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Afghanistan: Kruzifix-Torte und Gebetskuchen für US-Soldaten

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Spezielle Delikatessen für Leib und Seele: Ein US-Soldat enthüllt, was Teilen der NATO-Streitkräfte in Afghanistan aufgetischt wird.
Mittwoch, 22. Juni 2011

In der vergangenen Nacht kündigte US-Präsident Barack Obama den Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan an. Die Gründe sind im wesentlichen die horrenden Kriegskosten, die dem Wähler nicht mehr zu vermitteln seien. Bis zur Präsidentschaftswahl am 6. November 2012 sollen dann mehr als 20.000 US-Soldaten aus Afghanistan zurückgekehrt sein. Damit dürften Obamas Chancen zur Wiederwahl etwas steigen. Kaum in westliche Medien diskutiert wurde die Tatsache, dass die Einsatzkräfte im Land am Hindukusch oftmals nicht als neutrale Truppen zur Sicherung von Frieden und Stabilität, sondern als Vertreter der christlichen Zivilisation und entsprechender Ideen wahrgenommen worden sind. Woher das rührt, illustrierten kürzlich enthüllte Aufnahmen aus einer US-Militärkantine vom April.

Christliche Torten 2

Die von einem US-Soldaten veröffentlichten Fotos zeigen, wie der sendungsbewusste Kult um den christlichen Glauben in US-Kantinen zelebriert wird. Zu sehen ist, dass den Militärangehörigen im Kampfeinsatz während der Ostertage eine rund zwei Meter lange Torte in Kreuzform und mit der Aufschrift „Danke, Jesus" aufgetischt wurde. Eine weitere Aufnahme zeigt eine Torte, deren Aufschrift den Glauben an den legendären Sohn Gottes als einzigen Weg zu einem ewigen Leben preist. Der für die Bilder verantwortliche US-Soldat, der anonym bleiben möchte, war auf einer vorgelagerten Operationsbasis in Afghanistan stationiert. Es heißt, er war erst nach der Rückkehr vom Einsatz in der Lage, die Bilder via E-Mail zu verschicken.

Die Vorgaben der Militäradministration sehen grundsätzlich vor, dass jegliche Bekehrungsversuche im Dienst zu unterlassen sind. In der Praxis gibt es jedoch nur wenige offizielle Beschwerden über Verstöße, da viele nichtreligiöse Soldaten die Reaktionen der gläubigen Mehrheit und Konsequenzen für ihre berufliche Laufbahn fürchten. Mehr als zwei Drittel der US-Soldaten haben laut Erhebungen einen christlichen Glauben, nur ein halbes Prozent aller in den Streitkräften organisierten Menschen bekennt sich offen zu einer atheistischen oder agnostischen Geisteshaltung.

Dafür, dass es so bleiben kann, ist gesorgt. Denn rund zwei Drittel der US-Militärseelsorger sind evangelikal, knapp ein weiteres Viertel gehört ebenfalls christlichen Denominationen an. Immer wieder wurden Werbefilme bekannt, in denen an Hochschulen für ein christliches Engagement in den Streitkräften geworben wurde. Al Jazeera berichtete über Aufforderungen zur Bekehrung der am späteren Truppenstandort einheimischen Menschen. Das bizarre Phänomen von auf Zielfernrohren eingestanzten Bibel-Zitaten sorgte wenige Tage für Aufsehen. Säkulare Organisationen haben die Gefahren eines evangelikalen Militärs ausführlicher diskutiert.

Wenig Bedacht in entsprechenden Spannungsverhältnissen legte in der Vergangenheit trotz internationalen Engagements auch die deutsche Bundesregierung an den Tag. Etwa wenn die kirchliche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf den offiziellen Präsenzen dem globalen Internet verkündete, die christlichen Vorstellungen würden nicht an den Grenzen Deutschlands oder der Europäischen Union enden, sondern weltweit gelten. Wie das deutsche Engagement da in Ländern mit hohem Anteil gläubiger Muslime verstanden werden kann, erfordert wenig Phantasie.