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Ein ganz normaler Teil der Gesellschaft

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Schätzungsweise etwa 2,5 Millionen Menschen in der Bundesrepublik sind nicht heterosexuell: schwule, lesbische, bi-, trans- oder intersexuelle Bürgerinnen und Bürger, die ein Leben frei von Gewalt, Diskriminierung und Fremdbestimmung führen wollen. Ihre stärkste politische Stimme ist der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD). 2015 feiert er das 25. Jubiläumsjahr seiner Gründung – und blickt auf bedeutende Fortschritte zurück.
Mittwoch, 18. Februar 2015
Foto: T. Wiethüchter

Eröffnung des bundesweit ersten Regenbogenfamilienzentrums im März 2013. Foto: T. Wiethüchter

Vor rund einem Jahr bekannte sich der prominente Fußballprofi und Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger öffentlich dazu, homosexuell zu sein. Sein Coming-Out löste internationale Aufmerksamkeit aus. Vertreter der Politik lobten den Schritt. Denn Hitzlsperger hatte ein Tabu gebrochen, in dem er seine Homosexualität bekannt machte. Weltweites Aufsehen löste ebenfalls vor kurzem Apple-Chef Tim Cook aus, als er Ende Oktober erklärt: „Ich bin stolz, schwul zu sein“. Doch während Homosexualität bei Prominenten im Fernseh-, Musik- und Showgeschäft schon länger als unspektakuläre Normalität akzeptiert ist, führt das Bekanntwerden bei Persönlichkeiten aus Politik, Sport oder Wirtschaft immer noch zu Diskussionen. Einen Grund benannte Thomas Hitzlsperger im Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT: „Es gibt in der Gesellschaft auch heute noch immer so etwas wie eine Pflichtsexualität.“

Zuchthaus, körperliche Gewalt, beruflicher und sozialer Ausschluss – wer in Deutschland bis weit in das vergangene Jahrhundert hinein als Mensch geboren wurde, der sich nicht in das traditionelle Geschlechtsrollenmuster einfügen konnte, war im besten Fall zu einem Leben mit Lügen verurteilt. Insbesondere schwulen Menschen drohten drastische Strafen, sofern ihnen homosexuelle Verhaltensweisen nachgewiesen werden konnten. Mehr als 140.000 Männer wurden aufgrund des „Schwulen-Paragraphen“ 175 StGB verurteilt, der nach seinem Inkrafttreten im Jahr 1872 bis 1994 in verschiedenen Fassungen existierte.

1990 in Leipzig gegründet

Das endgültige Ende der besonderen Strafbarkeit für Homosexuelle kam auch als ein Erbe der inzwischen untergegangenen DDR, die den entsprechenden Paragraphen nach einem Urteil des Obersten Gerichts bereits im Jahr 1987 abgeschafft hatte. Gegen die Ausweitung des noch geltenden § 175 auf die der Bundesrepublik beigetretenen Länder hatte vier Jahre zuvor bei den Verhandlungen über den Einigungsvertrag ein winziger, so gut wie unbekannter Verein mobilisiert: der nicht einmal ein halbes Jahr zuvor in Leipzig gegründete Schwulenverband in Deutschland (SVD). Im Einigungsvertrag wurde in der Folge die Übertragung des bundesdeutschen Strafrechts auf die neuen Länder ausgenommen. Das gespaltene Recht legte den Grundstein für die vollständige Aufhebung des Homosexuellen-Paragraphen. Es war ein Ereignis von hohem symbolischem Wert, aber nur ein gesetzlicher Schritt, um die gesellschaftliche Stellung von Menschen mit einer anderen als heterosexueller Identität zu verbessern.

Foto: LSVD

Kranzniederlegung am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin. Foto: LSVD

Viele weitere positive Entwicklungen hat es seit damals gegeben. Axel Hochrein, Sprecher des 1999 in Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) umbenannten SVD benennt die deutlichsten Veränderungen: „Gleichgeschlechtliche Paare sind nicht mehr rechtlos. Zwei Drittel der Bevölkerung sprechen sich in Meinungsumfragen stabil für gleiche Rechte aus. Offen homosexuell lebende Menschen können Regierungschef oder Bundesverfassungsrichterin werden.“

Der Lesben- und Schwulenverband war nicht die erste Homosexuellen-Organisation in Deutschland. Ab dem Beginn der 1970er waren diverse Vereine und Gruppen entstanden, die sich dem Kampf gegen die Kriminalisierung von Homosexuellen und für die Emanzipation und Gleichstellung verschrieben hatten. Homosexuelle Aktion Westberlin, Internationale Homophilen-Welt-Organisation, Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft, Bundesverband Homosexualität, Lesbenring. Doch nur wenige konnten sich dauerhaft etablieren. Und noch weniger Zusammenschlüssen gelang es, Menschen über die Grenzen der eigenen Szene hinaus anzusprechen.

Dialog mit der Politik oft zäh, doch unverzichtbar

„Die Kirchen sind traditionell immer eher Bremser als Motor der Gleichstellung und gesellschaftlichen Akzeptanz gewesen“, sagt Axel Hochrein. Er kennt jedoch auch positive Beispiele, die vor allem für den LSVD prägend wurden. „Die Wurzeln unseres Verbands liegen in der Bürgerrechtsbewegung, die sich in der DDR ab 1982 im Kontext der evangelischen Kirche und als Teil der DDR-Opposition gebildet hatte“, so Hochrein weiter. Hauptorganisator der Bewegung sei der Theologe und Journalist Eduard Stapel gewesen. Stapel wurde auch treibende Kraft bei der SVD-Gründung, so Hochrein. Nach der Gründung setzte sich die Verbindung zwischen LSVD und kirchlichen Kräften fort. So rief 1992 eine gemeinsam von LSVD und der 1977 auf dem Kirchentag in Stuttgart gegründete Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche organisierte Prominenten-Initiative zu einer Ergänzung in Artikel 3 des Grundgesetzes auf, nach der niemand wegen seiner sexuellen Identität diskriminiert werden darf. Dieses Ziel hat die LSVD-Kampagne 3+ bis heute nicht erreicht.

Foto: LSVD

Aktion vor dem Bundesjustizministerium 2011 – das Ziel der Kampagne 3+ wartet noch auf ihren Erfolg.

Zahlreiche öffentliche Aktionen, Initiativen und Kampagnen wurden durch den Verband seit Beginn der 1990er Jahre ins Leben gerufen. Sie halfen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Probleme und Anliegen von LGBTI (aus dem Englischen übernommene Abkürzung für lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle Menschen, d. Red.). Doch vor allem die nüchterne Sacharbeit hat maßgebliche Beiträge für die politischen Erfolge geleistet: Beratungsstellen, detaillierte Berichte über Gewalt und Benachteiligung, Konferenzen, Wahlprüfsteine, Medienkontakte, internationale Kooperationen, Gespräche in Parlamenten oder Ministerien und – schließlich – gerichtliche Klagen bildeten die unzähligen Stufen zum Fortschritt. „Der Dialog mit der Politik findet oft außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung statt, er ist oft zäh und Kleinarbeit, aber unverzichtbar, wenn wir vorankommen wollen“, so Axel Hochrein.

Ein Ranking der Erfolge sei schwer festzulegen, sagt er. „Die Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft 2001, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006, die Verfassungsgerichtsentscheidungen zum Transsexuellengesetz und zum Lebenspartnerschaftsgesetz“, bezeichnet er als Symbole für größere Entwicklungen in den letzten 25 Jahren. Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg, nennt außerdem „die deutlich erhöhte Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen in der Gesellschaft“ sowie die Eröffnung des ersten Regenbogenfamilienzentrums in Berlin im vergangenen Jahr. Die in den letzten Jahren entstandene breite gesellschaftliche Anerkennung und Bejahung der Gleichberechtigung bezeichnet Axel Hochrein als „historisch wichtige Zäsur“.

Haltung der katholischen Kirche „unverändert hart“

Er betont auch, man dürfe jedoch weiterhin nicht ausblenden, dass in Teilen der Gesellschaft „Homo- und Transphobie“, also die feindselige Ablehnung von LGBTI, immer noch „hoch virulent“ seien. Seitens der etablierten Parteien kämen Ablehnung und Desinteresse traditionell vor „allem aus den Reihen der CDU/CSU sowie religiösen Organisationen und Institutionen, die eine fundamentalistische Idee von Religion leben.“ Und auch bei „der katholischen Amtskirche ist die Haltung zur Homosexualität unverändert hart geblieben“, sagt Hochrein, auch wenn die „Kirche in Deutschland derzeit die Tonlage mäßigt.“ Als „besonders enttäuschend“ bezeichnet er es, dass sich die „Evangelische Kirche in Baden-Württemberg jüngst mit den extrem homophoben Protesten gegen Vielfalt im Bildungsplan gemein gemacht hat.“ Und das Erstarken entsprechender Bewegungen während der vergangenen Jahre in ganz Europa zeigt sich auch in Deutschland. Hochrein beobachtet eine „homophobe Mobilisierungswelle, getragen unter anderem von der rechtspopulistischen AfD“.

Was ist Homophobie? Homophobie ist eine soziale, gegen nicht-heterosexuelle Menschen gerichtete Feindseligkeit. Es handelt sich um eine irrationale, sachlich nicht begründete, Aversion gegenüber homosexuellen, bisexuellen und transidenten Menschen und ihren Lebensweisen. Homophobie hat viele Facetten und Ausdrucksformen: Diskriminierung, Ausgrenzung und Benachteiligung, Beleidigung, Mobbing, Körperverletzung und Sachbeschädigung, Verschwörungstheorien, Hassparolen und Hetzartikel.

Zwar seien solche Gruppen in Deutschland derzeit noch in der Minderheit. „Aber sie haben angefangen, neu zu mobilisieren und sie sind nicht ohne Wirkung.“ In der Regel richten sich diese Gruppen nicht nur gegen die erreichte Akzeptanz von LGBTI. Die Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen beim Recht auf Familienplanung stehen ebenfalls auf der Agenda wie völkische, nationalistische und anti-europäische Ideen. Es sei ein wichtiger Fortschritt, dass es mittlerweile in „allen demokratischen Parteien Politikerinnen und Politiker gibt, die sich für unsere Anliegen stark machen“, sagt Axel Hochrein.

Migranten erleben oft zweifach Diskriminierung

Dass heute mehr Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund haben als vor 25 Jahren stellt eine besondere Herausforderung dar. Axel Hochrein erläutert: „In Deutschland leben Millionen Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte. Oft wird nicht wahrgenommen, dass darunter selbstverständlich auch viele LGBTI sind. Sie erfahren häufig mehrfache Diskriminierung. Innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft erleben sie Rassismus und ungleiche Chance, mitunter sogar in der LGBTI-Community“, so Hochrein. „Je nachdem, ob im Herkunftsland repressive Haltungen gegenüber LGBTI vorherrschen, erfahren sie in ihrer Familie und Herkunftsgruppe möglicherweise stärkere Ablehnung als LGBTI in der Mehrheitsgesellschaft.“

Der Dialog mit den Migrantenorganisationen sowie Informations- und Beratungsangebote stünden hier im Vordergrund. Bei seinen Projekten und Vorhaben kann der Verband mittlerweile auf die Unterstützung von mehr als 4.000 Mitgliedern bauen. Neben den Einzelpersonen stellen rund 150 verschiedene zivilgesellschaftliche und politische Gruppen als Mitgliedsorganisationen das Fundament des Bundesverbandes dar, der sich ausschließlich aus Mitgliederbeiträgen und Spenden finanziert. Finanzielle Unabhängigkeit sei wichtig, betont Axel Hochrein. „Öffentliche Mittel wollen wir nur für zweckgebundene Aufgaben und Projektarbeit, die wir wahrnehmen, weil sie der Staat nicht leisten kann oder will, wie z.B. unsere Familienprojekte und Aufklärungsprojekte im Sport.“

Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl 2013: Ehe für alle – dieses Ziel bleibt. Foto: LSVD

Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl 2013: Ehe für alle – dieses Ziel bleibt. Foto: LSVD

Bis heute hat sich ein Netz aus Landesverbänden gebildet, denn die Medienpräsenz und die Präsenz vor Ort seien gleichermaßen wichtig. „Ohne Niederschlag in den Medien dringen Forderungen auf politischer Ebene nicht durch. Gleichzeitig sind die besten Methoden, um wirksam gegen Homo- und Transphobie und Vorurteile anzukämpfen, direkte Begegnung und Dialog.“ Die regionale Aufstellung variiert jedoch sehr stark. Während in Berlin, die traditionell als „Szene-Metropole“ gilt, heute ein kleines Team aus Angestellten sowie Praktikantinnen und Praktikanten aktiv ist, basiert die Arbeit in den meisten Bundesländern ausschließlich auf dem Ehrenamt. Workshops, Informationsstände und Vortragsveranstaltungen, Camping für Regenbogenfamilien und Wandergruppen sowie Jugendarbeit zählen zum Portfolio der regelmäßigen Angebote.

Breite Bündnisse auch in Zukunft wichtig

Mit den Jahren ist die internationale Zusammenarbeit ebenfalls stärker in den Fokus gerückt. Regelmäßig berichten in Deutschland Aktivistinnen und Aktivisten aus anderen Ländern über die Probleme und Entwicklungen in ihrer Heimat. In Uganda etwa stoppte im Frühjahr das hiesige Verfassungsgericht nach massiven internationalen Protesten ein Gesetz, dass das Strafrecht auf drastische Weise verschärft und ein selbstbestimmtes Leben für Homosexuelle praktisch unmöglich gemacht hätte. Doch auch wenn das Gesetz nicht in Kraft treten konnte, ändert dieser Etappenerfolg wenig an der weitverbreiteten und tief verwurzelten Abneigung in der Landesbevölkerung gegenüber Menschen, nicht heterosexuell sind. Im globalen Vergleich am schlechtesten ist die Lage für LGBTI in afrikanischen und arabischen Länder sowie einigen Staaten auf dem indischen Subkontinent. Homosexuelle Handlungen sind in zahlreichen Ländern verboten, in einigen werden sie sogar bis heute mit dem Tod bestraft.

Foto: LSVD

Proteste zum Besuch von Benedikt XVI. 2011 in Berlin. Breite Bündnisse bleiben auch in Zukunft wichtig. Foto: LSVD

Axel Hochrein zeigt sich trotz der von nationalistischen und religiös-fundamentalistischen Teilen in Deutschland betriebenen Renaissance gegenüber LGBTI intoleranter und feindlicher Haltungen optimistisch, in den nächsten Jahren die volle rechtliche Gleichstellung erreichen zu können. „Die drei großen G: Gesetze, Grundgesetz und Gesellschaft stehen auf der Liste“, sagt Axel Hochrein dazu. Dabei setze der Lesben- und Schwulenverband auf breite gesellschaftliche Bündnisse aus Vereinen und Verbänden, Gewerkschaften und Unternehmen, Medien, Wissenschaft, Kultur und Sport sowie Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. „Wir wollen, dass die erkämpften Rechte ohne Einschränkungen gelebt werden könnten, dass überall akzeptiert wird: Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender sind Teil des gesellschaftlichen Alltags.“