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Weltliche Seelsorge und humanistische Beratung

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Vergesst das Gehirn und denkt die Seele! Menschen sorgen sich um dieses oder jenes, dabei brauchen sie nicht nur Wissenschaft und Analyse. Humanistische Beratung steht in der Tradition einer weltlichen Seelsorge und sollte sich an dieser orientieren, wenn sie ein eigenständiges Angebot sein möchte und nachgefragt werden will.
Montag, 1. Dezember 2014

Der Begriff Seelsorge ist heute christlich-religiös besetzt und ruft bei Humanisten und Humanistinnen oftmals Irritation bis Abneigung hervor. Doch er ist kein biblischer Begriff und keine Errungenschaft eines „christlichen Abendlandes“, sondern entstammt der griechischen Antike. Sokrates betreibt Seelsorge - psyches therapeia - auf dem Marktplatz, indem er die Bürger in Gespräche über das gute Leben, Glück, Sinn und Gerechtigkeit verstrickt. Er ruft sie auf, „für ihre eigene Seele zu sorgen“.

Platon nennt Sokrates einen „Fachmann für Seelsorge“ und will sie zur Bürgerpflicht machen. Platons „Harmonie der Seele“ steht der bloßen Sorge um Geld, Ruhm und Ehre gegenüber. Die antike Sorge um die Seele zielt auf die Ausbildung eines tugendhaften Verhaltens. Diese Psyche ist nicht die moderne Psyche, nicht einfach Innerlichkeit, sie steht sowohl in sozialen und politischen als auch in kosmologischen Kontexten. Antike Seelsorge ist immer auch Sorge um menschliche Lebensbedingungen, Moral, Gemeinschaft.

Ihr Gegenstand war praktische Lebensweisheit; nicht aber im Sinne von unhinterfragter Traditionsvermittlung, sondern in einem philosophischen Sinne, fragend, forschend und begründend. Sie zielte auf eine Beherrschung sinnlicher Begierden sowie die Unabhängigkeit von den Wechselfällen der Natur und den Unzuverlässigkeiten der Menschen. Dabei war der genaue Umgang mit den Affekten durchaus strittig: Die Plädoyers reichen von Affektlosigkeit über Mäßigung und rituell-periodischem Ausleben bis hin zu einer gewissen Wertschätzung sinnlicher Genüsse z.B. bei Epikur. Insbesondere bei letzterem und in der Stoa finden wir den Gedanken eines Seelenfriedens durch Vereinfachung des Lebens und die Ausschaltung von Furcht und Sorge. Der Philosoph ist hier eine Art Mediziner, der sich um die irdischen Leiden der Seele kümmert wie der Arzt um die körperlichen Leiden. Trotz des antiken Glaubens an die Unsterblichkeit der Seele spielten Fragen nach einem jenseitigen Seelenheil hier nur eine untergeordnete Rolle. So war die antike Seelsorge durchaus eine weltliche. Erst mit dem Erstarken des Christentums wird Seelsorge religiös okkupiert und ihre Weltlichkeit ausgedünnt. Sie steht von nun an jahrhundertelang im Dienst von Kirchenzucht, Mission, Erhalt der Frömmigkeit und des Glaubens.

diesseits 4/2014

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