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Probleme klar ansprechen

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Der Diplompsychologe und arabische Israeli Ahmad Mansour erhält in diesem Jahr den vom Berliner Senat vergebenen Moses-Mendelssohn-Preis.
Montag, 1. September 2014

Im Interview meint der Preisträger und Leiter des Berliner Integrations- und Gleichstellungsprojekts Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre, dass auch die deutschen Islamverbände in der Pflicht sind, sich gegen die Unterdrückung nichtreligiöser Menschen in muslimisch geprägten Ländern einzusetzen.

Herr Mansour, wie steht es in Berlin um die interkulturelle und religiöse Toleranz?

Ahmad Mansour: Es passiert in Berlin sehr viel. Wir bei Heroes sind für die Ausbildung der zukünftigen Polizistinnen und Polizisten mitverantwortlich. Mitarbeiter jeder Polizeistelle werden von uns drei Tage lang trainiert. Das finde ich klasse! Wir sind außerdem sehr oft in Schulen und Jugendzentren. Aber es gibt noch viel zu tun und leider gibt es auch ganz viele, die unter interkultureller Toleranz etwas anderes verstehen. Hier müssen wir eine Gegenstimme schaffen. Es kann nicht sein, dass man unter Toleranz Verharmlosung und Relativierung versteht. Es kann nicht sein, dass wegen der „Toleranz“ bestimmte Probleme, die wir haben, gar nicht mehr angesprochen werden, wie Antisemitismus, Islamismus und Ungleichheit zwischen Männer und Frauen.

Wie schätzen Sie den Einfluss von antisemitischen Überzeugungen ein?

Antisemitismus ist ein herkunftsübergreifendes Phänomen. Und hier müssen wir noch viel Arbeit leisten. Unter einigen Muslimen ist Antisemitismus viel mehr ausgeprägt und stellt meiner Meinung nach eine der größten Herausforderungen unserer Zeit dar. Bisher fehlt es aber an Motivation und vor allem an Konzepten, um dieses Problem zu bekämpfen.

Und was trägt dazu bei, dass Muslime sich radikalisieren?

Erstens die Verharmlosung durch die Politik und andere Akteure. Zweitens die verantwortungslose Haltung der muslimischen Verbände und Vereine, die kein Interesse haben, dem Problem ernsthaft nachzugehen. Und drittens das Unwissen über die pädagogischen Konzepte, mit denen man diese Jugendlichen erreichen und ihnen Alternativen anbieten kann. Und natürlich die Diskriminierungserfahrungen der Jugendlichen, ich nenne es auch eine Art von Ihr-und-wir-Debatte.

Welche Rolle spielen hier Gruppierungen wie „Die wahre Religion“?

Sie spielen eine starke und direkte Rolle bei der Radikalisierung, weil sie intensiv missionieren und den Jugendlichen ein Schwarz-Weiß-Weltbild anbieten, Feind- und Opferrollen schaffen und den Jugendlichen eine einfache, aber klare Orientierung und Identität anbieten, in der sie sich selbst aufwerten und andere abwerten.

Und wie finanzieren sich solche Gruppen?

Meistens durch Spenden, aber vor allem fußen ihre Aktivitäten auf ehrenamtlicher Arbeit.

Welche Haltungen sind unter muslimischen Migranten denn gegenüber nichtreligiösen, atheistisch denkenden Menschen verbreitet?

Bei einigen Abwertung und Intoleranz! Nicht bei allen, aber bei vielen, und auch bei Deutschen, die sich radikalisieren. Und übrigens, es sind nicht muslimische Migranten, sondern muslimische Deutsche.

Entschuldigung bitte, und danke für Ihren Hinweis. Wie lässt sich am besten darauf hinwirken, dass sich ablehnende oder aggressive Haltungen verringern?

Wir brauchen neue Konzepte und wir sollten die Ihr-und-wir-Debatte abschaffen. Wir müssen den Jugendlichen kritisches Denken und Nachfragen beibringen und es zusammen mit ihnen üben. Wir brauchen Aufklärung. Und vor allem brauchen wir muslimische Vorbilder, die ihnen Alternativen anbieten. Auch Elternarbeit ist hier wichtig und außerdem sollten endlich die Verbände und die Moscheen Verantwortung übernehmen und die Inhalte, die von Radikalen instrumentalisiert werden in Frage stellen und ernsthaft diskutieren. Damit meine ich die Angstpädagogik, Geschlechtertrennung, Tabuisierung der Sexualität und Exklusivitätsansprüche.

Atheisten und andere Menschen, die nicht den islamischen Glauben teilen, sind insbesondere in mehrheitlich von muslimischen Gläubigen geprägten Gesellschaften von Gewalt und Verfolgung bedroht. Wie lässt sich von Deutschland aus darauf hinwirken, dass sich diese Situation verbessert?

Man soll bei der politischen und diplomatischen Arbeit solche Probleme ganz klar ansprechen. Deshalb sollten die europäischen Hilfen in solchen Länder mehr in Form von Aufklärung und Förderung von demokratischem Denken investiert werden und nicht nur Projekte fördern, die keine nachhaltige Wirkung zeigen.

Würden Sie sagen, dass auch die muslimischen Communities in Deutschland in der Pflicht sind, auf diese Gesellschaften einzuwirken, damit sich die Gefahren und Probleme für nichtgläubige Menschen verringern?

Definitiv! Wir müssen alles tun, damit alle Menschen gleichberechtigt leben können. Egal, ob sie glauben oder nicht, und egal, welche sexuellen Einstellungen der einzelne Mensch hat.

Wie hat sich die gesellschaftliche Lage in den letzten Jahren verändert?

Leider ist dieses Land ungemütlich für Menschen wie mich geworden. Die Jugendlichen zeigen in den letzten Jahren Tendenzen zur Radikalisierung und aus Angst vor Vorurteilen wurden manche Themen zum Tabu. Das ist für die gesellschaftliche Debatte keine gute Entwicklung.

Wenig begeistert haben Sie sich von der jüngsten Neuausrichtung der Deutschen Islam Konferenz gezeigt. Warum?

Weil die Neuausrichtung den Verbänden die Exklusivität gibt, den Islam in Deutschland zu repräsentieren, was nicht der Realität entspricht. Dazu kommt, dass die Verbände einen sehr konservativen und meiner Meinung nach auch und teil problematischen Islam predigen. Was die Herausforderung und die Probleme der muslimischen Community in Deutschland angeht, sind die Verbände mehr Teil des Problems als Teil der Lösung.

Was halten Sie von dem Vorschlag, dass es statt der nur auf die islamischen Verbände fokussierten Veranstaltung so etwas wie eine Deutsche Konferenz der Religionen und Weltanschauungen, an der Vertreter aller Bekenntnisse teilnehmen, geben soll?

Ich bin bereit, darüber nachzudenken! Sicher ist jedenfalls, dass die Islamkonferenz, wie sie gerade läuft, keine Hilfe ist. Aber es ist sicherlich eine Tatsache, dass der Islam zu Deutschland gehört genau wie die anderen Religionen und Weltanschauungen.

Foto: privat

Moses-Mendelssohn-Preis für Ahmad Mansour Mit der vom Berliner Senat gestifteten Auszeichnung wird alle zwei Jahre eine Persönlichkeit geehrt, die zur Verwirklichung und Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern, Ethnien und Religionen beigetragen hat. Die Jury würdigte Ahmad Mansour in ihrer Begründung als „eine in herausragender Weise engagierte und couragierte Persönlichkeit“. Durch seine Publikationen und seine Arbeit in migrantischen Gemeinschaften trage er dazu bei, Vorurteile gegenüber Juden in Deutschland und in Europa ebenso abzubauen wie Stereotypien zum Staat Israel. Staatssekretär Tim Renner sagte in einer Pressemitteilung zur Entscheidung der Jury, Mansour „ist ein weltoffener, junger Aufklärer im Geist Moses Mendelssohns, der aktiv und mutig dazu beiträgt, unsere Gesellschaft toleranter werden zu lassen.“ Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 15. September 2014 im Berliner Rathaus verliehen.

Was bedeutet es Ihnen, den Moses-Mendelsohn-Preis erhalten zu haben?

Ich empfinde einfach Stolz, aber auch Dankbarkeit. Es ist für mich eine Verpflichtung, die Aufklärungsarbeit mit Mut und Ausdauer, solange ich es kann, weiterzuführen. Und immer Aufklärung, Toleranz und Menschenrechte vor Augen zu halten.

Und welchem Tätigkeitsschwerpunkt wollen Sie sich in den nächsten Jahren verstärkt widmen?

Der Bekämpfung von radikalen Kräften und radikalen Tendenzen bei Jugendlichen, insbesondere dem Islamismus, Salafismus und Antisemitismus.

Herr Mansour, vielen Dank für das Interview.