhänger sehen in einer bestehenden politischen oder sozialen Ordnung etwas fundamental Schlechtes, das durch eine grundlegende Umwälzung zugunsten eines anderen idealisierten Gesellschaftsmodells überwunden werden müsste. Derartige Auffassungen können sich in zwei Varianten artikulieren: Der Traditionalismus strebt die Renaissance eines angeblich oder tatsächlich früher bestehenden politischen Systems an, der Utopismus beabsichtigt die Errichtung einer idealen und konfliktfreien Zukunftsordnung neuer Art. Nicht die Orientierung an Tradition und Utopie, sondern die antidemokratische Option stellt hier den entscheidenden Gesichtspunkt dar.

Exemplarisch für den linken Extremismus steht hier die Forderung nach einer grundlegenden Überwindung des Kapitalismus, wie sie sich bereits bei Karl Marx und nach ihm bei seinen politischen Nachfolgern findet. Alle sozialen Probleme gelten als durch dieses Sozial- und Wirtschaftssystem bedingt. Demgegenüber gehen die meisten Kommunisten davon aus, dass sich alle Misstände und Unzulänglichkeiten in einer nicht-kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaftsordnung nahezu automatisch auflösten. Gleichzeitig verbindet sich vor dem Hintergrund des vertretenen Basis-Überbau-Modells mit solchen Forderungen eine Konsequenz: die Abschaffung des mit dem Kapitalismus angeblich direkt verbundenen bürgerlichen Systems des demokratischen Verfassungsstaates. Die politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten werden in dieser Perspektive aus der Sicht einer anzustrebenden Idealgesellschaft gesehen und angesichts ihrer durchaus bestehenden realen Probleme und Widersprüche rigoros abgelehnt. 

Als Beispiel für die rigorose Verwerfung im rechten Extremismus kann die intellektuelle Neue Rechte gelten. Sie knüpft an das Gedankengut der Konservativen Revolution der Weimarer Republik an, womit sich einerseits die Überwindung des bestehenden demokratischen Verfassungsstaates und andererseits die Einsetzung von angeblich erhaltenswerten politischen Prinzipien verband. Ähnlich argumentiert die geistige Strömung der Gegenwart: Die Bundesrepublik Deutschland erscheint ihr als Ergebnis eines Sonderweges der deutschen Geschichte, der von verwerflichen liberalen Auffassungen geprägt sei und nicht den eigentlichen nationalen Traditionen entspreche. Akzeptiert würden die damit verbundenen Werte ohnehin nur aufgrund einer Art „Gehirnwäsche“ durch die „Umerziehung“ Die damit verbundene Agitation gegen Individualismus und Pluralismus zielt daher auch auf die grundlegende Überwindung des bestehenden politischen Systems, was aus taktischen Gründen allerdings nicht immer deutlich gesagt wird. 

Exemplarisch für die rigorose Verwerfung im religiösen Extremismus steht die von Islamisten eingeforderte Rückkehr zur Gesellschaftskonzeption des frühen Islam, also der Zeit des Propheten Mohammed und der vier rechtgeleiteten Kalifen. Eine derartige Auffassung propagierte etwa der bereits erwähnte Ideologe Maududi. Ihr ging die grundlegende Ablehnung der seinerzeit bestehenden nationalstaatlichen Systeme in der islamischen Welt voraus, habe man sich in ihnen doch vom wahren Glauben abgewandt und sei in den Zustand der Unwissenheit verfallen. Die damit verbundene zumindest teilweise Säkularisierung sollte durch einen grundlegenden Wandel hin zu den Vorstellungen eines Gottesstaates aufgehoben werden. Als Vorbild für dessen Gestaltung sah Maududi die erwähnten historischen Sys-teme an. Hierbei handelt es sich demgemäß um eine traditionalistische Variante der rigorosen Verwerfung des Bestehenden, also zugunsten einer angeblich schon einmal existierenden Gesellschaftsordnung. 

3. Exkurse zu analytischen Aspekten und potentieller Kritik

Die vorstehenden Ausführungen definierten die einzelnen Strukturmerkmale extremistischer Ideologien zunächst abstrakt und dann exemplarisch. So nachvollziehbar diese Erläuterungen sein mögen, so ergeben sich daraus doch weitere Problemstellungen: Erstens kann man nicht in allen Ausdrucksformen des Extremismus die genannten Kriterien in dieser Deutlichkeit ausmachen. Wie angemessen ist dann aber ihre Benennung als typische Merkmale? Ein weiterer Gesichtspunkt bezieht sich zweitens auf die Tatsache, dass ähnliche Muster ebenfalls im Diskurs von manchen Demokraten zu finden sind. Mangelt es daher den vorgestellten Strukturmerkmalen an der nötigen Trennschärfe? Und schließlich fällt drittens auf, dass auch viele Religionen in ihrem Selbstverständnis über derartige Eigenschaften verfügen. Auch hier stellt sich die Frage nach der Angemessenheit der obigen Ausführungen. Die folgenden Erläuterungen verstehen sich daher teilweise als inhaltliche Ergänzung, teilweise als Reaktion auf potentielle Kritik.

Der erste Gesichtspunkt hängt mit dem Bedeutungsgrad von Ideologie und dem Intensitätsgrad des Extremismus zusammen: Letzterer bezieht sich auf die Offenheit bei der Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates, womit eine harte und weiche Form unterschieden werden kann. In einer krisenanfälligen Demokratie wie der Weimarer Republik äußerten sich Extremisten weitaus deutlicher in diesem Sinne als in einer gefestigten Demokratie wie in der Bundesrepublik Deutschland. Daher artikulierte der parteipolitische Extremismus seit Beginn der 1950er Jahre seine antidemokratischen Positionen tendenziell gemäßigter. Eine damit verbundene taktische Rücksichtnahme erklärt auch, warum die erwähnten Strukturmerkmale nicht bei allen Formen des Extremismus in solcher Deutlichkeit erkennbar sind. Darüber hinaus nahm in diesem Kontext der Stellenwert einer geschlossenen Ideologie tendenziell ab, was den Rückgang an klaren Artikulationen derartiger Strukturmerkmale mitbedingte.

Bei der Erörterung des zweiten Gesichtspunktes gilt es zunächst zu bedenken, dass die Differenzierung von demokratisch und extremistisch eine idealtypische Unterscheidung darstellt. In der Realität können durchaus Grauzonen oder Übergangsbereiche zwischen beiden Bereichen entstehen. Weitaus bedeutsamer ist in diesem Zusammenhang allerdings das mitunter bedenkliche Verhalten von Demokraten in Konfliktsituationen und Wahlkämpfen, wobei auch Absolutheitsansprüche und Dualismus auszumachen sind. Hierbei handelt es sich um einen tendenziellen Verfall demokratischer Tugenden. Gleichwohl besteht ein qualitativer Unterschied zu den extremistischen Auffassungen. Der Intensitätsgrad von Polarisierung und Rechthaberei ist weitaus niedriger und schließt auch nicht Duldung und Kompromiss aus. Darüber hinaus bleiben die Minimalbedingungen des demokratischen Verfassungsstaates gewahrt, was sich auch in der Gewährung von Grundrechten an nicht-gewalttätige Extremisten artikuliert.

Und schließlich wäre darauf zu verweisen, dass sich viele der erwähnten Strukturmerkmale auch im Selbstverständnis der großen Weltreligionen finden: Hier erhebt man den Anspruch auf den alleinigen Weg zum Heil, spricht von einem notwendigen Weg von der Sünde über das Leiden zur Erlösung, beschwört die homogene Gemeinschaft der Gläubigen und verdammt Abweichler und Ungläubige. Diese formalen Merkmale lieferten auch die Legitimationsgrundlage dafür, dass die Geschichte von Christentum und Islam entgegen des Selbstverständnisses als Religionen des Friedens oder der Liebe mit Fanatismus, Intoleranz und Unterdrückung verbunden war. Erst die mit der Säkularisierung einhergehende Einschränkung des Bedeutungsgehaltes dieser Glaubensformen auf den engeren religiösen Bereich ermöglicht eine gesellschaftliche Koexistenz von Demokratie und Religion im skizzierten Sinne. Demgegenüber will der religiöse Extremismus seine Auffassungen zur alleinigen Norm für das ganze soziale Leben machen.

4. Schlusswort und Zusammenfassung

Einige der erwähnten Strukturmerkmale können somit auch in anderen Zusammenhängen auftauchen, müssen dabei aber kein Ausdruck des politischen Extremismus sein. So argumentiert etwa der Naturrecht-Diskurs essentialistisch, will aber nicht grundsätzlich den demokratischen Verfassungsstaat delegitimieren. Auch die auf eine Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Politik der Terrorismusbekämpfung reduzierte Sichtweise zeugt von einem eindimensionalen Dualismus, worin jedoch keine extremistische Zielsetzung zu sehen ist. Alle derartigen Auffassungen müssen sich inhaltliche Kritik hinsichtlich ihrer Angemessenheit gefallen lassen; sie stehen bezogen auf die Extremismusthematik aber in einem ganz anderen Kontext. Entscheidend bei der Verwendung des referierten Kriterienkataloges bleibt, ob die jeweils angesprochenen politischen Bestrebungen mit diesen Strukturmerkmalen die Ablehnung von Institutionen und Wertvorstellungen des demokratischen Verfassungsstaates beabsichtigen.

In welchem Verhältnis stehen nun diese Merkmale zu den Auffassungen der bisherigen Forschung? Wie bereits erwähnt hatte Backes einen ähnlichen Kriterienkatalog entwickelt, wobei er folgende Strukturmerkmale nannte: offensive und defensive Absolutheitsansprüche, Dogmatismus, Utopismus und kategorischer Utopie-Verzicht, Freund-Feind-Stereotype, Verschwörungstheorien, Fanatismus und Aktivismus. Die vorstehenden Ausführungen stimmen sowohl in dem allgemeinen theoretischen Ansatz wie in vielen Aspekten bei den einzelnen Merkmalen mit Backes überein. Es handelt sich demnach nicht um eine Alternative, sondern eine Erweiterung. Hinsichtlich der Merkmale gilt die Übereinstimmung für die „Absolutheitsansprüche“ und den „Dogmatismus“, die als „dogmatische Absolutheitsansprüche“ bezeichnet wurden, und für den „Utopismus und kategorischen Utopie-Verzicht“, die mit einer etwas anderen inhaltlichen Schwerpunktsetzung als „fundamentale Verwerfung“ Erwähnung fanden.

Auch die „Freund-Feind-Stereotype“ bilden einen Bestandteil des erwähnten Merkmals „dualistischer Rigorismus“, das aber das Gemeinte als allgemeineres Kriterium erfasst. Es geht hier nicht nur um die besondere Unterscheidung von Freund und Feind, sondern ganz allgemein um ein Denken in den Kategorien Schwarz und Weiß mit der bedingungslosen Zugehörigkeit zu der einen Seite und der entschiedenen Verdammung der anderen Seite. Hierbei artikuliert sich nicht nur ein eindimensionales Bild sozialer Realität, sondern auch ein demokratietheoretisch bedenklicher Aspekt: Dieser Dualismus schließt Dialog und Kompromissbildung notwendigerweise aus. Ein weiterer Unterschied bezieht sich auf das Kriterium „Verschwörungstheorien“, die zwar in der Tat nahezu allen Formen des Extremismus eigen sind, aber auch im nicht-extremistischen Bereich als monokausales und stereotypes Erklärungsmodell sozialer Realität Verbreitung als interessantes Gedankenspiel fanden und finden.

Abschließend noch einmal eine Zusammenfassung der obigen Ausführungen: Der linke, rechte und religiöse Extremismus weisen hinsichtlich des ideologischen Selbstverständnisses erhebliche Unterschiede auf. Gleichwohl lassen sie sich unter einer gemeinsamen Sammelbezeichnung fassen, welche zum einen durch die Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat und zum anderen durch gemeinsame Strukturmerkmale ihrer Ideologien begründet werden kann. Zu letzteren gehören exklusiver Erkenntnisanspruch und dogmatischer Absolutheitsanspruch, essentialistisches Deutungsmonopol und holistische Steuerungsabsichten, deterministisches Geschichtsbild und identitäre Gesellschaftskonzeption, dualistischer Rigorismus und fundamentale Verwerfung. Angesichts eines auch das extremistische Lager treffenden Bedeutungsverlustes geschlossener Ideologien und der taktisch notwendigen Rücksichtnahmen in einer stabilen Demokratie artikulieren sie sich nicht immer in aller Deutlichkeit, prägen aber zumindest latent das ideologische Selbstverständnis.

Bei diesem Beitrag „Gemeinsamkeiten im Denken der Feinde einer offenen Gesellschaft“ handelt es sich um einen Nachdruck aus folgendem Band: Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2009/2010, Brühl 2010, S. 9-32. Mit den in diesem Beitrag aus technischen Gründen nicht aufgeführten ausführlichen Nachweisen ist er außerdem erschienen in der Zeitschrift Aufklärung & Kritik 4/2010, zu beziehen über die Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg.