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„Der Dissens ist wohl wichtiger“

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Der langjährige Bundestagsabgeordnete Rolf Stöckel zählt mit zu den ersten Unterzeichnern eines neuen Aufrufs für einen Arbeitskreis HumanistInnen und Konfessionsfreie in der SPD. Der ehemalige Bundesvorsitzende des Humanistischen Verbandes ist überzeugt, die Partei könne es sich nicht leisten, Atheisten und Freigeister zu ignorieren.
Montag, 1. Dezember 2014
Foto: © Evelin Frerk

Foto: © Evelin Frerk

Ein Versuch der Gründung eines Laizisten-Arbeitskreises scheiterte 2011 an der einstimmigen Ablehnung durch den SPD-Vorstand. Warum halten Sie die neue Initiative für erfolgversprechender?

Rolf Stöckel: Ich weiß nicht, ob diese neue Initiative erfolgreicher sein wird. Das wird wesentlich von der Zahl der Unterstützer abhängen und dem Druck, der entfaltet werden kann. Aber ein positives Bekenntnis zu den Werten der europäischen Aufklärung und zu emanzipatorischen Bestrebungen, die ja den Kern der Sozialdemokratie und ihrer Tradition ausmachen, müsste eigentlich sexy genug sein, um es diesmal nicht scheitern zu lassen.

Woher rührt die starke Unterstützung der Parteispitze für die bisher anerkannten Arbeitskreise?

Ich denke, die Unterstützung ist nicht bei allen Parteivorstandsmitgliedern für alle Arbeitskreise gleich groß, wenn Sie z.B. an die Selbstständigen in der SPD denken. Ein Arbeitskreis auf PV-Ebene bedeutet die Anerkennung eines Themas, von Interessen und der Gruppe in der Partei die den Diskurs darüber führt. Das besonders gute Verhältnis zu den beiden christlichen Kirchen gehört seit dem Godesberger Programm 1958, das mit der antiklerikalen Tradition brach, um die SPD nach dem Krieg in Westdeutschland wieder regierungsfähig zu machen, sozusagen zur „Parteiräson“.

Laut Umfragen bekennen sich 73 Prozent der SPD-Mitglieder zum Christentum. Das ist deutlich mehr als im Durchschnitt der Gesellschaft. Wenn man beachtet, dass es auch jüdische, islamische und alevitische Genossen gibt, wird die Differenz noch größer. Engagieren sich konfessionsfreie Menschen zu selten politisch?

Im 19. Jahrhundert und bis zum Hitlerfaschismus war „bekenntnislos sein“ und Sozialdemokrat fast deckungsgleich, das hat sich aus vielen Gründen geändert. Die Verfolgung von bekennenden Religionsgemeinschaften und Freidenkern durch Nazis und Stalinisten haben erheblich dazu beigetragen. Religiös organisierte Menschen organisieren sich wohl aus Gewohnheit eher in Parteien als die zu Individualismus und Nonkonformismus neigenden Religionslosen bzw. weltlichen Humanisten, die natürlich heute nach ihrem Geschmack auch mehr Alternativen zur SPD haben. Selbst die CDU ist nicht so blöd, dass sie die Gottlosen in den neuen Bundesländern ignoriert.

Die Initiative wird auch von Genossen mit alevitischem Bekenntnis unterstützt. Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie hier?

Diese Gruppen stellen in ihren Kulturkreisen jeweils die sozialliberale Opposition, die Pluralität, Anerkennung und gleiche Rechte einfordert. Auch eine striktere Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften. Wenn sich die Opposition in Fragen zum Verhältnis zwischen Staat und Religion dann aber zersplittert, was zur Natur der Nonkonformisten und philosophisch-kritischen Freigeister zu gehören scheint, muss sich niemand wundern, dass sie politisch im Abseits stehen.

Können sich im angestrebten Arbeitskreis auch Genossen mit laizistischen Haltungen wiederfinden?

Ich denke ja. Das wäre mal ein Zeichen von gemeinsamer politischer Strategie, aber der Dissens etwa zum Humanistischen Verband oder zu den Aleviten, die ja gleiche Rechte und staatliche Unterstützung für ihre Angebote einfordern, wie es für religiöse Organisationen selbstverständlich gilt, ist wohl größer und wichtiger, als eine pragmatische Vernunft mit dem Ziel, mehr Einfluss zu haben.

Was bleibt, wenn die Initiative scheitern sollte?

Mein Humor. „Man scheitert immer besser“ ist ein wichtiges Lebensmotto für mich. Aber ohne Versuch und Idee, die zu ihrer Verwirklichung drängt, geht nun mal nichts. Keine Partei kann es sich eigentlich leisten, die Gottlosen und Freigeister zu ignorieren, wenn die sich auch positiv und konstruktiv in den politischen Diskurs einbringen. Die SPD in ihrer aktuellen Verfassung erst recht nicht. Globalisierung und Informationszugänge über neue Medien produzieren viel Unsinn, aber tendenziell auch mehr religionskritische Haltungen und Persönlichkeiten, die lieber selbst denken. Es kommt auch darauf an, ob wir mit unserer Sinngebung für viele eine überzeugende Alternative darstellen können. Gesellschaftlicher Fortschritt fließt im Zick-Zack, erst vor und oft wieder ein Stück zurück. Ich werde, solange es mir vergönnt ist, neugierig sein und versuche, meinen bescheidenen Beitrag zu leisten.